Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Der Klang der Synagogen

Historische Orgel Der Klang der Synagogen

In der Villa Seligmann hat eine historische Orgel ihr Domizil gefunden – und soll nun jüdische Musiktraditionen aufleben lassen.

Voriger Artikel
Johnson Controls investiert in Standort Hannover
Nächster Artikel
MHH rutscht in die roten Zahlen

Andor Izsák zeigt die Orgeln in der Villa Seligmann. Diese Orgel stammt aus einer Berliner Synagoge, die Izsák in einer katholischen Kirche in Hessen gefunden hat. Hannover am 10. Oktober 2011.

Quelle: Martin Steiner

Hannover. Nein, diese Töne lassen keine Wände erzittern und keine Scheiben klirren. Der warme Klang dieser Orgel ist eher melancholisch als triumphal. Es geht kein Brausen durch die Luft, wenn Andor Izsák ihre sechs Register zieht und auf ihr spielt. „So klingt eben eine typische Synagogenorgel“, schwärmt der Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM). „Ihr fehlen die glänzenden Register, die im Barock als ideal galten“, sagt er. „Anders als eine Kirchenorgel ist eine Synagogenorgel für die Begleitung eines orientalisch singenden Kantors oder eines abendländisch singenden Chores im Gottesdienst gedacht – nicht für Soli.“

Vor einem halben Jahr hat das EZJM sein neues Domizil an der Hohenzollernstraße bezogen. Die Restaurierung der Villa, die einst der jüdische Conti-Direktor Siegmund Seligmann erbauen ließ, läuft noch auf Hochtouren – doch jetzt hat die Einrichtung ihr musikalisches Herzstück bekommen. Die Orgel, die rund 20 Jahre lang zerlegt in einer Lagerhalle schlummerte, ist in der Halle der Villa aufgebaut. „Den authentischen Klang einer Synagogenorgel kann man nicht in London hören und nicht in Paris – aber hier in Hannover“, sagt Izsák, dessen Lebensziel es ist, jene Musik zu bewahren, die bis zum Holocaust in Europas Synagogen erklang.

Vieles an der Geschichte dieser Orgel liegt im Dunkeln. Izsák hat sie einst in einer katholischen Dorfkirche im hessischen Weinsheim entdeckt, wo sie womöglich in der NS-Zeit gelandet war. Ein Orgelbauer hatte ihn auf das Instrument aufmerksam gemacht. Sicher ist, dass die Firma Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder die Orgel als „Opus 713“ im 19. Jahrhundert gebaut hatte. „Unser Archiv wurde jedoch im Krieg zerstört“, sagt deren Geschäftsführer Michael Schulz. Stand das Instrument einst im Privathaus einer wohlhabenden jüdischen Familie? Oder in einem jüdischen Krankenhaus in Berlin? „In Hessen kursierten auch Gerüchte, die Orgel habe früher Freimaurern gehört“, sagt Izsák.

Vor einem halben Jahr hat das Europäische Zentrum für jüdische Musik (EZJM) sein neues Domizil an der Hohenzollernstraße bezogen. Jetzt hat die Einrichtung ihr musikalisches Herzstück bekommen. Die Orgel ist in der Halle der Villa aufgebaut.

Zur Bildergalerie

Er glaubt, dass solche Legenden einst gesponnen wurden, um die jüdische Herkunft der Orgel zu kaschieren. Teils hätten Orgelbauer in der NS-Zeit sogar Unterlagen frisiert, um zu verschleiern, dass sie für Juden gearbeitet hatten. Das habe ihm auch Sauers langjähriger Firmenchef Werner Walcker-Mayer berichtet, der 1939 seine Lehre bei dem Traditionsbetrieb begonnen hatte. Womöglich wird die genaue Herkunft des Instruments also für immer unklar bleiben.

Die Herz-Jesu-Kirche in Weinsheim überließ Izsák die Orgel in den neunziger Jahren jedenfalls für einen guten Preis – und nahm ihm das Versprechen ab, das Instrument in den Dienst der Synagogenmusik zu stellen. Jetzt hat die renommierte Orgelfirma Oberlinger aus Rheinland-Pfalz das Instrument von Grund auf restauriert. „Es war wohl nach dem Krieg umgebaut worden, damit es wie eine Kirchenorgel klang – jetzt ist es wieder im ursprünglichen Zustand“, sagt Izsák. Erste Konzerte soll es nach der offiziellen Eröffnung der Villa Seligmann Anfang 2012 geben.

Izsák hat die Orgel der Siegmund-Seligmann-Stiftung geschenkt, die die Villa von der Stadt gekauft hat. Seine über Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung von Noten, Büchern und Tonträgern will der 67-Jährige, der in einem Jahr in Ruhestand geht, jetzt der Musikhochschule schenken. Die Sammlung – eine der wichtigsten zur jüdischen Musik in ganz Europa – soll dann in der Villa verwahrt werden. In deren Herrenzimmer hat bereits eine besondere Rarität ihren Platz gefunden: Der Spieltisch der Orgel, die einst in Budapests Großer Synagoge stand. „Darauf haben Liszt und Camille Saint-Saens gespielt“, sagt Izsák.

Als junger Musiker hat auch er selbst in den Sechzigern auf der gewaltigen Orgel gespielt. Ehe diese bei einem Umbau aus Budapests Synagoge weichen musste, hat er all ihre Töne aufgenommen. In der Villa Seligmann will er den Klang des Instruments, das rund 11 000 Pfeifen hatte, elektronisch rekonstruieren. „Diese Villa“, sagt er, „wird ein Ort sein, an dem jüdische Musik ihren Platz hat.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Anfang Juli heiratete Ernst August Erbprinz von Hannover Ekaterina Malysheva. Auf unserer Themenseite finden Sie Bilder, Videos und Berichte zur Promi-Hochzeit des Jahres in Hannover.

Schüsse lösen sich aus Maschinenpistolen der Polizei

Zwei Mal haben sich in dieser Woche Schüsse aus Maschinenpistolen von Polizisten gelöst, die auf den Weihnachtsmärkten für Sicherheit sorgen sollen. Verletzt wurde niemand.