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Aus der Stadt Der Welterklärer
Hannover Aus der Stadt Der Welterklärer
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13:49 11.08.2009
Von Simon Benne
Wolfgang Korn: „Man darf nicht zu nah dran sein an einem Thema." Quelle: Martin Steiner

Wenn er einem Thema zu nahe kommt, steht er vom Schreibtisch auf und geht hinaus in die Eilenriede. „Ich bin dann der einzige Spaziergänger dort, der weder Hund noch Handy dabei hat“, sagt Wolfgang Korn lachend. Stattdessen hat er seinen Notizblock in der Hand. „Gute Einfälle habe ich immer im Gehen“, sagt er. Das liege daran, dass beim Bewegen andere Hirnareale angeregt würden, er hat darüber mal einen Artikel in „Geo“ veröffentlicht. Karl Marx sei es ganz ähnlich gegangen, sein Teppich in London soll richtige Trampelpfade gehabt haben. Auch über Trampelpfade hat Korn mal einen Artikel veröffentlicht, ihre Entstehung sagt viel aus über das menschliche Verhalten.

Wolfgang Korn ist freier Autor, und diese Berufsbezeichnung ist für ihn besonders treffend. Für die „Zeit“ hat er geschrieben, für „Mare“ und die „Weltwoche“, über Medizin und Bionik und immer wieder über Archäologie. Seine Bandbreite ist immens, und nebenbei hält er noch Vorträge und gibt Seminare. „Man darf nicht zu nah dran sein an einem Thema – sonst verliert man vor lauter Details die große Geschichte“, sagt der 50-Jährige. Er sitzt in seiner Wohnung in der List, 4. Stock, einfache Sperrholzregale quellen über vor Büchern. Schmöker und Werke der Weltliteratur türmen sich übereinander; sie sind hier nicht abgestellt, sie werden gelesen. Nebenan steht der Flügel seiner Partnerin, an der Tür hängt eine Karte des Nahen Ostens. Für sein neues Buch über die Bagdad-Bahn, die deutsche Ingenieure Ende des 19. Jahrhunderts durch die syrische Wüste bauten.

Es ist fast, als hätte sich in dieser Mischung aus Bildung und kreativem Chaos etwas vom Geist früherer Tage erhalten. Damals, 1978, gehörte Wolfgang Korn zu den Gründern der Alternativen Liste Berlin. Aus dem Ruhrgebiet war er gekommen, um Politik und Geschichte zu studieren, und bald gehörte er zu den Hausbesetzern in Kreuzberg. Eine gehörige Portion Skepsis gegenüber menschlichem Machbarkeitswahn und Wachstumsgläubigkeit hegt er noch heute – und möglicherweise rührt seine Vorliebe für Archäologie genau daher: „Als sie in Blüte standen, dachten alle Hochkulturen, es würde sie ewig geben“, sagt er. „Und heute muss man oft buddeln, um Spuren von ihnen zu finden.“

Zur Archäologie kam er, als er Pressesprecher an der Uni Tübingen war. Wissenschaftler seiner Uni machten damals Ausgrabungen in Troja, und er fing an, Reportagen über das Thema für diverse Zeitungen zu schreiben. Später verfasste er Bücher über Megalithkulturen und Mesopotamien, und jetzt erschien „Das Rätsel der Varusschlacht – Archäologen auf der Spur der verlorenen Legionen“ (Fackelträger, 196 Seiten, 19,95 Euro). Einfach und anschaulich beschreibt Korn, wie das römische Heer funktionierte, wie drei Legionen 9 n. Chr. von den Germanen aufgerieben wurden und wie Wissenschaftler heute die Relikte der Schlacht erforschen. Am Ende glaubt man, Dinge erfahren zu haben, die man schon immer wissen wollte.

„Wenn’s gut gemacht ist, merkt der Leser gar nicht, dass er etwas dazulernt“, sagt Korn augenzwinkernd. Tatsächlich beherrscht er die seltene Kunst, unterhaltsam zu belehren. Korn kann Erklären in Erzählen auflösen. Doch hinter dem leichten Stil verbirgt sich schwere Arbeit. Für sein Buch „Die Weltreise einer Fleeceweste“ (Bloomsbury, 168 Seiten, 14,90 Euro) hat er akribisch recherchiert, wie tief die Fahrrinne im Hafen von Dubai ist und welche TV-Serien ausgebeutete Näherinnen in Bangladesch sehen, um sich für ein paar Minuten aus ihrer trostlosen Realität zu stehlen.

„Eine kleine Geschichte über die große Globalisierung“ nennt Korn das Buch, das anhand einer Weste erzählt, wie Armut in Asien mit Sonderangeboten in der Südstadt zusammenhängt. „Die rote Weste gab es wirklich“, sagt er. Für acht Euro hatte er sie gekauft und später im Altkleidercontainer entsorgt. Als er jetzt loszog, um für seine Lesungen in Schulen ein ähnliches Anschauungsobjekt zu kaufen, kostete dieses nur noch sechs Euro. „Die Preise auf dem Weltmarkt werden nicht fairer“, sagt er. Verändern kann Korn diese Welt nicht. Aber er kann sie erklären. Es ist ein Anfang.

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