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„Sie haben sich mit allem bewaffnet“

Derby-Nachlese „Sie haben sich mit allem bewaffnet“

Knapp zwei Wochen nach den Ausschreitungen rund um das Fußball-Derby zwischen Hannover 96 und Braunschweig kann die Polizei erste Ermittlungserfolge vorweisen. Die Derby-Nachlese mit Polizeipräsident Volker Kluwe im HAZ-Interview.

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Fans ziehen vor dem Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig durch die Straßen Hannovers und provozieren vor dem Stadion die Polizei.

Quelle: von Dithfurt

Hannover. „Die Palette reicht von Beleidigung, Widerstand und Landfriedensbruch bis hin zu gefährlicher Körperverletzung“, sagt Polizeipräsident Volker Kluwe im Interview mit der HAZ.

19 Tatverdächtige sind von den Beamten einer eigens nach dem Derby eingerichteten Ermittlungsgruppe bereits identifiziert worden. Ihnen werden 21 Straftaten zur Last gelegt. Die Fahnder konnten sie zum großen Teil anhand der Videoaufzeichnungen identifizieren, die von verschiedenen Einheiten in der Innenstadt und rund um das Stadion und von den Kameras in der Arena selbst aufgenommen worden waren. „Mit der Auswertung der Videobilder sind wir noch lange nicht am Ende“, sagt der Polizeipräsident.

Im November 2013 trafen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig zum ersten Mal nach 37 Jahren in der ersten Bundesliga aufeinander. Vor und nach dem Spiel kam es zu Auseinandersetzungen.

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Auch bei Hannover 96 läuft die Aufarbeitung der Geschehnisse auf vollen Touren. Den Verein treibt insbesondere die Frage um, wie die vielen bengalischen Feuer, die vor allem in der Fankurve der Roten, aber auch im Gästeblock während des Spiels gezündet wurden, an den Ordnern vorbei in die Arena geschmuggelt werden konnten. „Wir haben dazu vielfältige Hinweise erhalten, denen wir jetzt nachgehen“, sagt 96-Sprecher Alex Jacob. In der kommenden Woche, rechtzeitig vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, will der Verein eine erste Bilanz dieser Untersuchungen präsentieren.

Ein Schwein mit Hannover-96-Schal um den Hals und schwarzer Farbe auf dem Körper ist vor dem Derby-Hinspiel 2013 in Hannover herumgeirrt. Es wurde von der Polizei eingefangen.

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Unterdessen wurde bekannt, dass der Polizeieinsatz rund um das Derby größer war als bislang angenommen. Insgesamt sicherten rund 2500 Beamte die brisante Bundesligabegegnung. 1700 Einsatzkräfte kamen dabei von der Landes-, die übrigen 800 von der Bundespolizei. Wegen des ersten Aufeinandertreffens der beiden Vereine in der Bundesliga seit 37 Jahren hatten sich am Spieltag je 1000 gewaltbereite Fußballrowdys aus dem Umfeld der Roten und eine gleiche Anzahl aus Braunschweig in Hannover versammelt. Die Polizei konnte ein Aufeinandertreffen der gegnerischen Parteien verhindern. Vermutlich aus Frust darüber gingen vor und nach dem Spiel insbesondere Gewalttäter aus dem Umfeld von Hannover 96 gezielt auf Polizisten los. Rechts- und linksradikale Krawallmacher, die sich normalerweise nicht gerade wohlgesonnen gegenübertreten, schlossen dabei sogar vorübergehend Allianzen. Insgesamt wurden 14 Beamte verletzt, fünf Randalierer festgenommen.

„Sie haben sich mit allem bewaffnet“

Der Polizeieinsatz beim Derby war erfolgreich – die gewaltbereiten Fans beider Vereine kamen sich nicht nahe. Doch der Preis dafür war hoch: 14 verletzte Polizisten, enorme Kosten für den größten Fußballeinsatz in der Geschichte Hannovers. Ist dieser Preis zu hoch?
Ich will es mal so ausdrücken: Unter den gegebenen Umständen ist das akzeptabel. Es wäre unverhältnismäßig gewesen, wenn wir Gewalttätern, von Fans möchte ich in diesem Zusammenhang bewusst nicht sprechen, das Feld überlassen hätten, sodass das Spiel nicht hätte ausgetragen werden können. Es ist die gesetzliche Aufgabe der Polizei, genau solchen Gefahren zu begegnen. Das Aggressionspotenzial beider Lager war extrem hoch.
Wie gefährlich war die Lage für die Einsatzkräfte?
Es war nicht einfach. Die Gewalttäter haben Knallkörper in Richtung der Einsatzkräfte geworfen, einige trugen spezielle Handschuhe, sogenannte Quarzhandschuhe, um härter zuschlagen zu können. Ich weiß auch, dass einige von diesen Gewaltsuchenden vorher Schmerzmittel eingenommen hatten, um bei einer Auseinandersetzung länger standhalten zu können. Zudem haben sie sich mit allem bewaffnet, was sie erreichen konnten, um auf Beamte loszugehen, von Verkehrsschildern bis hin zu Baustellenabsperrungen.
Vor dem Anpfiff ist eine Gruppe sogenannter 96-Fans geschlossen, zum Teil vermummt und Böller werfend, von der Altstadt zum Stadion gezogen. Warum hat die Polizei diese Aktionen nicht rigoros unterbunden?
Für uns war das reine Provokation, auf die wir nicht eingehen wollten. Die Gruppe ist mit etwa 400 Personen aus der Altstadt losgegangen und dann schnell auf etwa 2000 angewachsen. Ein großer Teil dieser Personen hat ganz offensichtlich die Auseinandersetzung gesucht. Wenn wir versucht hätten, 2000 Menschen daran zu hindern, zum Stadion zu kommen, dann hätte es vermutlich die Straßenschlacht gegeben, die sich manche erhofft hatten. Wir können nicht um jeden Preis rechtlich grundsätzlich zulässige polizeiliche Maßnahmen durchsetzen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Das ist keine Kapitulation vor den Gewalttätern, das gehört zu einer besonnenen Einsatzstrategie dazu.
Hätte die Polizei diese Gruppe nicht bis zum Ende des Spiels einkesseln und festsetzen können?
Dann hätten wir auch die Unbeteiligten mit eingekesselt, und das geht rechtlich nicht. Dazu gibt es entsprechende Urteile. Darüber hinaus hätte diese Maßnahme zusätzlich Kräfte gebunden, die uns in dieser Situation möglicherweise an anderer Stelle gefehlt hätten. Denn zur gleichen Zeit kamen in Linden die Sonderzüge mit den Braunschweigern an.
Nach Abpfiff wüteten rund 700 sogenannte 96-Fans in der Altstadt. Lag es auch an der Verhältnismäßigkeit der Mittel, dass die Polizei sich dort zurückgehalten hat?
Diese Situation hat sich von der auf dem Anmarsch unterschieden. Für diese Leute war der Abend noch nicht beendet, weil sie noch nicht in irgendeine Auseinandersetzung verwickelt waren. Deswegen haben sie sich dann entschieden, die Polizei zu attackieren. Es gab zunächst massive Angriffe auf einzelne Beamte, die beispielsweise den Verkehr geregelt haben. Also haben wir die Kräfte, die nicht damit beschäftigt waren, die Braunschweiger zu ihren Zügen zu begleiten, sofort hinterhergeschickt. Denn da bestand große Gefahr für einzelne Kollegen. Als dann relativ schnell klar war, dass es ausschließlich gegen die Polizei gehen sollte, haben wir Distanz geschaffen, und dann war der Spuk beendet.
Wie sieht die künftige Zusammenarbeit der Polizei mit Hannover 96 aus? Immerhin hat sich die Vereinsführung von einigen der sogenannten Fans zum wiederholten Mal an der Nase herumführen lassen.
Ich unterstelle dem Verein in keiner Weise, dass er mit diesen Personen kooperiert oder in irgendeiner Weise toleriert hat, dass Pyrotechnik ins Stadion gelangt ist. Ich habe grundsätzlich nichts gegen eine gelungene Choreografie im Stadion. Was ich nicht akzeptiere, sind einige Beschriftungen, die zu lesen waren. Wenn man Menschen als Abschaum bezeichnet, ist das wirklich die unterste Kategorie von Rhetorik. Wenn dann auch noch eine Choreografie ausgenutzt wird, um sich zu vermummen, um so unerkannt Pyrotechnik abbrennen zu können und dem Verein wieder zu schaden, dann findet weder Hannover 96 das gut noch wir.
Wie kann ein solches Verhalten der Fans künftig verhindert werden?
Es braucht irgendeine rechtliche Grundlage für ein Verbot, wenn es um Vermummung im Zusammenhang mit solchen Veranstaltungen geht. Das wäre schon ein großer Schritt. Auch der Verein wird seine Politik gegenüber den sogenannten Fans überdenken und sich fragen müssen, wie locker der Zügel in Zukunft gehalten wird oder ob es nicht ein paar Restriktionen geben muss. Beispielhaft wäre es überlegenswert, dass bei solchen Risikospielen seitens des gastgebenden Vereins keine Karten an Gästefans verkauft werden. Auch die Mittel der Polizei sind noch nicht ausgeschöpft. 2012 hat die Hamburger Polizei vor dem Spiel des FC St. Pauli gegen Hansa Rostock durchgesetzt, dass die Gästefans keine Eintrittskarten kaufen durften. Das Verwaltungsgericht lehnte damals den Einspruch gegen die Maßnahme ab. Auch einen solchen Schritt müssen wir künftig im Einzelfall prüfen.
Das Interview führte Tobias Morchner

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