Wer Lore Henkel (95) fragt, ob sie sich noch genauso für Politik interessiert wie vor 50 Jahren, bekommt wache Antworten. „Aber nur!“, sagt die Sozialdemokratin, „aber nur! Dass die den historischen Landtag kaputt machen wollen, darüber rege ich mich auf. Da ist doch Licht und Luft genug drin.“ Knapp zwei Dutzend Jahre saß sie selbst in einem Parlament, dem Rat der Landeshauptstadt, dessen nach der Zerstörung neu gebauter Saal am 9. Dezember 1959 seine erste Sitzung erlebte – damals mit Lore Henkel. Ein Grund für Oberbürgermeister Stephan Weil, dieses Jubiläum, diesen Ort, wo „Stadtgeschichte gemacht wird“, mit einem Fest der kommunalen Familie zu feiern.
Nicht alle der 120 geladenen ehemaligen Kommunalpolitiker erschienen am Donnerstag, aber sehr viele waren dem Ruf doch gefolgt. Unter ihnen Helmut Kasimier, der fast mal Ministerpräsident geworden wäre. Oder Reinhard Briese, von 1978 bis 1986 Fraktionsvorsitzender der CDU. Ein Konservativer also, der gestern sogleich zu seinem alten Platz strebte. „Das waren aufregende Zeiten, vier Jahre lang hatten wir ebenso 28 Sitze wie die SPD.“ Die Ratsversammlung beriet über den Wiederaufbau der Stadt, beschloss, eine U-Bahn zu bauen und die Expo nach Hannover zu holen. Bernd Strauch, einer von nur drei Ratsvorsitzenden im vergangenen halben Jahrhundert, rechnete aus, dass etwa 100 000 Drucksachen von im Schnitt acht Seiten Umfang gestapelt einen Turm ergäben, der nicht bis Babel, immerhin aber von der untersten Rathausstufe bis hinauf in die Kuppel reichen würde.
Herbert Schmalstieg, nach Leibniz bekanntester Hannoveraner aller Zeiten, saß 38 Jahre in diesem Saal, erlebte ungezählte der rund 600 Sitzungen und brachte sich, wohl gewohnheitsmäßig, Papiere zum Unterschreiben für den Flüchtlingsrat mit. Nur halbherzig wies der Ex-OB Erzählungen zurück, er habe Strauch öfters veranlasst, unliebsamen Rednern mit vorgeschobenen Gründen das Wort zu entziehen und sich letztlich die Monarchie herbeigewünscht. „Der nervt mich“, soll Schmalstieg schon mal gesagt haben, bestritt gestern aber „royalistische“ Anwandlungen.
Auch Karl-Heinz Rädecker war gekommen. Früher versuchte der WfH-Mann, die Aegi-Hochstraße mit Volkes Stimme zu retten, heute ist er, wie immer, erster Kleingärtner der Stadt. „Ich bin nur noch Präsident.“ Eine Frage blieb offen: Hatte Rädecker früher einen in seiner mitgebrachten Teekanne? Gelächter im Saal, als Weil an das zu Rädeckers Ratszeit beschlossene Alkoholverbot erinnerte. Ein Zusammenhang? Niemals.
HAZ.de Anmeldung