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Aus der Stadt Der Menschen(er)forscher
Hannover Aus der Stadt Der Menschen(er)forscher
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17:17 12.02.2009
Professor Hinderk M. Emrich, MHH Hannover Quelle: Martin Steiner

Anfang Juli ist der ehemalige Direktor der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie 65 Jahre alt geworden. Jetzt wird er mit einer Feier offiziell in den Ruhestand verabschiedet.

Ausruhen kommt für Emrich jedoch nicht in Betracht. „Ganz ohne Stress kann ich nicht leben“, sagt er mit verschmitztem Grinsen. Tatsächlich scheint der Professor den ganzen Tag lang unterwegs zu sein. Hier eine Sitzung, dort ein Kongress, und zwischendurch muss seine kleine Tochter aus dem MHH-Kindergarten abgeholt werden. Der 65-Jährige erledigt all das unkonventionell. Notfalls parkt der alte Mercedes eben ein paar Minuten mit Warnblinkanlage, weil es so schneller geht, und das Mittagessen muss ausfallen. Für die Menschen nimmt sich Emrich allerdings immer Zeit. Selbst wenn das Telefon mitten in einem Gespräch klingelt. „Hallo, mein Lieber“, begrüßt der Professor dann einen Kollegen oder Bekannten. Und klingt dabei so entspannt, als hätte er den ganzen Tag beim Kaffee im Garten gesessen.

Arbeit ist für den Psychiater keine lästige Pflicht, sondern immer wieder eine spannende Herausforderung. An der MHH unterrichtet er beispielsweise internationale PhD-Studenten, die den angloamerikanischen Doktorgrad in systemischen Neurowissenschaften erwerben wollen. Daneben betreut er im International Neuroscience Insti-tute (INI) Patienten mit psychischen Problemen und arbeitet als Berater bei Kinofilmen und Theaterproduktionen.

Ebenso vielseitig wie die Aktivitäten des in Witzenhausen bei Kassel geborenen Wissenschaftlers ist seine Ausbildung. Von seinem Vater, einem philosophisch orientierten Germanisten, hat Emrich den Hang geerbt, die Dinge zu hinterfragen. Nach seinem Medizinstudium in Berlin und Bern, zahlreichen Forschungsarbeiten und einer Habilitation in molekularer Neurobiologie hat er neben der Arbeit am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie noch einmal Philosophie studiert. „Ich hatte das Gefühl, als reiner Naturwissenschaftler das Erbe meines Vaters zu verraten“, sagt der 65-Jährige. „Man sollte nicht immer nur eine Seite angucken.“

Schon während seiner neurobiologischen Habilitation an der Technischen Universität Berlin über die Anregung der in der Netzhaut des Auges liegenden Sehzellen durch Lichtquanten entdeckte Emrich seine Bestimmung für die Psychiatrie: „Die Physiologie war Weltklasseforschung. Aber ich hatte das Gefühl, ich kann das nicht mein Leben lang machen, weil ich nichts mit Menschen zu tun habe.“ Psychiatrie ist laut dem Professor „das schönste Fach“, weil sich darin Medizin, Philosophie und Kunst vereinigten. „Und man darf immer neugierig sein.“ Zwar fiel dem jungen Wissenschaftler das verlangte Praxisjahr in einer Psychiatrischen Klinik anfangs schwer. „Aber nachher wollte ich dort gar nicht mehr weg.“

Seit 1992 leitete Emrich die Psychiatrie an der MHH und machte sich in der Wissenschaftswelt unter anderem einen Namen als Experte für Synästesie (die Fähigkeit, beispielsweise Zahlen als Farben wahrzunehmen) und Schizophrenie. „Bei Schizophrenen ist die räumliche Wahrnehmung gestört“, erklärt er und zeigt eine bemalte Hohlmaske, die Schizophreniepatienten im Gegensatz zu Gesunden nicht als Hohlkörper sehen können. „Sie haben eine andere Wahrnehmungsarchitektur im Gehirn. Dadurch nehmen sie mehr Details wahr und sind im Alltag leicht überfordert, weil sie die Wirklichkeit nicht glätten können.“

Mit seinem umfangreichen Wissen über die menschliche Seele konnte der Psychiater häufig auch Filmregisseuren helfen – etwa bei Krisen in der Produktion. „Wenn ein Schauspieler einen Streit nicht überzeugend spielen kann, gehe ich mit ihm zurück zu einem Streit aus seiner eigenen Biografie“, sagt Emrich. „Dann macht er ein ganz anderes Gesicht, und das Gefühl kommt plötzlich von innen heraus.“ Darüber hinaus hat Emrich Regisseure wie Hans Weingartner („Das weiße Rauschen“) beraten und wird im Dezember wieder einmal selbst vor der Kamera stehen – diesmal als Mozarts Vater.

Neben Film und Theater liegt dem selbst Klavier spielenden Professor und vierfachem Vater aber auch die Musik am Herzen. So unterrichtete er nicht nur in Köln, Berlin und München die „Tiefenpsychologie des Kinos“, sondern dozierte an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Hannover auch über Psyche und Musik. Ihm zu Ehren gründeten vier Musikerinnen sogar das von der Violin-Professorin Jutta Rübenacker geleitete „Emrich Quartett“.

von Nicola Zellmer

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