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"Der Maschsee ist viel brauner als er erscheint"

Vor 80 Jahren eröffnet "Der Maschsee ist viel brauner als er erscheint"

Vor 80 Jahren – am 21. Mai 1936 – wurde der Maschsee eröffnet: Er war nicht nur als der Freizeit- und Erholungsort gedacht, der er heute ist. Nach Plänen der Nazis sollte der Maschsee vielmehr der Mittelpunkt monströser Monumentalbauten werden.

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Wurde von 80 Jahre eröffnet: der Maschsee.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Seine Hand weist über das Wasser: „Dort drüben am Westufer sollte der ,Turm der Partei‘ alles überragen - ein gewaltiges Machtsymbol“, sagt Karljosef Kreter. Der Historiker steht am Ufer des Maschsees. Dieser gilt vielen als Hannovers lauschigste Ecke, als heimliches Herz der Stadt. Heute jährt sich zum 80. Mal der Tag der Fertigstellung des künstlich angelegten Sees: Am 21. Mai 1936 wurde er offiziell eröffnet - im Rahmen einer großen Feier mit „Heil!“-Rufen, Hakenkreuzfahnen und martialischen Reden.

Unter Bauhistorikern und Kunst­experten gibt es seither immer wieder Streit darüber, wie sehr der Ungeist des Nationalsozialismus (NS) den Maschsee geprägt hat. Kreters Antwort fällt eindeutig aus: „Der Maschsee ist viel brauner, als er erscheint“, sagt der Leiter des städtischen Teams Erinnerungskultur. Zum Seegeburtstag hat die Stadt jetzt einen Audiospaziergang entwickelt: An sechs Hörstationen können Flaneure mit Smartphones sich über die Historie des Sees informieren. „Ein Spaziergang am See ist auch ein Spaziergang durch die deutsche Geschichte“, sagt Kreter.

Der Audiorundgang lenkt den Blick auch auf ein fast vergessenes Kapitel in der Geschichte des Sees; auf martialische Pläne, die die heutige Idylle zwischen Palmenpromenade und Strandbad in einem anderen Licht erscheinen lassen: Nach den Vorstellungen der Nazis sollte die Gauhauptstadt Hannover eine „der Baugesinnung des Dritten Reiches entsprechende Umgestaltung“ erfahren - und der Maschsee spielte dabei eine Schlüsselrolle. Nach Plänen des Stadtbaurats Karl Elkart sollte er von drei „Foren“ umgeben werden: Etwa am Standort des heutigen NDR sollte ein „Forum des Staates“ mit monumentalen Bauten entstehen. Ein kommunales Forum war zum Neuen Rathaus hin vorgesehen.

Alles dominieren sollte jedoch das Parteiforum mit dem mehr als 100 Meter hohen Turm: Hitler persönlich hatte 1940 verfügt, dass dieses - anders als ursprünglich vorgesehen - nicht am Waterlooplatz, sondern westlich des Maschsees angelegt werden sollte. Unweit der Stelle, wo später das Niedersachsenstadion auf Trümmerschutt gebaut wurde, war ein Stadion für 60.000 Besucher vorgesehen. Außerdem sollte halbkreisförmig die „Halle der Volksgemeinschaft“, in der 30.000 Menschen Platz finden sollten, in den See hineinragen. Dieser hätte dafür an anderer Stelle im großen Stil erweitert werden müssen - von gut 75 auf rund 140 Hektar.

Der Maschsee kurz nach der Fertigstellung im Jahr 1936 mit Blick auf den Fackelläufer.

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Am See sollte ein Aufmarschgelände für 200.000 Menschen geschaffen werden, ähnlich dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Noch im Krieg, als der See mit Holzgerippen und Flößen abgetarnt wurde, um feindlichen Fliegern keinen Orientierungspunkt zu bieten, gingen die gigantomanischen Planungen voran; erst 1942 wurden sie eingestellt. Realisiert wurden nur Fundamente für eine Zuschauertribüne an der Westseite des Sees. Die Betonmassen liegen heute teils unter dem Stadion und angrenzenden Grünflächen.

„Die Idee, den Maschsee anzulegen, gab es lange vor dem NS-Regime“, sagt Historiker Kreter: Der Architekt Theodor Unger hegte schon 1876 den Plan, die alljährlich überschwemmten Maschwiesen durch einen künstlichen See zu ersetzen. Später sammelte der Hannoversche Canoe-Club um den Tischlermeister Karl Thiele Tausende von Unterschriften für das Projekt.

1936: Zur Eröffnung des Maschsees startet eine Regatta.

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Angeschoben wurde dieses dann als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme schon vor der NS-Machtübernahme: Das Bürgervorsteherkollegium, dem heutigen Rat vergleichbar, stimmte im Oktober 1932 für das Projekt. Der bürgerlich-konservative Oberbürgermeister Arthur Menge verhandelte clever mit dem Reichsfinanzministerium und beschaffte Geld für das Großprojekt: Inklusive Uferbepflanzung soll der See 5 Millionen Reichsmark gekostet haben.

Obwohl die Idee nicht von ihnen kam, hätten die Nazis den See rasch für sich vereinnahmt, sagt Kreter: „Die Sportvereine am Westufer wurden gleichgeschaltet.“ Die heutige Waldorfschule - damals die Paul-von-Hindenburg-Jugendherberge - diente der Hitlerjugend (HJ) als Stätte der Führerausbildung. Außerdem schufen Künstler wie Georg Kolbe („Menschenpaar“) oder Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker mit der Löwenbastion Kunst im Sinne der NS-Ideologie: „Das Skulpturenprogramm transportiert das Körperideal gesunder Menschen“, sagt der Historiker.

Für ihn ist der Maschsee ein Musterbeispiel dafür, dass die NS-Herrschaft nicht nur auf Terror gründete. Sie bot auch Verlockungen wie eben jene Sport- und Freizeitvergnügen, für die der See die ideale Szenerie bot: „Der Maschsee sollte der ,deutschen Volksgemeinschaft‘ als Erholungsort zur Verfügung stehen“, sagt Kreter. „Wer nicht zur Volksgemeinschaft zählte, wurde dabei radikal ausgegrenzt.“ So standen am Seeufer Bänke, auf denen Juden nicht Platz nehmen durften. Und 1945 legten die Alliierten am Nordufer den Ehrenfriedhof an, auf dem Hunderte Ermordete beigesetzt wurden - die meisten hatte die Gestapo noch kurz vor Kriegsende auf dem Seelhorster Friedhof erschossen. „So erinnert der Maschsee heute nicht nur an die Täter“, sagt Kreter, „sondern auch an die Opfer der NS-Zeit.“

Audioführung und Geocache-Tour

Ein Stück Geschichte zum Hören: Am heutigen Sonnabend stellt die Stadt zum 80. Geburtstag des Sees den Audiospaziergang „Maschsee – Geschichte weiterdenken“ vor. Für die Bootsfahrt, bei der dieser präsentiert wird (Treffpunkt: 11 Uhr am Sprengel-Museum) gibt es nur noch sehr wenige Plätze. Künftig können Nutzer jedoch auf der Internetseite 
 www.erinnerungskultur-hannover.de sechs Audiodateien und einen Übersichtsplan herunterladen und auf MP3-Player oder Smartphone überspielen. An sechs Stationen des Ufers können sie dann auf eigene Faust Klangkollagen, Originalaufnahmen und Texte von Fachleuten zur Historie des Maschsees anhören. Dabei geht es auch um Themen wie die Bücherverbrennung und Nachkriegsbauten wie das Stadionbad.

Vom 13. Juni an wird es für Schüler ab dem 9. Jahrgang außerdem eine Geocache-Tour am Maschsee geben, die an einzelnen Stationen die NS-Geschichte vermittelt. Informationen und Arbeitsblätter für die Tour gibt es vom 13. Juni an ebenfalls auf www.erinnerungskultur-hannover.de.

 

„Großkampftag der Arbeitsschlacht“

Es war am Himmelfahrtstag. Mehrere Hunderttausend Besucher hatten sich buchstäblich auf zu neuen Ufern gemacht, um mitzuerleben, wie Oberbürgermeister Arthur Menge den Maschsee am 21. Mai 1936 offiziell eröffnete: „Wille zum Aufbau gab werkfrohen Händen den Segen der Arbeit. Freude, Gesundheit und Kraft spende fortan euch der See“, deklamierte Menge in seiner Rede – jene Zeilen, die bis heute auch in der Säule der Fackelträger-Skulptur zu lesen sind. Die 4,5 Meter hohe Plastik des Bildhauers Hermann Scheuernstuhl – bis heute streiten Experten darüber, ob der Sportler den Hitler-Gruß oder einen olympischen Gruß andeutet – wurde im Jahr darauf aufgestellt. Das Hakenkreuz über der Inschrift meißelte man 1945 heraus.

Am 21. März 1934 hatten die Nazis zum reichsweiten „Großkampftag der Arbeitsschlacht“ unter den Klängen des Badenweiler Marsches Hunderte von Arbeitslosen zur „Baustelle Masch“ marschieren lassen – zum ersten Spatenstich auf den Maschwiesen. Die propagandawirksame Beschäftigungsmaßnahme sah vor, dass statt mit Maschinen mit Muskelkraft gearbeitet werden sollte, um Männer in Lohn und Brot zu bringen. Die Arbeiter schaufelten für 64 Pfennig je Stunde – ein Hungerlohn.

Unter anderem musste der 1904 errichtete Bismarckturm, der in Verlängerung der Geibelstraße etwa in der heutigen Mitte des Sees gestanden hatte, abgetragen werden. Insgesamt 665 000 Arbeitstage leisteten Hunderte von Männern auf der Seebaustelle. Im Schnitt hoben sie das Becken zwei Meter tief aus, auf einer Fläche von rund 800 000 Quadratmetern. Die letzte Lore war am 11. September 1935 gefüllt. Im Jahr darauf folgte dann die offizielle Eröffnung. In seiner Ansprache bejubelte Gauleiter Bernhard Rust den Maschseebau als „bedeutsame völkische Tat“. Immer wieder wurde er von „Heil!“-Rufen unterbrochen.

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