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Kopfschüsse

Deutscher tötet in Hannover Italiener bei Streit um Fußball


In Hannover endet am Montagmorgen ein Streit um Fußball mit Schüssen in den Kopf: Ein 42-jähriger Deutscher tötet am Steintor den Italiener Franco S. und verletzt dessen Landsmann Giuseppe L. lebensgefährlich.
Im Columbus am Steintor fand Franco S. am Montag gegen 7.20 Uhr den Tod. Um das Leben seines Freundes Giuseppe L. kämpfen die Ärzte noch.

Im Columbus am Steintor fand Franco S. am Montag gegen 7.20 Uhr den Tod. Um das Leben seines Freundes Giuseppe L. kämpfen die Ärzte noch.

© Christian Elsner

Im Radio heißt es am Nachmittag: ein Toter bei Schießerei im hannoverschen Steintorviertel. Das Leben eines zweiten Mannes hänge „noch am seidenen Faden“. Der Tote ist Franco S., 47 Jahre alt, Vater einer Tochter, Pizzabäcker im Little Italy am Steintor. Lebensgefährlich verletzt, wie es heißt, ist Giuseppe L., 49, Koch im Lindener Restaurant Mama Raffaele, Vater eines Sohnes und einer Tochter. Im Little Italy sitzt ein Kollege und Freund der beiden, und schüttelt den Kopf. Nein, heißt das, was Giuseppe angeht, haben sie hier keine Hoffnung mehr.

Das Little Italy hat geschlossen an diesem Tag, nur ein paar Kollegen, Verwandte, Freunde sind da. Manche diskutieren vor der Tür über die absurde Tat, die sich vor Stunden, gegen 7.20 Uhr, auf der anderen Straßenseite im Columbus ereignet hat. Andere sitzen in sich gekehrt auf ihren Stühlen, schütteln die Köpfe. „Es ist unmöglich zu verstehen, dass so etwas passiert wegen einer Diskussion über den Scheißfußball“, sagt der Kollege, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Diese Diskussion, alkoholgeschwängert in den frühen Morgenstunden dieses Montags, soll der Auslöser des Streits zwischen den beiden Italienern und dem Täter gewesen sein. Grund dafür, dass der 42-jährige Hannoveraner Holger B. das Columbus verließ, eine gute Stunde später zurückkehrte und den beiden Italienern aus kurzer Distanz in den Kopf schoss.

Gegen 2 Uhr haben Franco S. und Giuseppe L. das Little Italy an diesem Abend verlassen. „Giuseppe kam oft nach der Arbeit her, um uns zu besuchen“, sagt der Kollege. Hin und wieder seien die beiden Freunde noch irgendwo ein Bier trinken gegangen. Nur eben normalerweise nicht im Columbus. Der Ruf der Kneipe ist mit zweifelhaft noch unzureichend umschrieben, auch die Italiener gegenüber wissen das. Dass Franco und Giuseppe hier landen, können sich die Kollegen nur so erklären: „Alles andere hatte zu.“

Was genau die beiden Männer in den Stunden nach 2 Uhr getan haben, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Zunächst, sagen Stammgäste aus dem Columbus, seien beide in eine benachbarte Spielothek gegangen, erst danach in die Kneipe. Einer der beiden Männer soll ein Trikot der italienischen Nationalmannschaft getragen haben, eines jener blauen Hemden, auf denen für jeden der vier Weltmeistertitel der „Azzuri“ ein Stern prangt. Die Stimmung muss zunächst gut gewesen sein im Columbus, Nachbarn hören, wie drinnen Fußballlieder gesungen werden. Franco sei begeisterter Fußballfan gewesen, Giuseppe nicht so sehr, heißt es. Dann aber, so teilt es auch die Polizei offiziell mit, kommt es zum Streit zwischen den italienischen Köchen und Holger B.. Die Männer diskutieren über Fußball, irgendwann diskutieren sie nicht mehr, sie streiten sich. Glaubt man all das, kann man sich vorstellen, dass der deutsche Gast auf das frühe Ausscheiden der Italiener bei der WM in Südafrika zu sprechen gekommen ist. Jedenfalls verweisen Franco S. und Giuseppe L. Zeugen zufolge auf die vier Sterne auf dem italienischen Trikot – einen mehr, als die deutsche Elf hat. „Die beiden sind keine Streithähne, keine aggressiven Leute“, sagt der Kollege aus dem Little Italy. „Sie werden Scherze gemacht haben, vielleicht haben sie ihn ein bisschen hochgenommen.“

Wenig später kündigt Holger B. an, er müsse Geld holen, und verlässt die Kneipe. Da, so berichten es Augenzeugen, hat sich die zuvor aufgeheizte Stimmung längst wieder beruhigt. Eine Stunde später aber kehrt der 42-Jährige zurück. Er fordert die beiden Männer auf, mit ihm vor die Tür zu gehen, um den Streit dort auszutragen. Das aber lehnen Franco S. und Giuseppe L. ab. Der Freund im Little Italy hebt die rechte Hand, als er erzählt, was er gehört hat. „Franco war ein kleiner Mann, ein Hänfling“, sagt er, macht eine Faust und streckt zur Demonstration den kleinen Finger ab. „Der konnte niemandem etwas zuleide tun.“ Giuseppe sei schon eher jemand gewesen, der sich wehren konnte. Aber nicht an diesem Morgen im Columbus. Da hat Giuseppe keine Chance.

„Plötzlich steht der Holger in der Tür, will wieder mit den Italienern Streit anfangen“, erzählt eine Zeugin, die sich Marion nennt. „Als der eine aufsteht, zieht Holger die Pistole und ruft: ‚Hier hast du deine vier Sterne’ und drückt dann ab.“ Der Schuss gilt Giuseppe L.. Die Wirtin duckt sich hinter den Tresen, auch die anderen Gäste werfen sich auf den Boden. Franco S., so berichtet es die Zeugin, kniet sich vor Holger B. hin und fleht um sein Leben. Doch B. schießt wieder, offenbar zweimal. Woher er die Waffe hat, ist unklar, die Polizei findet sie später in der Nähe des Columbus. „Danach bin ich nur irgendwie raus und um mein Leben gelaufen“, sagt Marion. Sie sucht Zuflucht nebenan im Kiosk von Onur Kahtaoglu. Der hat kurz zuvor „drei laute Geräusche“ gehört. Jetzt kann er sich einen Reim darauf machen. Wenig später macht unter den Mitarbeitern des Little Italy die Nachricht die Runde, einer ihrer Kollegen sei erschossen worden. Der Chef telefoniert seine Mitarbeiter ab, nicht jeder hat sein Handy an. Es dauert, bis er Gewissheit hat. Das Restaurant bleibt an diesem Tag geschlossen – das Columbus macht abends wieder auf.

Im Little Italy klingelt am Nachmittag das Telefon im Minutentakt. Freunde rufen an, Verwandte, wollen wissen, was ist, oder einfach Trost. Der Kollege redet auf Italienisch auf sie ein, beruhigend, meistens.
Dann klingelt das Telefon erneut. Er hört kurz zu. „Er ist tot“, sagt er dann, und es klingt bestimmt. „Er ist tot.“

Tobias Morchner und Felix Harbart

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Das Columbus im Steintorviertel.

Das Columbus im Steintorviertel.

© Christian Elsner

Das Columbus steht dort, in der Münzstraße 8 gegenüber vom Steintorviertel, seit 56 Jahren, es hat rund um die Uhr geöffnet.

Eine „Spelunke“ sei das, sagen einige, und wahrscheinlich tut man dem Laden damit nicht einmal Unrecht. Der Umgangston ist rau, Polizeieinsätze wegen Schlägereien gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder. Die bunte Partynacht mit leicht verruchtem Flair, die am Steintor gegenüber gern inszeniert wird, bleibt hier außen vor. Es gibt Bier aus dem Zapfhahn, die Musik spielt im Hintergrund, „um die Gäste vom Hotel nebenan nicht zu stören“, wie Columbus-Geschäftsführer Ernst Wegener erklärt. In Wegeners Kneipe merkt man an den belegten Hockern, ob seine Gäste gerade flüssig sind. „Nach dem Ersten des Monats ist immer ein bisschen mehr los, die zweite Monatshälfte wird’s dann weniger“, sagt er. Seine Gäste, das sind Menschen, die lieber in der Nacht versacken, als zu Bett zu gehen, oder solche, die in der Nacht arbeiten und deshalb spät dran sind mit dem Feierabendbier.

Den Täter hat der Wirt öfter gesehen. „Den kannte ich, er war eigentlich umgänglich“, sagt Wegener. Gestern Morgen stand er hinter dem kleinen Tresen und verfolgte den Streit über die Fußballmannschaften mit – in der kleinen Kneipe mit zehn Tresenhockern und ein paar Tischen war kaum etwas los. Er habe schon einiges erlebt, erzählt Wegener. Morgendliche Schlägereien, Unflätigkeiten aller Art. Das komme vor in so einer Kneipe. Aber eine Schießerei? Wegen Fußball? „So etwas hatten wir hier noch nie“, sagt er. „Nicht mal früher, in den wilden sechziger und siebziger Jahren.“

Die beiden Opfer kamen von der anderen Straßenseite herüber ins Columbus. Dort, im Restaurant Little Italy, in der Goethestraße 11-13, arbeitete einer der Italiener als Koch. Das Restaurant, eine seltene Mischung aus Nobelrestaurant und Rotlichtromantik, eröffnete im Dezember 2008, zu den Gästen zählten Prominente wie 96-Fußballer Altin Lala und Scorpions-Sänger Klaus Meine. Die Küche hat in der Woche bis 2 Uhr, am Wochenende sogar bis 5 Uhr morgens geöffnet, auf der Speisekarte findet man frischen Spargel genauso wie „Pizza to go“. Die Betreiber des Restaurants sind in Hannover bekannt. Sie heißen Lucia De Cosmo und Rosario Alberino.

Letzterer ist ein Sohn der Betreiberfamilie des Mamma Raffaele, das vor mehr als 40 Jahren das erste italienische Restaurant der Stadt war. Die Familie betreibt heute ein weiteres Restaurant in der Viktoriastraße in Linden. Die beiden Häuser in der Goethestraße, in die das Little Italy eingezogen ist, haben einen prominenten Besitzer: Sie gehören dem hannoverschen Anwalt Götz von Fromberg, der die Gebäude allerdings nach eigenen Angaben an „einen deutschen Verwalter“ verpachtet hat, der sie wiederum an die italienischen Betreiber vermietet hat. „Schrecklich, was da passiert ist“, sagt der Anwalt.

Dirk Schmaler

Holger B.

Holger B.

© Polizei Hannover

Bekannten zufolge ist B. alleinstehend und arbeitet im Werkheim Büttnerstraße, einer Einrichtung für alleinstehende, wohnungslose Männer. Dem Vernehmen nach wohnt in er Linden. Woher er die Waffe hatte, ist noch nicht geklärt. Einen Waffenschein soll B. nicht besessen haben. In seinem Umfeld hieß es gestern, B. sei bereits mehrfach in psychiatrischer Behandlung gewesen. Hinweise auf den Aufenthaltsort von Holger B. nimmt die Polizei unter 0511-1095555 entgegen. Das untere Foto zeigt ihn unmittelbar vor der Tat, als er an einem Geldautomaten in der Deisterstraße Bargeld abhebt.

tm / fx

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