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Aus der Stadt Der Grenzgang der Lehmann-Grubes
Hannover Aus der Stadt Der Grenzgang der Lehmann-Grubes
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12:16 28.10.2009
„Herzlich in Leipzig aufgenommen“: Ursula Lehmann-Grube in Hannover Quelle: Nico Herzog

In Hannover schlug die Nachricht 1990 ein wie eine Bombe: Oberstadtdirektor Hinrich Lehmann-Grube würde gewissermaßen auswandern, um Oberbürgermeister in Leipzig zu werden, einer Stadt, die eben noch hinter dem Eisernen Vorhang gelegen hatte. Er musste sogar die DDR-Staatsbürgerschaft annehmen, um dort kandidieren zu können. „Wir zogen mit Haut und Haar nach Leipzig“, sagt seine Frau Ursula Lehmann-Grube heute.

Es gibt Ereignisse, deren historische Größe man schon im Moment des Erlebens empfindet. Die „Wende“ gehört fraglos dazu. Auch deshalb riet ihr damals Rolf Wernstedt, ein Freund der Familie, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Jetzt hat sie ihr „Leipziger Tagebuch 1990/91 – Als ich von Deutschland nach Deutschland kam“ (Lehmstedt Verlag, 334 Seiten, 19,90 Euro) veröffentlicht. Es ist das Protokoll eines Grenzgangs.

Fast ein wenig preußisch wirkt die gebürtige Hanseatin und Wahlsächsin, wie sie so dasitzt. Schlank und kerzengerade, sprachlich nüchtern, mit fester, aber warmer Stimme liest die 71-Jährige im Neuen Rathaus in Hannover aus ihrem Buch. Oft geht es um die Arbeit ihres Mannes. Um die verrottete Infrastruktur im Leipzig von 1990, um komplizierte Eigentumsverhältnisse, um Stasi-Affären und die Angst der Leipziger, ihre traditionsreiche, aber unrentable Messe aufgeben zu müssen. Für Leipzig ist die Messe etwa so wichtig wie der Karneval für Köln.

„Kommunalverfassungen sind Ländersache – und da es anfangs noch keine Länder gab, war auch für die Finanzen der Städte nicht gesorgt“, sagt Hinrich Lehmann-Grube. Ihr Mann sei oft erst nach 16-stündigen Arbeitstagen aus dem Rathaus heimgekehrt, mal euphorisch, mal „so niedergeschlagen, dass mir kalt wurde bei seinem Anblick“, schreibt seine Frau. Politik kann Plackerei sein, wenn eine alte Ordnung abgedankt hat und aus dem Chaos eine neue erschaffen werden muss. Fast noch interessanter sind ihre Alltagsbeobachtungen. „Ich muss meine Einkaufszeit ändern“, notierte sie an einer Stelle. „Durchschnittsalter der Kundinnen vormittags geschätzte 30 Jahre höher als nachmittags.“ Die typische DDR-Bürgerin war eben berufstätig. Ein andermal klagte sie („Nur nicht an meinen Herrenhäuser Wochenmarkt denken“) über Plastik-Schund und welke Apfelsinen: „Ich merke, wie ich allergisch werde gegen die ergebene Selbstverständlichkeit, mit der die Leute eine Schlange bilden.“ An solchen Stellen offenbart der West-Blick auf den Ost-Alltag Mentalitätsunterschiede.

„Wir wurden von den Leipzigern aber sehr herzlich aufgenommen“, sagt Ursula Lehmann-Grube. „Wir sind früh gekommen, als es noch ein Bonus war, aus dem Westen zu stammen.“ Danach kühlte sich das Verhältnis zwischen „Wessis“ und „Ossis“ ab: „Wer später kam, hatte es schwerer.“ Ihr Mann, bis 1998 höchst erfolgreicher Oberbürgermeister, ist inzwischen längst Ehrenbürger von Leipzig. Beide sind nur für die Lesung nach Hannover gekommen, sie leben nach wie vor in Leipzig. „Mühselig waren die ersten Jahre dort“, sagt Ursula Lehmann-Grube. „Aber das Geschenk der Deutschen Einheit zu gestalten war die Mühe wert.“

Bei der Lesereihe „Wende 89“ sind am 28. Oktober Clemens Meyer und am 2. November Jana Hensel jeweils um 20 Uhr in der Stadtbibliothek zu Gast.

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