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Der trostlose Alltag der Flüchtlinge

Flüchtlingsunterkünfte Der trostlose Alltag der Flüchtlinge

Wie ist das, wenn man nichts weiter tun kann als zu 
warten? Das ist der Alltag der Flüchtlinge, die in den Unterkünften in Hannover auf ihre Anhörungen zum Asylanerkennungsverfahren warten. Abwechslung bringen da oft nur die Deutschkurse. Doch längst nicht alle haben schon einen Platz.

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 Flüchtlinge

Herp, Salem, Hassan und Lukman aus der Unterkunft Luerstrasse. Ihr Alltag ist trist – dankbar sind die Männer trotzdem.

Quelle: Bauch

Hannover. Nami hat gar keine Zeit für Langeweile. Der Iraner ist meist schon vor dem Frühstück unterwegs zu Ärzten. An diesem Morgen war er in der Medizinischen Hochschule, Neurologie und Psychiatrie. Im Befund steht etwas von Depressionen, von Folter und Stromschlägen, die Schäden in der rechten Hirnhälfte hinterlassen haben. Nami lebt seit ein paar Wochen in der Unterkunft Kestnerstraße. Er möchte nicht klagen, aber einen Deutschkurs, den wünscht er sich sehnlichst.

Flüchtlinge aus verschiedenen 
Unterkünften in Hannover haben uns Handybilder zugesandt – sie dokumentieren damit 
ihren Alltag in der Stadt.

Quelle: Privat

Leider steht er nicht auf der Liste der knapp 30 Flüchtlinge aus der Unterkunft, die just an diesem Vormittag zum ersten Mal eine Unterrichtsstunde in der benachbarten Grundschule bekommen. Nicht für alle reicht der Einsatz der Ehrenamtlichen, „manche sind zudem Analphabeten, da muss ich erst mal schauen, wie ich das hinbekomme“, sagt eine freiwillige Lehrerin, die im Flüchtlingsheim auch gerade Neuland betritt. Abdel Hamid indes darf mitlernen, er gehört zu den Fortgeschrittenen. „Ich habe es ohnehin ziemlich gut, ich habe Freunde hier“, sagt der Syrer in gutem Englisch. Die haben ihn zum Mittagessen abgeholt und fahren ihn regelmäßig in die Stadtbibliothek, „wo ich dann stundenlang lese und im Internet unterwegs bin“. Die Museen hat Abdel Hamid auch schon durch, genau wie er den „King Garden“ in Herrenhausen kennt.

Eintöniger Alltag in der Turnhalle

Der Alltag in der Turnhalle der Kestnerschule ist für die Männer aus Syrien, dem Iran, Irak oder Libanon eintönig. Der Deutschunterricht ist da ein richtiger Höhepunkt, dafür dürfen die Flüchtlinge auch ins Schulgebäude. Ansonsten trennt ein hoher Gitterzaun den Eingang zum Turnhallenkomplex. Manchmal stecken Grundschüler die Hände durch die Drahtmaschen und schauen den Männern dahinter mit großen Augen beim Rauchen zu.

Die meisten aber zünden sich ihre Zigaretten vor der Unterkunft an, auf der Straße. Da kommen auch Sonnenstrahlen durch, hier trifft man sich zum Reden, zeigt Videos auf dem Handy, guckt auf seine Facebook-Seite – und langweilt sich. Der Mann vom Sicherheitsdienst kommt manchmal auch dazu, er spricht viele Sprachen der Flüchtlinge, flößt aber auch Respekt ein – ein bisschen wie ein Türsteher vor der Großraumdisco. Nur, dass da fremdländisch aussehende Menschen oft draußen bleiben müssen.

Privatsphäre gibt es nicht

Draußen ist es zumindest bei Sonnenschein schöner als drinnen. Dunkelbraune Gänge, quietschender Holzboden. In der Halle Stockbetten mit je einem Spind davor. Dazwischen gibt es einen Spalt. Wer es schafft, sich dort hineinzuzwängen, hat etwa einen halben Meter Privatsphäre. Auf der anderen Seite stehen Tische und Stühle, hier wird das Essen ausgegeben. Morgens, mittags, abends.

Amed kommt von der Elfenbeinküste, er spricht Französisch. Jetzt lernt er Deutsch. Ansonsten, sagt er, schläft er viel. „Im oberen Stockbett, mit Ausblick.“ Man werde zynisch vom Nichtstun, entschuldigt sich Amed. Aber jetzt hat er Deutschbücher, eine Aufgabe also – „das ist gut“. Houssam hat nur sein Handy. Da laufen Videos von ihm bei einem Discobesuch in Hannover sowie von Frau und den drei Kindern im Libanon. „Alle in einem Zimmer, es ist schrecklich dort, der schlimmste Ort, sie müssen auch nach Deutschland.“ Warum er ohne sie gegangen ist? „Zu teuer die Flucht, zu gefährlich.“ Houssam hofft darauf, zu bleiben und die vier nachkommen zu lassen. Mit Hoffen vergeht der Tag langsam. Zumal als Nichtraucher.

Warten auf das „normale“ Leben

Amad hat eine sogenannte Aufenthaltsgestattung. Er dürfte arbeiten, aber noch hat er nichts gefunden, sagt der junge Syrer. „Ich bin Barbier.“ Seinen Mitbewohnern auf Zeit hat er schon die Bärte gestutzt und die Brauen in Form gebracht. Den Rest der Zeit geht er gerne spazieren. Im Viertel, aber auch am Maschsee. Von dort hat er ein Selfie gemacht, in roten Badeshorts am Steg, und nach Hause geschickt. „Der See ist wunderschön“, sagt er. Deutsche hat der Syrer noch nicht kennengelernt in den letzten Monaten. „Nur Daniel, den Sozialarbeiter. Aber mit dem kann ich kein Deutsch lernen.“ Amed wird sich gedulden müssen. Aber Geduld ist schwer, wenn man nichts zu tun hat. Am 20. Januar ist sein Termin für die zweite Anhörung. Danach dürfte er Asylstatus bekommen, „dann geht es los mit dem Leben hier“, hofft der 22-Jährige.

Lukman möchte auch loslegen mit dem Leben in Deutschland. Der Syrer ist in der Sporthalle der Sophienschule an der Lüerstraße untergebracht, zusammen mit 68 weiteren Männern. „Ich warte seit zwei Monaten händeringend auf meine erste Anhörung“, sagt der Einzelhandelskaufmann, „mein Cousin in Hamburg hatte die bereits nach 14 Tagen.“ Er sitzt mit seinen neuen Freunden vor der Turnhalle in der Sonne, sonst „liegen wir ziemlich viel auf dem Bett“, gesteht Sakr, ein Ingenieur aus Syrien. „Oder wir spielen Fußball, Tischtennis oder machen zusammen Musik.“ Dass sich die Männer im Zooviertel nicht hängen lassen, dafür sorgt auch Sozialarbeiter Tengezar Marini. Am Morgen hat er eine Gruppe dazu bewegt, sich mit Luftballons, Rosen und handgeschriebenen Zetteln vor dem Hauptbahnhof bei Passanten dafür zu bedanken, dass sie in Hannover sein dürfen. „Alle waren sehr freundlich, haben sich gefreut, dass wir da sind, und uns alles Gute gewünscht“, sagt Salem. Viel Deutsch kann er noch nicht: „Guten Morgen, danke, ich bin ledig.“ Wie die anderen, möchte er vor allem die Sprache lernen. „Wir fühlen uns noch nicht angekommen in der Kultur, den Gepflogenheiten, beim Essen“, betont Sakr. Herp, ein Apotheker, möchte unbedingt Deutsche kennenlernen. Daher ist er auch viel mit dem Fahrrad unterwegs. „Einfach die Gegend erkunden, mit Menschen ins Gespräch kommen, das hilft über den Tag und beim Ankommen im neuen Leben.“

Dankbar trotz aller Umstände

Die Bewohner der Unterkunft Lüerstraße haben in der Halle genauso wenig Privatsphäre wie die Flüchtlinge in der Südstadt. Deswegen sind sie auch möglichst selten „zu Hause“. „Wir haben eine Stadtführung gemacht, waren am Rathaus, in Herrenhausen am Schloss, haben Linden, die Nordstadt, Langenhagen und Laatzen gesehen“, erzählt Lukman. Ein Zoobesuch steht als nächstes an, auch Kinokarten gibt es mit Ermäßigung. „Aber dafür müssten wir besser Deutsch sprechen“, sagt Herp. Die Syrer aus der Lüerstraße sind dankbar, trotz der Untätigkeit, die ihnen zuweilen schwer zu schaffen macht. „Mit der Flucht haben wir die schwerste und wichtigste Entscheidung unseres Lebens getroffen“, betont Lukman. Über die harte Reise ins „gelobte Land“ mag hier niemand mehr sprechen. „Wir schauen nicht mehr zurück, nur noch nach vorne,“ betont Lukman und spricht für alle. Mit Blick auf Hannover sei das alles in allem eine vielversprechende Aussicht.     

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