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Aus der Stadt Der Rote Punkt war Ausdruck von Bürgerprotest
Hannover Aus der Stadt Der Rote Punkt war Ausdruck von Bürgerprotest
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23:18 06.03.2012
In Hannover nimmt ein Roter-Punkt-Privatwagen im Juni 1969 Fahrgäste mit. Quelle: Wilhelm Hauschild
Hannover

Wer die zündende Idee hatte, ist bis heute nicht bekannt. Aber funktioniert hat sie: Elf Tage lang hat 1969 Hannover eine bundesweit beispiellose Solidaritätsaktion erlebt, an deren Spitze „normale Bürger“ ebenbürtig mit Studentenbewegten, linken Jusos und lokalen Kabarettisten für einen besseren Nahverkehr stritten. Tausende Hannoveraner blockierten Gleise, und noch mehr klebten sich einen roten Punkt in die Windschutzscheiben ihrer Autos, Symbol für die Bereitschaft, andere Menschen kostenlos zu chauffieren. Am Ende zwang der Protest die damals noch private Üstra in die Knie.

Die Ausgangslage war 1969 grundverschieden von der, in der heute über eine Neuauflage des „Roten Punkts“ nachgedacht wird. Während heute das Ziel ist, Tausenden Messegästen trotz der Streiksituation eine gastfreundliche Stadt zu bieten, ging es damals um Widerstand gegen andauernde Preiserhöhungen und schlechte Qualität im Nahverkehr. Die Üstra gehörte zur PreussenElektra und machte sich mit regelmäßigen Preissteigerungen unbeliebt. „Üstra, Üstra, ungeheuer. Erstens scheiße, zweitens teuer“ war ein häufig skandierter, für die Dienstleistungsqualität des Unternehmens wenig schmeichelhafter Schlachtruf.

Auslöser der Revolte mit dem roten Punkt ist denn auch die Tarifpolitik der Üstra. Zum 1. Juni 1969 genehmigt sie sich eine neuerliche Preiserhöhung. Der von Fahrgästen meistgenutzte Sammelschein soll statt wie bisher 50 nun fast 67 Pfennig kosten, was einem Aufschlag von rund 33 Prozent entspricht. Das bringt das Fass zum Überlaufen - auch, weil es Mitgliedern der Außerparlamentarischen Opposition (APO) gelingt, die Wut über den Nahverkehr mit einer allgemeinen Systemkritik zu verbinden.

Am 7. Juni 1969, einem verkaufsoffenen Sonnabend, versammeln sich zunächst 300 Aktivisten am Opernplatz zur Kundgebung und blockieren anschließend erstmals die Gleise am Hauptbahnhof. Am Montag schwillt die Menge bereits auf rund 1000 Protestierer an, die am Steintor, am Aegi und am Kröpcke den Straßenbahnverkehr zum Stillstand bringen. Die Stadtbahntunnel sind damals noch nicht gegraben, die oberirdisch durchs Zentrum zuckelnden Bahnen entsprechend einfach zu blockieren. „Bürger, lass das Gaffen sein, komm herüber, reih Dich ein“, lautet die lautstarke Aufforderung an Passanten.

Am Dienstag startet die Polizei einen Versuch, den Steintorkreisel zu räumen. Sieben Hundertschaften sind angetreten und versuchen, mit Schlägereien, Knüppeleinsätzen und Massenverhaftungen Herr der Lage zu werden - vergeblich. Glaubt man Historikern wie Wolf-Dieter Mechler, der für die Üstra eine Dokumentation der Ereignisse erarbeitet hat, dann war es vor allem dieser unverhältnismäßig harte Polizeieinsatz, der zu einer Solidarisierung der Bürgergesellschaft geführt hat. Von diesem Dienstag, 11. Juni, an erlebt Hannover tagelang eine Art Volksfest mit Autorenlesungen und Musik, Kabarettstücken und Diskussionen auf offener Straße. Es gibt sogar Versuche, die Üstra-Flotte auf dem Maschsee zu kapern.

Der linke Kabarettist Dietrich Kittner steht mit Vertretern der Studentenbewegung an der Spitze der Bewegung - Kittner reklamiert für sich die Idee zum Roten Punkt, das tun allerdings später auch andere. Sogar die Stadtverwaltung will plötzlich mitmachen und lässt 50000 Rote Punkte drucken und verteilen.

Bereits am Mittwoch, 12. Juni, gibt die Üstra angesichts der Blockaden auf und stellt den Bahnverkehr ein. Erst als die Preiserhöhung offiziell zurückgenommen wird, erklärt das Aktionsbündnis die Blockade am 18. Juni für beendet.

Conrad von Meding und Bernd Haase

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