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Bennigsen bebt

Der Tag nach dem ESC-Vorentscheid Bennigsen bebt

Jamie-Lees Sieg beim Eurovision-Vorentscheid beschert Deutschland eine junge, flippige Kandidatin – und ihrem Heimatort Bennigsen in der Region Hannover einen echten Star. Ein Ortsbesuch am Tag nach dem Vorentscheid.

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„Ich bleibe meinem Style treu“: Jamie-Lee Kriewitz will weiter im Manga-Look auf die Bühne gehen.

Quelle: dpa

Bennigsen/Hannover/Köln. Der Tag nach dem Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) ist der Tag, von dem an man eigens erwähnen muss, dass ganz normale Leute wirklich ganz normale Leute sind. Das Ehepaar Neek aus Bennigsen zum Beispiel kennt die Kriewitzens schon lange. Man wohnt einander gegenüber. „Es ist einfach eine nette Familie“, sagt also Dieter Neek, als er danach gefragt wird. „Der Vater hat uns schon im Garten geholfen.“ Ganz normale Leute also, aus einem ganz normalen Ort. Und mit einer Tochter als Star. Neuerdings.

Eine 17-jährige Schülerin aus Springe wird Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten: Jamie-Lee Kriewitz gewann den deutschen ESC-Vorentscheid. Sehen Sie hier die schönsten Bilder der Show "Unser Lied für Stockholm".

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Der Abend zuvor: Jamie-Lee Kriewitz steht in Köln auf der leeren Bühne, es ist 22.40 Uhr. Helfer in Schwarz fegen Glitzerkonfetti zusammen. Auf ihrem einen roten Armband steht in großen Buchstaben „UND“, auf dem anderen „LOS“. Ganz still steht sie da, ihre blaue Kuschelpuppe unter dem Arm. Gerade hat sich entschieden, dass sie Deutschland im europäischen Gesangswettstreit ESC vertreten soll. Es muss jetzt schnell gehen, um 23 Uhr muss sie von der Bühne verschwunden sein. Jugendschutz. Sie ist erst 17 Jahre alt. Vater Michael Kriewitz ist mit in Köln, Mutter Nicole hat die Show im Fernsehen gesehen und hinterher kurz mit der Tochter telefoniert. „Wir freuen uns total und sind stolz auf Jamie-Lee“, sagt sie am nächsten Tag.

"Sie ist auch vorher schon aufgefallen“

„Ich habe unglaublich Bock darauf, nach Stockholm zu fahren. Es ist eine so große Ehre, dass das Land mich gewählt hat“, sagt Jamie-Lee später brav den Reportern. 44,5 Prozent der 1,12 Millionen Stimmen in der Finalrunde entfielen auf die Bennigserin, 33,9 Prozent auf Alex Diehl, 21,6 Prozent auf die Bombastrocker von Avantasia. Man könnte sagen, Deutschland steht hinter Jamie-Lee. Klar, dass sie in Bennigsen stolz sind auf sie. „Sie ist wirklich außergewöhnlich, und sie ist auch vorher schon aufgefallen“, sagt Nachbarin Elisabeth Neek. Ein „ganz stilles und nettes Mädchen“ sei die 17-Jährige. Aber eben sehr talentiert. „Sie hat verdient gewonnen“, sagt Neek.

Von nun an ist jedenfalls bis auf Weiteres nicht mehr viel normal im Leben von Jamie-Lee Kriewitz. Sie hat die Schule schon im Dezember 2015 unterbrochen, nach ihrem Sieg bei „The Voice“. „Meine Eltern unterstützen mich da. Ich möchte ein gutes Abi machen, das geht eben nicht halbherzig und nebenbei.“ Also hat sie das mit dem Fachabitur ein Jahr aufgeschoben.

Jetzt steht erst einmal Showbusiness an. „Ich werde jetzt unendlich viel üben und meine Bühnenshow planen“, sagt die 17-Jährige. Grundsätzlich aber soll es schon bei der verrätselten, nebligen Märchenwelt vom Vorentscheid bleiben. Und auch bei ihrem Manga-Stil will sie höchstens Nuancen ändern. „Ich bleibe meinem Style treu“, sagt sie. Natürlich.

Das Kölner Studio in der Schanzenstraße 22 ist dasselbe, in dem vor sechs Jahren Lena bei „Unser Song für Oslo“ antrat. Und gewann. Und ein Land für ein paar Monate um den Finger wickelte. Nerven sie die Vergleiche? Die Parallelen sind ja nicht zu übersehen: Zwei Schülerinnen. Beide aus Hannover. Beide brünett. Beide mit Eigenheiten.

„Ich kann mit Lena-Vergleichen sehr gut leben“

Lenas Sieg 2010 war Jamie-Lees erste echte Erinnerung an den ESC. Da war sie elf Jahre alt und saß vor dem Fernseher. „Ich kann mit Lena-Vergleichen sehr gut leben“, sagt sie. „Sie ist natürlich ein großes Vorbild für mich. Ich kann verstehen, dass ich die Leute an sie erinnere. Beide aus Hannover, beide dann beim ESC 18 Jahre alt. Ist doch klar.“

In Bennigsen kommt man natürlich auch sofort auf Lena. Bärbel Zabel von der gleichnamigen Obstplantage zum Beispiel sagt: „Das sind zwei junge Mädchen, die Hannover immer berühmter machen – und das ist doch schön.“ Für Bianca Kunze von „Kunzes Deister Wellness“ sind Jamie-Lee und Lena völlig verschieden. „Das sind zwei ganz unterschiedliche Charaktere. Jamie-Lee ist einfach sie selbst, sie hat Wiedererkennungswert und zieht ihr Ding durch“, sagt sie. Klar, dass Jamie-Lee früher auch bei „Kunzes Deister Wellness“ Kundin war. Frau Kunze jedenfalls findet, dass „wir jetzt als Ort auch dahinterstehen müssen“. In Springe denken sie schon über ein Public Viewing zum ESC nach. Wenn nur die Kosten nicht wären. Übrigens ist Jamie-Lee nicht die erste flippige Springerin, die zu bundesweitem Ruhm gelangt: „Unsere kleine Stadt ist vielleicht die erste, die in so kurzer Zeit zwei bunte Paradiesvögel hervorgebracht hat“, sagt Travestiekünstlerin Olivia Jones. „Einen kleinen, der singen kann, und einen großen, der besser beim Quasseln bleibt.“

Die 17-jährige Jamie-Lee Kriewitz aus Bennigsen in der Region Hannover hat das Finale des Gesangswettbewerbs „The Voice of Germany“ gewonnen. Mit ihrer Single "Ghost" überzeugte sie Jury und Publikum.

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Den kleinen Paradiesvogel erwartet nun ein strammes Programm. Jamie-Lee wird ein Album aufnehmen. Interviews geben. Am Freitagabend ist sie gleich mal in der „NDR Talk Show“ in Hamburg zu Gast. Ins „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF am Tag nach ihrem Sieg darf sie nicht. Wieder der Jugendschutz. Zwischen ihren Arbeitseinsätzen müssen zwölf Stunden Pause liegen. Also darf sie ausschlafen. Professionell, aber nicht kühl wirkt Jamie-Lee Kriewitz. Sie hat den Zirkus jetzt schon ein bisschen kennengelernt. Die Liebe zur japanischen Manga-Kultur ist keine Masche, sondern eine echte Leidenschaft. Das Verrätselte, das sie umgibt, deckt sich mit ihrem Song „Ghost“. „Es geht um eine Beziehung, die zerbricht. Aber der Geist dieser Beziehung, der ist noch da, der schwebt noch im Raum. Ich hoffe, dass dieses Thema in Europa Menschen berührt“, sagt Jamie-Lee und klingt dabei nach großer, weiter Welt.

Im Friseursalon „Haario Steinert“ in Bennigsen freuen sich Horst Steinert und sein Sohn Marcel mit ihren Kundinnen für Jamie-Lee. „Das ist einfach super.“ Für Vater Horst steht ohnehin schon fest, dass Jamie-Lee den Sieg nach Deutschland holen wird. Für Bennigsen.

von Johanna Stein, Imre Grimm und Christian Zett

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