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Aus der Stadt Der Suchende
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14:18 12.02.2010
Von Juliane Kaune
Professor Wolfgang Ertmer, Physiker an der Leibniz-Uni Quelle: Nico Herzog

Wolfgang Ertmer hat mitgezählt: 1200 Bahnkilometer an einem Tag. „Erst war ich in Frankfurt, danach in Berlin, und dann ging es wieder zurück nach Hannover.“ Rund 17 Stunden war der Physikprofessor jüngst unterwegs, um von einer Sitzung zur nächsten zu fahren. „Dabei heißt es immer, wir kämen aus dem Elfenbeinturm nicht heraus“, meint er mit einem Schmunzeln. Aber Ertmer ist gern auf Achse. Schließlich geht es darum, seine Forschungsprojekte voranzubringen. Und seit er mit seinem Team von der Leibniz Universität beim Exzellenzwettbewerb des Bundes punkten konnte, hat sich das Reisebudget des Professors deutlich erhöht.

„Quest“ nennt sich das ehrgeizige Vorhaben, an dem unter seiner Leitung fast 30 Forschergruppen beteiligt sind. Aus dem Englischen übersetzt bedeutet der Name so viel wie „Suche“. Der Professor ist auf einer nahezu revolutionären Suche: Er und seine Kollegen versuchen erstmals, die Quantenphysik, in der es um winzige Teile von der Größe eines Atoms geht, mit Theorien zu verbinden, die die unvorstellbaren Weiten des Alls beschreiben. Das hat noch kein Physiker geschafft, und wenn es gelingt, gäbe es dafür wohl nichts weniger als den Nobelpreis.

Zunächst erhält Ertmer eine andere Auszeichnung. Heute Abend verleiht ihm Minister Lutz Stratmann Niedersachsens hochrangigsten, mit 25 000 Euro dotierten Wissenschaftspreis. Damit würdigt das Land den 60-jährigen Physiker, der seit 1994 eine Professur an der hannoverschen Uni hat. Dass er nominiert war, habe er über all der Arbeit zwischendurch wieder vergessen, gibt er zu. Umso größer war seine Freude, als die Nachricht aus dem Ministerium eintraf.

Doch Ertmer, der eher zurückhaltend auftritt, mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Wenn er Sätze sagt wie: „Die Auszeichnung gilt nicht nur meiner Arbeit, sondern ist auch eine große Wertschätzung für die exzellente Physik an der Leibniz-Uni“, meint er es tatsächlich so. Dabei hat der Professor, der 1997 bereits den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten hat, entscheidend dazu beigetragen, dass die Uni-Physiker „Quest“ nach Hannover holten und im bundesweiten DFG-Ranking inzwischen auf Platz 4 stehen.

Die Begeisterung für sein Fach hat früh angefangen. Schon seinen Eltern habe er als kleiner Junge „Löcher in den Bauch gefragt“, um Alltagsphänomene zu verstehen. Der Physiklehrer habe irgendwann kapituliert vor der Wissbegierde seines Schülers, erinnert er sich. Seinerzeit, Anfang der sechziger Jahre, war der Laser gerade erfunden worden. Später, während des Studiums an der Uni Bonn, entdeckte Ertmer seine Leidenschaft für die multifunktionalen, gebündelten Lichtstrahlen. Schon als Diplomand in Bonn baute er als einer der Pioniere des noch jungen Fachgebiets ein Laserlabor auf - und bis heute ist die Laserforschung sein wissenschaftlicher Schwerpunkt.

Ertmer ist Vorstandssprecher des Laser Zentrums Hannover und als Experte für Lasermedizintechnik an dem Exzellenzprojekt „Rebirth“ der Medizinischen Hochschule beteiligt. Dazu kommen ein gutes Dutzend Gutachtertätigkeiten und Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Institutionen. Gleichwohl hält der Wissenschaftler, der von 2002 bis 2005 Uni-Vizepräsident war, noch immer Grundlagenvorlesungen für Studienanfänger. „Das macht mir einen Mordsspaß“, erklärt er.

„Ich bin an vielen verschiedenen Stellen verheiratet“, sagt Ertmer über seine zahlreichen Posten in Sachen Physik. Eine solche Formulierung lässt keinen Zweifel daran, wie sehr der Vollblutphysiker in seinem Beruf aufgeht. Seine Frau, meint er, würde ihm diese Wortwahl sicher nachsehen. Nach all den Jahren habe sie sich leider daran gewöhnen müssen, dass sein Job „nicht besonders familientauglich“ sei, gibt der Professor zu.

Trotz seines Dauereinsatzes für die Forschung gönnt sich Ertmer, der Vater dreier erwachsener Kinder ist, jedes Jahr drei Wochen Urlaub am Stück. Zusammen mit seiner Frau geht es dann bevorzugt in die Schweiz oder die Provence. Neben der Vorliebe für Musik, Klassik und Jazz hegt er eine Leidenschaft für das Tauchen. Und für das Fliegen: Einer seiner Freunde, ein Fluglehrer, lässt den Professor unter Aufsicht auch mal ans Steuer einer Piper. „Das ist einfach traumhaft“, schwärmt er.

Zu Hause in Garbsen steht ein Flugsimulator, den er nach Dienstschluss gern noch anschaltet. Bis vor Kurzem gab es im Hause Ertmer auch einen Steinway-Flügel, der aber mangels Zeit zu selten zum Einsatz kam. „Wenn ich in Pension gehe, kaufe ich mir einen neuen“, kündigt Ertmer an. Offiziell wäre das in acht Jahren. Doch in Niedersachsen können besonders kluge Köpfe auf Wunsch fortan auch noch länger arbeiten. Und das, meint er, könne er sich durchaus vorstellen.

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