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„Bildungsmonitoring 2010“

Der Stadtteil bestimmt die Bildungschancen

Von Bärbel Hilbig

Die Schulempfehlung für Viertklässler spiegelt die Sozialstruktur der Kinder wider: 72,4 Prozent der Viertklässler, die im gut situierten Kirchrode zur Grundschule gingen, haben eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. In der Egestorffschule in Linden-Süd waren es nur 14,3 Prozent.
© Christian Burkert (Symbolbild)

Die soziale Herkunft entscheidet offenbar in extrem hohem Maß über die Bildungskarriere von Kindern. Im vergangenen Jahr haben 72,4 Prozent der Viertklässler, die im gut situierten Kirchrode zur Grundschule gingen, eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. Am unteren Ende der Skala findet sich Linden-Süd, ein Stadtteil mit hohem Anteil von Einwanderern und Menschen, die von staatlichen Leistungen leben: Hier empfahlen die Lehrer der Egestorffschule nur 14,3 Prozent der Viertklässler den Besuch des Gymnasiums, 48,2 Prozent sollten die Hauptschule besuchen. Auch andere Stadtteile scheinen den Erwartungen an die Sozialstruktur zu entsprechen. Wo viele Akademiker leben, die ihre Kinder besser unterstützen können, wie in der List, ist der Anteil der Gymnasialempfehlungen hoch (56,8 Prozent).

Die Politiker im Jugendhilfeausschuss reagierten am Montag schockiert auf die Zahlen. „Das ist ganz schlimm. Viele Eltern können ihren Kindern selbst nicht helfen“, sagte Ingrid Wagemann, jugendpolitische Sprecherin der Grünen. Es sei deshalb wichtig zu klären, was die Stadt tun könne. Wagemann plädierte dafür, den Bericht in allen Bezirksräten zu diskutieren. „Ich würde mir wünschen, dass die Lehrer sich darüber Gedanken machen.“ Auch Nils Tilsen sprach von einem Riesenproblem. „Sozialer Aufstieg ist nur über Bildung möglich. Ich sehe hier sehr viele Jugendliche, die nicht genügend gefördert werden.“

Die Prozentzahlen zur Schullaufbahnempfehlung sind Teil des „Bildungsmonitoring 2010“, in dem die Verwaltung jetzt jährlich über Bildungsbeteiligung und -erfolg von Kindern und Jugendlichen berichten und ihr eigenes Handeln überprüfen will. „Die Wirksamkeit von Eingriffen wird erst in längeren Abständen deutlich“, sagte Sozial- und Jugenddezernent Thomas Walter. In Stadtteilen, die als soziale Brennpunkte klassifiziert sind, bekämen Kinder bereits drei Jahre lang im Kindergarten Sprachförderung. „Viel mehr lässt sich auf diesem Feld nicht mehr bewirken.“

Stefan Rauhaus, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Jugend, erlaubte sich aber, einige Ideen zu formulieren, die angesichts der Finanzlage des Landes fast utopisch klangen. „Man kann mehr in den Kindertagesstätten machen: kleinere Gruppen, mehr Personal, bessere Ausbildung der Erzieher. Und alle erfolgreichen Pisa-Länder schulen ihre Kinder erst mit sieben Jahren ein.“ Niedersachsen setzt das Einschulungsalter dagegen gerade herab. Rauhaus erklärte auch, dass die Stadt über Kindergärten und Migrantenvereine versuchen kann, benachteiligte Eltern stärker zu erreichen. Einige Programme dazu laufen bereits. „Die Eltern lernen dort, wie wichtig Bildung ist.“

„Als Kommune haben wir eigentlich wenig Einfluss auf die Schule“, sagte Birgit Teschner, Koordinatorin für Jugendhilfeplanung. Dennoch hat die Stadt dort einige Vorhaben entwickelt. Sie will in den nächsten Jahren mit eigenen Mitteln etliche Grundschulen dabei unterstützen, Ganztagsangebote zu machen. „Wir haben die Hoffnung, dass die Kinder mit diesen Nachmittagsangeboten individuell gefördert werden können.“ Außerdem werden Bildungsangebote für Eltern ausgebaut. „Beide Vorhaben finden in den Stadtteilen statt. Das ist wichtig, um Kinder und Eltern zu erreichen.“

CDU-Ratsfrau Christine Handke fand in dem umfangreichen Bericht auch positive Entwicklungen. „Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Kinder in Krippen und Kitas schicken, ist gestiegen.“ Doch das wirkt sich auf die aktuellen Schulabgänger noch nicht aus. Die Ratspolitiker lobten einhellig den Bericht, der jährlich fortgeschrieben wird. „Das gibt uns die Chance zu sehen, was wirkt“, sagte Wagemann. Viele Eltern richten sich nicht nach den Schulempfehlungen der Grundschulen, dennoch werfen sie ein Schlaglicht. „Wir stellen am Ende der Grundschule fest, dass vielen Kindern zu wenig Chancen geboten wurden“, sagte Teschner.

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