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Der Tag der Wahl in Hannover

Bundestagswahl Der Tag der Wahl in Hannover

Kreuze bestimmen den Tag: Die HAZ hat das Geschehen in Hannover rund um die Bundestagswahl minutiös begleitet.

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Linken-Landeschef Diether Dehm jubelt.

Quelle: Florian Petrow

Früher Wahlauftakt in Vahrenwald: Irgendwie klappt das seit ein paar Wochen nicht mit der Sonntagszeitung. Sie liegt nicht im Kasten wie sie soll, also geht Heinz Lücke los und holt sie. Und weil der Witwer sowieso früh auf ist, geht er um kurz nach acht Uhr ins Wahllokal in der Grundschule Vahrenwald. Wie es ausgeht? „Der Deutsche ist schon immer ein politischer Idiot gewesen“, sagt Lücke. Er hat gelesen, die FDP bekomme Wahlkampfspenden von Banken und Finanzdienstleistern. „Ich kann nicht begreifen, wie man die wählen kann.“ Kurz nach Herrn Lücke kommt Roland Langrock aus dem Wahllokal. Er muss früh wählen, weil noch eine Radtour ansteht. „Um 18 Uhr will ich vor dem Fernsehapparat sitzen.“ Dann guckt er den ganzen Abend. Vor vier Jahren war er zur Wahl im Urlaub und hat Gerhard Schröders Tiraden am Wahlabend verpasst. Das passiert ihm nicht noch einmal. 


Gottesdienst ohne Parteien und Prozente: Im Gebet, das Superintendent Thomas Höflich zu Beginn des Gottesdienstes in der Marktkirche spricht, gibt es einen schönen Satz, der sehr gut zum Tag passt: „Herr, begleite uns aus geschlossenen Räumen, damit wir die Weite deiner Welt wahrnehmen!“ Die Predigt hätte vor vier Tagen sicher noch anders geklungen. Es wäre wohl mehr um Politik gegangen, hätte von der Verantwortung des Christen gehandelt. Dann aber starb sein Schwiegervater, er fuhr mit seiner Frau in ihren Heimatort, und man sieht Höflich an, dass es Dinge gibt, die ihn gerade mehr beschäftigen als Parteien und Prozente. Thomas Höflich predigt über die Lazarus-Episode aus dem Johannesevangelium, das Glaubensbekenntnis, das Lazarus’ Schwester Martha im Angesicht des Todes ihres Bruders trotz ihres Haderns mit Jesus ablegt. „Wenn dieses Bekenntnis gesprochen wird“, sagt Höflich, „werden alle Entscheidungen erst möglich – nachher in den Wahllokalen und wo immer wir sind.“

Wahldebatte im Qualm: Über dem Tresen des „Stephans Eck“ in der Südstadt hängt schon zarter Qualm. Man ist schließlich Einraumkneipe, Rauchen ist erlaubt. Jürgen Brömer ist aus Bothfeld gekommen, nach dem Wählen. Oha, sagt die Wirtin, es sei heiß diskutiert worden über Politik in den letzten Wochen. Hannover sei ja „mehr so SPD-Stadt“, und doch werde die Arbeit von Frau Merkel „allgemein anerkannt“. Als Schröder noch Kanzler war, sagt ein Mann und zieht an der Zigarette, da hätten die Sozis noch ordentlich Ergebnisse erzielt in Niedersachsen. Jetzt aber wohnt der in Waldhausen und hat vor seinem neuen Haus einen Holzkopf mit seinem eigenen Konterfei aufgestellt, sagt einer. „Und dann wundert er sich, wenn die Leute wissen, wo er wohnt.“

Umfrage in Kirchrode: Die Grundschule Wasserkampstraße wird saniert, deshalb wird auch in Containern auf dem Schulhof gewählt. Ausgerechnet hier, so prophezeiten die Gegner des geplanten Boehringer-Tierimpfstoffzentrums, könnte die Linke triumphieren. Weil sie als Einzige gegen das Zentrum war. Von Sympathie für Lafontaines Garde ist aber nichts zu spüren. „Boehringer? Ja, davon habe ich mal gehört“, sagt einer nur. Vor der Tür der Wahlräume stehen zwei Männer der Forschungsgruppe Wahlen, sie befragen stichprobenartig Wähler. Die Ergebnisse dürfen sie noch nicht verraten. Aber so viel sagt einer dann doch: „Bislang fällt das Ergebnis eher so aus, wie man es in Kirchrode erwarten würde.“

Papa legt eine Wahlpause ein: Nahe am „Stephans Eck“ fliegen Alinas blonde Haare beim Schaukeln im Wind. Jetzt, wo Papa vom Ehrenamt als Wahlhelfer zurück ist, kann er Alina anschubsen. Um 7.30 Uhr ist Peter Knickmann im Wahllokal in der Peter-Petersen-Schule gewesen, um acht haben sie geöffnet, um 11.30 Uhr kam die zweite von drei Schichten. Um 18 Uhr muss Papa wieder hin, rund 1200 Stimmen auszählen.

Wulff spekuliert über von der Leyen: Draußen vor der Grundschule Großburgwedel schaut ein Polizist noch kurz nach dem Rechten. „Alles sauber“, scherzt er und tippt sich an die Mütze. Dann kommt der Ministerpräsident mit Frau. Man begrüßt jeden Wahlhelfer mit Handschlag, macht Kreuze und hält beim Einwerfen für Fotografen inne. Draußen vor der Tür will der Südwestrundfunk vom Ministerpräsidenten noch allerlei über Ursula von der Leyen wissen. Die würde sicher auch gerne Gesundheitsministerin werden, sagt Wulff. „Aber Herr Seehofer hat mal gesagt, wer Gesundheitsminister wird, muss vorher schwere Sünden begangen haben.“ Um 14.30 Uhr geht der Zug nach Berlin, wo der Ministerpräsident den Wahlnachmittag in der CDU-Zentrale verbringen wird.

Wähler vertraut seinem Rettich: Ach ja, die Politiker, sagt Helmut Dalisda und zieht noch einen Rettich aus der Erde. „Vertraue ich schon seit Jahren drauf“, erklärt Dalisda und meint nicht die Politiker, sondern die Rettichsorte. Die Politik ist weit weg in der Kleingartenkolonie, und als die Politik neulich bei einer Jubiläumsfeier in Gestalt von SPD-Kandidatin Edelgard Bulmahn kam, endete das auch unglücklich, findet Dalisda: „Die hat sich nur dargestellt.“ Dalisda, hat am Morgen gewählt. Er wird abends die Wahlberichte im Fernsehen anschauen, vorher noch zur Kirche gehen. Er hat gut zu tun – schließlich ist Erntezeit.

„Taktische Nichtwähler“ im Zoo: Es ist Stau, auf dem Zoo-Parkplatz kein Platz mehr frei. Vormittags war der millionste Besucher des Jahres da. Wahlgetöse? Nicht hier. Daher kann Marco Wehrstedt die Sache auch gelassen sehen. Mit der Familie ist er aus Mönchengladbach da, Oma besuchen und in den Zoo. Wehrstedt und seine Frau sind eine Art taktische Nichtwähler. Natürlich sei man „sehr interessiert“ an der Wahl. Nur wählen geht man eben nicht. „Wir haben mal gesagt: Heute gehen wir nicht wählen, heute gehen wir in den Zoo.“

Resignation im Steintor-Café: Die Fenster sind geöffnet, Straßenbahnrumpeln mischt sich ins Klackern der Spielsteine. „Für die Politiker sind wir das Letzte“, sagt einer verbittert, der seit 42 Jahren in Hannover lebt. Sein Nachbar nickt, ein anderer widerspricht. „Ich habe SPD gewählt“, sagt er: „Schröder hat ja noch mit der Türkei zusammengearbeitet. Aber diese Frau.“ An den Wänden hängen Flachbildschirme. Was dort abends laufen wird? Fußball, erklärt einer. Galatasaray spielt gegen Eskisehir. „Was“, so fragt er, „sollten wir denn anderes schauen?“

SPD-Party, Tiedthof: Der Schock macht stumm. Hohe Verluste der SPD zeigt die flackernde Grafik auf der Großbildleinwand, absehbar wird eine deutliche Mehrheit für eine schwarz-gelbe Regierung, aber das Entsetzen, das Erstaunen findet keinen hörbaren Ausdruck. Die Genossen, mit oder ohne Bier in der Hand, nehmen zur Kenntnis, was sie geahnt oder schon gewusst haben. Minuten vor der TV-Prognose hatte Parteichef Walter Meinhold am Mikrofon bereits versucht, den Gästen der Wahlparty Mut zuzusprechen. „Lasst uns diese schwere Stunde gemeinsam und solidarisch ertragen.“ Da wusste er wohl schon, welches Desaster kommen würde.

CDU-Party, Ständige Vertretung: Als die schwarze Prognosesäule der CDU zunächst nur bis auf 33,5 Prozent anschwillt, geht erst einmal ein vorsichtiges Raunen durch den Raum. Hier feiert die CDU gerne ihre Wahlpartys, doch kurz scheint es, als gäbe es diesmal nicht viel zu feiern. Es könnte die Christdemokraten ernüchtern, dass erst das Ergebnis der FDP für Jubelrufe sorgt. Ursula von der Leyen jedenfalls freut sich über das „Wunschergebnis“ und lächelt im Übrigen über des Ministerpräsidenten Sätze vom Großburgwedeler Schulhof, sie wäre gerne Gesundheitsministerin. „Von Herzen“ sei sie schließlich das, was sie ist. „Und außerdem entscheidet das die Kanzlerin.“

Ganz privat, auf dem Sofa in der Nordstadt: Im Fernsehen sind jetzt alle sehr aufgeregt. In der Nordstadt hingegen sitzt Ingrid Galati-Geyer und schaut ein wenig unentschlossen auf das TV-Gerät. Einerseits kommt ihr das alles recht fremd vor und andererseits doch vertraut. Fremd, weil es damals, als sie aus Deutschland fortging, nur zwei starke Parteien und eine kleine dritte gab. Vertraut, weil es sie an ihre zweite Heimat erinnert: „Ein bisschen ist das ja jetzt wie in Italien.“ 32 Jahre lang hat Ingrid Galati-Geyer in Rom gelebt. Sie hatte in Hannover Bildhauerei studiert, dann zog sie zu ihrem Mann, einem italienischen Radiojournalisten. Sie ist nun 80, wieder in Hannover, und gestern, sagt sie, habe sie zum zweiten Mal in Deutschland gewählt. Einerseits, findet sie, könne man das Ergebnis ganz gelassen nehmen: „Es gibt hier schließlich keinen Berlusconi.“ Ein Vorzug. Frau Galati-Geyer, eine engagierte Christin, schätzt Merkel ebenso wie die Grünen. Eines sagt sie noch, vielleicht auch als Lehre aus Italien: „Man sollte die Erwartungen an die Politiker nicht zu hoch schrauben. Der Einzelne hat doch gar nicht so viele Möglichkeiten.“

Linken-Party, Freizeitheim Linden: Dolf Mielehausen hat es die Sprache verschlagen. Während viele Parteimitglieder und Sympathisanten bei der Linken-Wahlparty noch eine halbe Stunde nach der Prognose etwas geknickt diskutieren, ob Schwarz-Gelb noch zu verhindern ist, schweigt der 53-Jährige im Freizeitheim eisern. „Da kann man sich nicht einmal über sein eigenes Ergebnis freuen, wenn die FDP so stark ist“, sagt er frustriert. Auch wenn Parteimitglieder zum Wahlabend extra ihre Gitarren mitgebracht hatten und sich Landeschef Diether Dehm eine kubanische Siegeszigarre angesteckt hat, bleibt die Stimmung zunächst gedrückt.

FDP-Party, Brauhaus: Im Brauhaus Ernst August ist der Jubel für das beste FDP-Ergebnis der Parteigeschichte gerade wieder abgeklungen. Statt eine zünftige Party zu feiern, verfolgen die FDP-Unterstützer den Wahlabend entspannt bei Bier und Brezeln, die die wiedergewählten FDP-Bundestagsabgeordneten Claudia Winterstein und Patrick Döring schon vor der ersten Hochrechnung versprochen hatten. Dann wird erneut frenetisch geklatscht. Winterstein und Döring lassen sich auf einer Bühne feiern. „Wir danken den vielen Helfern“, sagt Winterstein, und Döring gibt sich in Hinblick auf die 
Koalitionsverhandlungen kämpferisch: „Das wird eine sehr, sehr gelbe Tigerente werden.“ Der Jubel hält sich, bis sich Parteichef Guido Westerwelle via ZDF bei den Unterstützern bedankt. Und weil diese das besonders schön finden, schauen sie sich dieselbe Ansprache Sekunden später noch einmal bei der ARD an. Nach dem Applaus widmet man sich wieder Bier und Brezeln. So entspannt feiern nur sichere Sieger.

Grünen-Wahlparty, GIG Linden: Auf dem großen Bildschirm triumphieren Merkel und Westerwelle – doch die 200 Gäste der Grünen-Wahlparty haben ihnen den Rücken gekehrt. Viel interessanter sind für die Direktkandidatinnen Maaret Westphely, Carolin Friedemann, die Landesvorsitzenden und ihre Unterstützer die Wahlergebnisse aus Hannovers Stadtteilen. 32,7 Prozent für die Grünen in Linden-Mitte: Die Party jubelt, klatscht und feiert sich. Dass das Lindener Herz grün schlägt, tröstet darüber hinweg, dass an Schwarz-Gelb wohl nichts mehr zu rütteln ist. „Wir alle haben ein lachendes und ein weinendes Auge“, sagt Friedemann und freut sich über das beste Wahlergebnis der Grünen-Geschichte. Und so gibt Brigitte Pothmer die Linie vor: „Wir werden Schwarz-Gelb aus der Opposition mächtig einheizen.“

Der Plakat-Abbau beginnt: Auf dem Hof seiner Firma in Schloss Ricklingen lädt Dirk Grahn Wahlplakate vom Lkw. Merkel, Steinmeier, Westerwelle – ihre Fotos werden von den Platten geschabt und die Ständer in die Halle getragen. Für den nächsten Wahlkampf. „Sobald die Wahllokale geschlossen haben, fangen wir mit dem Abräumen an“, sagt der 44-Jährige, der mit seiner Firma seit 20 Jahren in Hannover für Auf- und Abbau der Plakate vieler Parteien zuständig ist. An diesem Abend, kurz nach 18 Uhr, haben sie am VW-Werk in Stöcken begonnen. Jetzt aber kommen sie nicht mehr weiter. Der Lastwagen ist kaputt. Grahn versucht, den Notdienst zu erreichen. „Normalerweise hätten wir die ganze Nacht weitergemacht.“ Unruhig wird Grahn aber nicht. Bis Freitagnacht bleibt ihnen, um Hannover plakatfrei zu bekommen.

Ruhiges Ende im Hauptbahnhof: Jasper Behr hält ein „Angie“-Plakat. „Ich bin froh, dass wir den Wechsel geschafft haben“, sagt der Vorsitzende der Jungen Union Gehrden. Er war nach der CDU-Wahlparty noch bei der FDP. Jetzt geht er in die Disko „Zaza“. Im Bahnhof starren Passanten auf Monitore. Im Schnellrestaurant läuft ein Musikvideo, in der Kneipe Zapfhahn die ARD-Fernsehsendung „Anne Will“ ohne Ton und in der Kneipe „Prost“ eine Formel-1-Wiederholung. Und die Wahl? „Hatten wir schon genug“, winkt ein Gast ab.

von Thorsten Fuchs, Stephan Fuhrer, Felix Harbat, Gunnar Menkens, Jan Sedelies und Julia Sellner

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