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Der lange Abschied von der „Lernfabrik“

IGS Mühlenberg Der lange Abschied von der „Lernfabrik“

Das Vorzeigeprojekt ist ein Fall für die Abrissbirne: Die IGS Mühlenberg wird für 63 Millionen Euro neu gebaut. Ein Baustellenbesuch.

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Ein Betonklotz auf dem Mühlenberg ist gescheitert.

Quelle: GBH

Hannover. Den Bauhelm und die Schuhe mit den Stahlkappen hat Michael Bax immer griffbereit. Dabei leitet er keine Baustelle, sondern eine Schule: die Integrierte Gesamtschule (IGS) Mühlenberg. Aber Hannovers größte Schule ist eben derzeit auch die größte städtische Baustelle. Sommerferien haben jetzt nur die 1850 Schüler, nicht aber die 80 Bauarbeiter. Sogar sonnabends rattern die Baumaschinen.

Bax und der didaktische Leiter der IGS, Raimund Lehmann, loben die enge Einbindung in die Bauplanung der Gesellschaft für Bauen und Wohnen (GBH), eine städtische Tochter. „Wir konnten von Anfang an mitreden“, sagt Lehmann. Das sei wichtig, betont auch Michael Vogelei, bei der GBH für den Neubau der IGS Mühlenberg zuständig.Denn Architekten und Pädagogen sprechen nicht dieselbe Sprache. Was den einen besonders am Herzen liegt, finden die anderen vielleicht völlig nebensächlich. Pädagogisch wünschenswert ist das eine, architektonisch möglich das andere. Enge Abstimmung am Anfang erspart Ärger am Ende. Auch die Anwohner werden von der GBH etwa alle neun Monate umfassend über die Baufortschritte informiert. So viel Mitsprache kostet die Lehrer aber auch Zeit. „Eine zweistellige Stundenanzahl pro Woche“, so schätzen die beiden Pädagogen. Stunden, für die sie vom Land keine Entlastung bekommen. Der Baulärm stört sie nicht: „Der ist erträglich“, sagt Bax.

Das Ende eines Vorzeigeprojektes

Lange war überlegt worden, ob man den Bau, ein Vorzeigeprojekt aus den siebziger Jahren, nicht doch irgendwie retten könnte. Am Ende waren Abriss und Neubau aber doch günstiger als die Sanierung des Betonklotzes. Wobei günstig nicht billig ist: Die GBH investiert in den Bau rund 63 Millionen Euro. 2012 hatte die Stadt der GBH das Grundstück und den Altbau für 6,9 Millionen Euro verkauft. Das Projekt läuft nach dem Verfahren einer öffentlich-öffentlichen Partnerschaft (ÖÖP). Die Stadt schließt mit der GBH einen Mietvertrag über 30 Jahre ab und zahlt vermutlich ab 2016 eine Jahresmiete von 4,7 Millionen Euro plus Nebenkosten.

Der Abriss ist auch der Abschied von einem Traum - von der „Lernfabrik“, die an ein Industriegebäude erinnert. Auch Universitäten, etwa das Aachener Uni-Klinikum, hatte man vor 40 Jahren in einem ähnlichen Stil gebaut. Dicke rote Abluftrohre ziehen sich durch die Gänge, von einer „Schulstraße“ gehen die Klassenräume ab, die Jahrgänge haben ihre eigenen „Lernlandschaften“. Bildung für mehr Schüler, unabhängig ihrer sozialen Herkunft - das war damals das Ziel. Jeweils acht Klassen hat die Mammutschule von Jahrgangsstufe 5 bis 13. Nicht nur eine neue Schule für alle, sondern gleich ein neuer Stadtteil war 1974 aus dem Boden gestampft worden. In dem Gebäude sind neben der Schule auch das Jugend- und Bildungszentrum „Weiße Rose“, das Jugendzentrum, die Stadt- und Schulbücherei, das Theaterpädaogische Zentrum, der Kommunale Sozialdienst, die Jugend- und Familienberatung und der Seniorenservice untergebracht.

„Wir hatten viel Platz. Das heißt aber auch: viel Platz, der beheizt werden musste“, sagt Schulleiter Bax. Innenliegende Räume ohne Tageslicht, 30 Grad warme Klassenzimmer an der Südseite und Räume an der Schattenseite, durch die der Wind heult, machten das Lernen und Lehren mitunter sehr anstrengend. Die „offene Schule“ ist gescheitert. In die Großräume wurden Zwischenwände eingezogen, die so hellhörig sind, dass „die Lehrer hören, was der Kollege im Nebenraum unterrichtet“, wie Lehmann sagt.

Ein Teil der Stadtgeschichte

Allen baulichen Nachteilen zum Trotz: Der Betonklotz hat Stadtteilgeschichte geschrieben. Viele Lehrer und Schüler waren stolz, Teil dieses riesigen Lernexperiments zu sein. Der Abriss stimmt auch den Schulleiter ein bisschen wehmütig. Mehr aber noch freut er sich auf das Neue. Auf die Gärten zwischen den Schulgebäuden, auf die Mensa mit den Außensitzplätzen, auf die neuen, hellen Klassenräume, die allerdings die Vorgaben der Inklusion, also des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Handicap, noch nicht berücksichtigen. Die Planer seien schneller gewesen als die Landespolitiker mit der entsprechenden Schulgesetzänderung, heißt es. Und im laufenden Verfahren nachzurüsten, sei nicht möglich. Die Inklusion ist allerdings nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Schon 2009 hatte Deutschland die EU-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Ins niedersächsische Schulgesetz wurde die Inklusion aber erst verbindlich zum Schuljahr 2013/2014 aufgenommen.

Der Neubau der IGS Mühlenberg im klimaschonenden Passivhausstil entsteht über einem U-Bahn-Tunnel. Die Stabilisierung des Untergrundes sei die größte Herausforderung des ersten Baujahres gewesen, sagt GBH-Projektleiter Vogelei. Im Frühjahr 2015 soll die Schule in den Neubau umziehen, dann beginnt der Abriss des alten Schulgebäudes. Der Umzug von 2000 Menschen ist eine logistische Meisterleistung, die auch genauso geplant wird.

So funktioniert die öffentlich-öffentliche Partnerschaft

Erst Verkauf, dann Verpachtung: Die IGS Mühlenberg wird in einer öffentlich-öffentlichen Partnerschaft (ÖÖP) gebaut, und zwar von der Stadt Hannover und dem städtischen Wohnungsunternehmen Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover (GBH), die in der Landeshauptstadt rund 13 500 Wohnungen unterhält. Bei dieser Kooperation sind beide Seiten öffentliche, nicht private Anbieter. Auch die Stadt Hamburg setzt bei Schulsanierungen zunehmend auf ÖÖP-Projekte. Das Gebäude oder Grundstück wird erst an die eine Seite verkauft, die investiert dann in den Neu- oder Umbau, der vom ursprünglichen Verkäufer dann wiederum gemietet oder gepachtet wird. Im Gegensatz dazu stehen ÖPP-Kooperationen – etwa die Justizvollzugsanstalt in Bremervörde (Kreis Rotenburg) oder etliche Autobahn-Bauprojekte.

Als ÖPP-Vorhaben werden Bau- und Verkehrsprojekte bezeichnet, die normalerweise als Aufgabe der öffentlichen Hand entstehen würden. Da sie aber mithilfe von privaten Finanzierungsgesellschaften gestemmt werden, werden diese Großprojekte als öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) bezeichnet. Die öffentliche Hand zahlt für die Nutzung der Gebäude oder Straßen eine Gebühr. Bei Gefängnissen dürfen die privaten Anbieter allerdings nur nicht hoheitliche Aufgaben, wie die Verpflegung der Gefangenen, übernehmen, also keineswegs deren Bewachung. Auch ein 73 Kilometer langes Teilstück der A 1 zwischen Bremen und Hamburg ist ein ÖPP-Projekt. Die Einbindung privater Partner 0ist mitunter umstritten.

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