Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Der Guillaume-Mythos von Hannover
Hannover Aus der Stadt Der Guillaume-Mythos von Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:53 30.11.2009
Von Conrad von Meding
Bewahrt bis ins letzte Detail: Das Erdgeschoss des hannoverschen Gropius-Hauses atmet den Geist der fünfziger Jahre. Quelle: Martin Steiner

Manche Geschichten sind derart schöne Mythen, dass man sie am besten gar nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen möchte. Sie verlieren ihren Reiz durch die Konfrontation mit der harten Wirklichkeit. So ist es auch in diesem Fall. In einem abhörsicheren Keller in Hannover, so wird seit Jahren erzählt, sollen dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt brisante Details im Spionagefall Guillaume enthüllt worden sein, der ihn später zum Rücktritt zwang. Das Haus ist nicht unbekannt: Es ist das erste Wohngebäude, das der berühmte Bauhaus-Architekt Walter Gropius nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Deutschland gebaut hat. Der Öffentlichkeit ist es normalerweise nicht zugänglich, inzwischen residiert dort der Bund Deutscher Architekten (BDA). Heute Abend öffnet der BDA das Gebäude für zehn HAZ-Leser und zeigt auch den Keller, in dem das geheimnisumwobene Gespräch stattgefunden haben soll.

Um es vorweg zu nehmen: Belege für den Spionagemythos scheint es nicht zu geben. Die Geschichte spielt in den siebziger Jahren, Brandt durchlebte eine Tiefphase als Kanzler, als sich Hinweise auf einen Spion in seinem Umfeld verdichteten. Günter Guillaume war einer der engsten Mitarbeiter Brandts und hatte jahrelang für die Staatssicherheit der DDR Informationen gesammelt – weniger mit politischer Brisanz als mit gesellschaftlicher Sprengkraft: Es ging vor allem um die Frauengeschichten des SPD-Kanzlers.

Bekannt ist, dass der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher schon im Mai 1973 von Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau auf die Spionage hingewiesen wurde. Nollau aber bat, mit der Enttarnung zu warten. Genscher informierte zwar Brandt, der aber ließ die Sache laufen. Erst Ende März 1974 spitzte sich die Affäre zu, im April bekamen Medien Wind von den Vorgängen, am 7. Mai trat Willy Brandt zurück.

Irgendwann in dieser Zeit, so geht der Mythos, sollten Brandt während eines Hannover-Aufenthalts brisante Neuigkeiten berichtet werden. Doch wegen der latenten Spionage-Gefahr musste kurzfristig ein abhörsicherer Raum gefunden werden. Der Tross an Kanzlerberatern soll sich auf den gerade fertiggestellten Keller des Gropius-Hauses besonnen haben, das der hannoversche Textilunternehmer Wilhelm Stichweh sich 1953 im Alleehof 4 hatte errichten lassen. Tatsächlich hat das Haus bis 1974 einen Keller mit Schwimmbad und Sauna erhalten, der Bereich muss damals ganz neu gewesen sein. Dort soll das Gespräch stattgefunden haben. Allein, es mangelt an Terminen, zu denen Brandt den Saunakeller in Hannover hätte betreten können.

Wer Fragen zu den letzten Amtstagen des ehrwürdigen Kanzlers hat, den verweist die Parteizentrale an die Friedrich-Ebert-Stiftung und die wiederum an die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, die an das Willy-Brandt-Archiv in Bonn vermittelt. Dessen neuer Leiter Harry Scholz hält den hannoverschen Mythos für „wenig wahrscheinlich“. Zur Messeeröffnung am 25. April 1974 etwa ist Brandts Anwesenheit in Hannover zwischen Flugzeuglandung um 9.15 Uhr und Abflug um 11.20 Uhr exakt dokumentiert. An solchen Tagen kann es keine Geheimtreffen in Kellern gegeben haben. Nur ein Termin bietet „Untiefen“, wie Scholz sagt: der Kanzlerbesuch am 7. April 1974. Abflug am Militärflughafen Köln-Wahn war um 18.30 Uhr. Um 20 Uhr hielt Brandt in Hannover eine Rede vor 99 SPD-Kandidaten zur Bundestagswahl. Am nächsten Morgen war er mit einem Sonderzug nach Hann. Münden gefahren und hielt eine Rede an der Polizeischule. Doch wo war er in der Nacht? War er möglicherweise im Stichweh-Keller?

Stichweh-Großneffe Hanno Ziehm hält es für unwahrscheinlich, dass „damals ein Unternehmer wie mein Großonkel für einen SPD-Kanzler das Haus zur Verfügung gestellt hätte“. Wilhelm Stichwehs Sohn Klaus Stichweh lebt in Frankreich und ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. So bewahrt das Haus seinen Mythos.

Der kubische, denkmalgeschützte Bau ist ein echtes Liebhaberstück. Der „alte Stichweh“, wie Wilhelm liebevoll genannt wird, hatte ein Händchen für moderne Architektur. Die Stichweh-Gebäude an der Georgstraße und der Vahrenwalder Straße, beide vom Architekten Zinsser, zeugen davon. Sein eigenes Wohnhaus ließ er von Gropius entwerfen, der vor den Nazis nach Amerika geflohen war. Es steht heute unter Denkmalschutz und bewahrt trotz der Anbauten, die das Ehepaar Stichweh Anfang der siebziger Jahre vornehmen ließ, bis ins Detail der Inneneinrichtung die Atmosphäre der fünfziger Jahre. Klaus Stichweh hat die untere Etage an den BDA-Landesverband vermietet, der das Haus für Sitzungen und Tagungen benutzt. Und heute Abend ist ein Adventseinblick erlaubt.

Betreten für HAZ-Leser erlaubt

Wer einen exklusiven Blick ins hannoversche Gropius-Haus werfen will, braucht nur etwas Glück: Unter allen Lesern, die am Dienstag bis 12 Uhr unter der Telefonnummer 0137-8180030 anrufen, losen wir bis 13 Uhr fünf Gewinner aus, die – jeweils mit Begleitung – um 19 Uhr vom hannoverschen BDA-Architekten Jan Grabau durch das Haus geführt werden. Die Führung dauert etwa 45 Minuten und ist kostenlos. Nur für den Anruf entstehen Kosten in Höhe von einmalig 50 Cent aus dem Festnetz der Telekom (Gebühren aus dem Mobilfunknetz können abweichen). Bitte hinterlassen Sie unbedingt eine Telefonnummer, unter der wir Sie zwischen 12 und 13 Uhr erreichen können.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit reichlich Sinn für Dramatik haben Studenten der Leibniz Universität am Montag in der Innenstadt Passanten auf ihre Studienbedingungen aufmerksam gemacht.

30.11.2009

Die Schüler der IGS List haben in Hannover einen Test gemacht: Wer greift ein, wenn Täter zuschlagen?

30.11.2009

Für die hannoverschen Karstadt-Mitarbeiter scheint jetzt traurige Wirklichkeit zu werden, was seit der Insolvenz der Warenhauskette im Sommer bereits als drohendes Szenario diskutiert wurde: Am Montag haben sich die Anzeichen verdichtet, dass das Heim- und Technikhaus geschlossen wird.

Stefanie Kaune 01.12.2009