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Aus der Stadt Der Paradiesvogel
Hannover Aus der Stadt Der Paradiesvogel
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16:27 15.06.2010
Verabschiedung des Amtsgerichtspräsidenten Dr. Volker Lessing, hier mit Ehefrau Roswitha und Vizepraesident Gerd Vogel, ganz rechts. Quelle: Martin Steiner

Der Titel Amtsgerichtspräsident klingt schon ziemlich würdevoll. Gericht und Präsident, staatstragender geht es kaum. Und Amtsgerichtspräsidenten wirken gemeinhin auch noch an Ehrfurcht gebietenden Orten. Man betritt ein großes Amtsgericht nicht selten durch ein hohes Säulenportal. So eine Architektur fordert nicht nur Respekt, sie schüchtert ein. Nicht nur die Angeklagten. Das ist auch in Hannover so.

Wer aber zwei Treppen in der wilhelminischen Eingangshalle hochsteigt, den Flur ein kurzes Stück zurückgeht und die Tür zum Vorzimmer des Präsidenten öffnet, der wird manchmal von einem lauten Lachen empfangen. Das klingt gar nicht würdevoll. Es kommt aus vollem Herzen.

Man möchte fast schreiben, dass dieses laute Lachen irgendwie nicht in den gut 100 Jahre alten Bau am Volgersweg passt. Aber das ist natürlich ein Vorurteil. Warum soll man in einem Gericht nicht lachen dürfen? Der Mann, der das so gern tut, prägt den Geist dieses Hauses. Volker Lessing ist hier seit zehn Jahren Amtsgerichtspräsident. Ende dieses Monats wird er 65 und geht in den Ruhestand. Viele, die ihn gut kennen, sagen, dass gerade dieses Lachen ihn am besten charakterisiert. Darin steckt Humor - natürlich, aber auch Herzlichkeit und etwas Mitreißendes, das sicher nicht alle Präsidenten haben, wo immer sie auch Präsident sein mögen.

Lessing hat öfter mitreißen müssen in seiner Zeit als Amtsgerichtspräsident in Hannover, seine Mitarbeiter und auch die Beamten in der Justizverwaltung, die seine Ideen mittragen sollten und davon nicht immer gleich begeistert waren. Lessing hat einiges an Neuerungen eingeführt, was Strukturen und Arbeitsabläufe betrifft. Da musste er manchmal schon ein wenig kämpfen, um sie umzusetzen. Die Justiz an sich ist schließlich nicht für übertriebenen Neuerungswillen bekannt, aber dieser Präsident stritt für seine Ideen. So einer biegt sich nicht. Der Weg des geringsten Widerstandes ist auf der Landkarte seines Lebens nicht eingezeichnet.

Präsidiales Verhalten ist ihm fern. Er schwebt nicht über den Dingen, er sitzt gern mittendrin. Das ist wörtlich zu nehmen. In der Gerichtskantine zum Beispiel, mittags wenn er mit seinen Kollegen zum Essen geht. Zwischen Nudeln und Pudding lässt sich deutlich entspannter über Probleme sprechen als am Konferenztisch im Präsidentenzimmer. Dieter Höbbel, der sechs Jahre in Hannover neben Lessing Vizepräsident war, sagt, dieser Chef habe dem Amtsgericht eine ganz neue Gesprächskultur gebracht.

Lessing hat auch den Verein „Kultur und Justiz“ kräftig mit angeschoben. Seit acht Jahren veranstalten diese Kunstfreunde Ausstellungen, Lesungen und Theater im Gericht. Eine Initiative, die dem Hang Lessings zur Kunst zu danken ist. Und da inspiriert ihn sicher die Kunstlehrerin, die durch das Leben mit ihm geht. Roswitha Lessing hat unübersehbar auch im Dienstzimmer ihres Ehemannes eine Marke gesetzt.

Neben seinem Schreibtisch steht ein lustiger Vogel, nicht sehr naturalistisch gestaltet, auf zwei geringelten Säulenbeinen. Er sieht er eher aus wie eine Rakete auf Plattfüßen und heißt Paradiesvogel. Das ist eine deutliche Mahnung an den Präsidenten, nur ja nicht die schillernden Seiten seines Charakters zu vernachlässigen. Aber diese Gefahr besteht nun nicht mehr. Die Juristerei hat aus Lessings Leben ohnehin nie das Interesse an Kunst und Handwerk verdrängen können. Er liebt Musik, spielt Geige und Orgel - und liebend gerne Billard. Er hat vor Jahren irgendwo in der Nähe des Dümmersees eine Bauernhausruine gekauft und nahezu eigenhändig wieder aufgebaut.

Er zimmert sogar Vogelvillen. Wunderschöne Häuschen, gesägt mit einem künstlerischen Schwung und bemalt mithilfe einer Anleitung aus dem Kunstlehrbuch von Ehefrau Roswitha (Kapitel „Malen wie Mondrian“). Es sind aber auch andere künstlerische Handschriften im Angebot. Wer mindestens 250 Euro für den Verein „Kleine Herzen“ spendet, bekommt vielleicht so eine Villa geschenkt. Der Verein, für den sich Lessing sehr engagiert, will das Geld für ein Eltern-Kind-Zimmer an der Medizinischen Hochschule (MHH) zusammenbringen. Eine Einrichtung für die kleinen Patienten und ihre Familien, die an der MHH oft sehr lange auf ein Spenderorgan warten müssen.

Die eigene Familie, seine Frau und seine beiden Söhne, waren für Volker Lessing immer die Mitte seines Lebens. Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt, seine Ehefrau Barbara sei sein Kraftwerk. So ist es wohl auch bei den Lessings. Und der Amtsgerichtspräsident teilt noch etwas mit dem Liberalen: Genscher trug gern kanariengelbe Pullunder. Lessing hat auch eine modische Marotte. Er trägt nur bunte Socken und genauso bunte Armbanduhren. Ein Paradiesvogel darf das.

Künftig darf er ohnehin ganz ungehemmt allen Neigungen nachgehen. Die Rechtswissenschaften werden nicht mehr dazu zählen. Der Professor Volker Lessing hält keine Vorlesungen mehr, was viele Studenten schon jetzt bedauern. Der Pensionär Volker Lessing will erst einmal ein Buch über das Amtsgericht schreiben, und er wird sich der Ahnenforschung widmen. Wer Lessing heißt, muss sich einfach auf die eine oder andere Weise dem berühmten Gotthold Ephraim nähern.

Hans-Peter Wiechers

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