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Zufluchtsort für Prostituierte am Straßenstrich

Café Nachtschicht Zufluchtsort für Prostituierte am Straßenstrich

Im Café Nachtschicht bietet die Organisation Phoenix Hilfe für Prostituierte an. Der alte Kiosk wurde umfunktioniert und ist nun ein Ort der Zuflucht und Beratung - direkt am Straßenstrich.

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Und wieder raus in die Nacht: Im Café Nachtschicht tanken die Frauen Kraft und Mut für den harten Job.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Als sie an diesem Montagabend das Café Nachtschicht betritt, halten einen Augenblick lang alle inne. Die Frau ist groß und füllig, trägt ein Samtnegligé und Strapse in kräftigem Rot. Ihre langen, schwarzen Haare glänzen, überhaupt: alles strahlt an ihr. Sie bringt Glamour in den Raum, ein Strahlen in die Tristesse der Szenerie, und dabei scheint sie ganz unbeeindruckt zu sein von den anderen Frauen, die ihr Blicke zuwerfen. Sie beachtet sie einfach nicht, klimpert nur mit den tiefschwarzen, aufgeklebten Wimpern. Dann stolziert sie zur Theke und sucht sich Kondome aus. Acht Stück, alle in roter Farbe.

Das Café Nachtschicht ist eigentlich ein alter Kiosk, der umfunktioniert wurde. Ein kleiner, freundlicher Raum am Rande des Straßenstrichs. Von der Decke hängt ein roter Baldachin, in der Mitte des Raums stehen ein paar Tischgruppen mit Stühlen. Im hinteren Bereich sitzen Elke Bock und Elizabet Arnecke an einer Theke. An diesem Abend werden die Sozialarbeiterinnen hier sein, zuhören, Kaffee ausschenken, Trost spenden, Verhütungsmittel verteilen.

Die Prostituierten, die hier das Gespräch suchen, sind so vielfältig wie das Leben.

Eine blonde mittelalte Frau schiebt sich in den Raum, sie begrüßt alle überschwänglich und stellt sich als Tina vor. Danach fängt sie an, sich zu beklagen: über die Zustände hier auf den Straßen und die „Kanaken“, die ihr Fahrrad geklaut hätten. Elke Bock und Elizabet Arnecke stimmen ihr nicht zu, werfen sie aber auch nicht raus, obwohl die Hausordnung eigentlich Beleidigungen verbietet. Stattdessen: Tee und Ablenkung. Tina soll von sich erzählen, anstatt über andere zu lästern.

Gegen das neue Gesetz

Die Präsenz im Café Nachtschicht ist Teil der Arbeit von Phoenix, der ersten und bisher einzigen unabhängigen Institution, die sich für Prostituierte einsetzt. Im Nachtschicht will man Anwesenheit vor Ort zeigen und Beratung dort anbieten, wo sie nötig sind. Aber die Sozialarbeiterinnen setzen sich noch auf ganz andere Weise für die Rechte von Prostituierten ein. Sie begleiten bei Behördengängen und beraten in ihrer Geschäftsstelle ihre Klientinnen in allen Lebenslagen. Das geschieht immer anonym, auf freiwilliger Basis, kostenlos und: parteilich. Phoenix versucht sich zum Anwalt der Prostituierten zu machen und steht in Gremien für deren Belange ein. Gegen das neue Prostituiertenschutzgesetz der großen Koalition zum Beispiel. Das Gesetz ist seit Juli dieses Jahres in Kraft und macht seitdem die Anonymität von Sexarbeitern nahezu unmöglich.

Das Café Nachtschicht soll ein Ort zum Einkehren sein, für die Frauen, die am Straßenstrich anschaffen, ein Ort der Pause. Man kann hier Tee trinken und sich in kalten Nächten aufwärmen. Prostituierte haben im Café Nachtschicht einen Raum, um sich auszutauschen über das harte Geschäft draußen vor der Tür. Und es gibt eben kostenlose Kondome. Arbeitsmaterial. Pro Nase und Abend werden acht Stück verteilt. Die Frauen nutzen das. Einige kommen schnell und wortlos herein, lassen sich die Verhütungsmittel geben und verschwinden wieder. Andere setzen sich hin, trinken einen Kaffee oder suchen das Gespräch mit den Sozialarbeiterinnen.

Ein Mädchen betritt das Café, sie hat lange schwarz Haare und rosa geschminkte Wangen. Sie heißt Elena. Elena setzt sich auf einen der Stühle und zieht sich langsam und bedächtig um. Tauscht Jeans gegen Hotpants und Pullover gegen ein knappes Top. Arbeitsbekleidung. Ein paar Freundinnen von ihr in Nylonstrumpfhosen gesellen sich dazu, alle von ihnen grell geschminkt. Sie quatschen laut. Elizabet Arnecke ist mittendrin, die kleine Gruppe kommt regelrecht in Wallung, die Frauen amüsieren sich, machen Späße auf Bulgarisch - es ist ihnen anzumerken, dass sie versuchen, manche Erlebnisse auf humorvolle Weise zu verarbeiten.

Ein großes Problem auf dem Straßenstrich ist der Wunsch von Freiern nach Sex ohne Kondom. Sobald die Frauen ihn ablehnen, wird ihnen die Autotür vor der Nase zugeschlagen. Prostituierte, die Verkehr ohne Kondom anbieten, bekommen folgerichtig mehr Geld und mehr Aufträge. Obwohl es eine ungeschriebene Regel im Milieu ist, dass sich das nicht gehört, weil es die anderen Prostituierten unter Druck setzt, nachzuziehen. Dieser regelrechte Konkurrenzdruck sorgt unter den Frauen für viel Unmut. „Das ist kein Fairplay. Das ist einfach gefährlich für uns alle“, sagt Elena.

Elke Bock erzählt von den Schicksalen, die ihr in ihrer Arbeit begegnen. Man lerne in dem Job, sich abzugrenzen. Dabei hilft ihr: eine örtliche Distanz vom Arbeitsplatz. Wenn sie in ihrem Auto sitzt und nach Hause fährt, dann lässt sie die Frauen und ihre Schicksale zurück. Es gibt viele Klientinnen, die immer wieder von ihrem eigenen Partner verprügelt werden. Elke und die anderen von Phoenix versuchen dann, Hilfe zu leisten, um es der betroffenen Frau zu erleichtern, aus der Gewalt zu entkommen. Und doch bleiben manche bei ihrem Partner. Da habe es dann irgendwann keinen Zweck mehr „Energie reinzustecken“, sagt Elke Bock, man müsse lernen, loszulassen.

„Ort, an dem man glücklich ist“

Die Sozialarbeiterin kann durch ihr Knowhow aber auch vielen Prostituierten in administrativen Dingen helfen. An diesem Abend Berfin, einer stämmigen Frau mit stechenden grünen Augen und tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Das Amt meldet sich seit Wochen nicht wegen des Kindergeldantrags. Außerdem hat sie sich an der Wohnungstür zu einem Knebelvertrag überreden lassen. Elke Bock füllt einen Auflösungsvertrag aus und druckt ihn aus. Für solche Fälle gibt es hier eine kleine Büroeinheit mit Laptop und Drucker.

Es wird jetzt dunkler draußen, ein paar Autos fahren vorbei, in manchen sitzen die Freier. Dunkle Silhouetten; sie versuchen neugierig, Blicke in das Café zu werfen. Viele der Frauen, die schon zu Beginn vorbeigeschaut haben, sind jetzt wiedergekommen. Denn heute ist noch nicht viel los. Es ist ein warmer Abend, und es dauert lange bis zum Anbruch der Dunkelheit. Das heißt auch, dass die Freier sich mehr Zeit lassen, um zum Straßenstrich zu fahren.

Zwei sehr dünne Mädchen kommen herein und fragen nach Spritzen - auch hier versucht Phoenix, zu helfen. Dazu gibt es Kekse oder eine kleine Lästerei über anmaßende Freier. „Wenn Betty oder die anderen Sozialarbeiter hier sind, dann bin ich froh. Das hier ist ein Ort, an dem man glücklich ist“, sagt Elena.

Elke Bock und Elizabet Arnecke schließen das Café für heute Abend ab. Der Himmel nimmt gerade jenes Tiefblau an, das er nur kurz vor der Dunkelheit hat. Die Sozialarbeiterinnen machen sich auf den Weg zum anderen Teil des Straßenstrichs, um denjenigen einen Besuch abzustatten, die den Weg nicht ins Nachtschicht gefunden haben.

Doch schon nach ein paar Hundert Metern kommt eine kleine Gestalt aus einem dunklen Parkhaus gehuscht. Das Mädchen ist sehr klein und nicht nur zart, sondern drastisch dünn, unter ihrem weißen Sportbody zeichnen sich ihre Rippen ab. Die braunen Haare sind achtlos zum Pferdeschwanz gebunden. Sie wirkt mitgenommen. Um den Arm die schwarze Armbinde, die es leichter macht, eine Vene für das Heroin zu finden. Ihr Blick wandert hin und her, sie kann nicht auf einer Stelle stehen bleiben.

Elke Bock kennt das Mädchen. Sie spricht eine Weile mit ihr und gibt ihr zum Abschied noch ein paar Kondome mit auf den Weg. Dann verschwindet die kleine Gestalt wieder in der Dunkelheit.

Von Tabea Sperl

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