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Aus der Stadt Die Entdeckung der Rebellion auf dem Boehringer-Gelände
Hannover Aus der Stadt Die Entdeckung der Rebellion auf dem Boehringer-Gelände
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22:00 05.07.2009
Von Thorsten Fuchs
Die Besetzer haben sich häuslich eingerichtet. Quelle: Michael Thomas
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Die Zeit: Sonnabendnachmittag, die Teilnehmer: Thomas Pavel und Captain Chamäleon.

Pavel trägt die Haare kurz, Polohemd und leichte Sommerhose, er ist Rechtsanwalt, seine Kanzlei hat zehn Mitarbeiter, und er wohnt in Kirchrode, Röhrichtstraße, eine gute Gegend.

Captain Chamäleon trägt eine Art Hut, der sehr an Robin Hood erinnert, er hat einen blonden, etwas zauseligen Bart, und auf seinem T-Shirt steht, auf Englisch: „Stoppt die Flughafen-Ausdehnung“. Seine Wohnung in Bayern hat er im Oktober aufgegeben, seine Habe in einem Rucksack verstaut, seitdem reist er umher, zu den Protestpunkten dieser Republik, und seit Donnerstag ist er nun also einer von den 20 bis 30 jungen Menschen, die das Boehriger-Gelände besetzen. Eigentlich ist er Erzieher, aber seit Oktober, sagt er, sei er vor allem politischer Clown, einer, der bei Demonstrationen für entspannte Stimmung sorgt. Captain Chamäleon ist sen Künstlername. Aber man kann ihn auch Captain nennen.

Das also sind die Ausgangsbedingungen, und dass das Ganze nicht unheikel ist, scheint auch Pavels kleiner Sohn Christian zu spüren, der sich für alle Fälle mal am Stoff von Papas Hose festhält. Sie scheinen sich dann aber doch nicht unsympathisch zu finden, und als der Captain bei der kleinen Führung über das Gelände vor dem Baumhaus in der alten Eiche versichert, dass „wir natürlich keinen einzigen Nagel in den Baum schlagen“, ist das Eis endgültig gebrochen.

„Großartig“, sagt Thomas Pavel.

„Darf ich da mal rauf?“, fragt Christian.

Es ist eine Szene, wie sie sich derzeit täglich auf dem kleinen Gelände abspielt. Kirchrode entdeckt seine Sympathie für die Rebellion. Nicht dass die Bewohner von Hannovers wohlhabendstem Stadtteil nun in Scharen zu den Besetzern ausschwärmen. Aber es gibt doch beständigen Besuch der Bürger bei den Besetzern – und reichlich Geschenke. So üppig ist inzwischen der Vorrat an Nahrungsmitteln, dass die Besetzer gestern zum öffentlichen Frühstück baten. Müsli und Mandelmus, Äpfel und Möhren, alles das stapelt sich inzwischen im Verpflegungszelt. „Protest macht dick“, sagt einer der Besetzer, und streicht sich über den Bauch. Ein Anwohner bringt einen Medizinkoffer, „für alle Fälle“, andere helfen mit Gas zum Kochen und Getränken. Die Rentnerin Karin Reich ist mit Dackel „Moritz“ herspaziert. „Das sind friedliche, nette Leute“, findet sie. Einige ihrer Nachbarn hätten sogar Geld für die Besetzer gesammelt. Einige Kirchröder hätten Berührungsängste. „Aber es gibt mehr Sympathisanten, als man denkt.“

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Am Donnerstag haben Schüler und Studenten das Boehringer-Gelände in Bemerode besetzt.

Es ist eine ungewöhnliche Koalition, die sich da zusammengefunden hat. Den einen geht es um die Sicherheit, sie glauben nicht an die Versprechen Boehringers. Den anderen geht es um Grundsätzliches, sie wollen nicht, dass Tiere für Menschen sterben. Aber in den Zielen treffen sie sich. Da kann man über ein paar Rastalocken schon mal hinwegsehen. Oder über ein blank poliertes Auto.

Andererseits jedoch sind in diesem Kampf um Boehringer die Klischees ohnehin schon längst ins Wanken geraten. Der Kirchroder Anwalt Pavel hat früher in Brokdorf protestiert, die Kirchröderin Reich nennt sich „eine frühe Achtundsechzigerin“. Umgekehrt sind die jungen Besetzer viel weniger naiv, als es der Gegensatz zwischen ihrem mächtigen Ziel und der Bescheidenheit ihrer Mittel vermuten lassen könnte. Natürlich, man kann sie leicht belächeln. Zum Beispiel, wenn sich gegen Nachmittag einer von ihnen schlaftrunken von der Couch im Eingangsbereich erhebt und Sätze sagt wie: „Die (Tiere) haben auf jeden Fall Gefühle, und das geht einfach nicht, die zu quälen.“ Oder wenn sie beschließen, welche der gespendeten Lebensmittel sie wegen ihrer tierischen Inhaltsstoffe nicht essen dürfen: die Nuss-Nougat-Creme aus dem Bioladen (Vollmilchpulver!), Müsliriegel (Honig!) und die Gummibärchen, die ihnen die Politiker von der Linken unsensiblerweise mitgebracht haben (Gelatine!).

Aber es hieße, sie zu unterschätzen, würde man die Besetzer auf diese Momente zu reduzieren. So improvisiert vieles aussehen mag, so professionell und geübt sind die jungen Besetzer letztlich. Sie wissen, dass sie sich, um ihre Sympathien bei den Kirchrödern nicht zu gefährden, von keiner Partei vereinnahmen lassen dürfen – und schicken deshalb die Politiker von der Linken wieder fort, als diese sich zum Gruppenfoto vor den Besetzern aufstellen. Sie haben ihr Beharrungsvermögen an anderer Stelle längst bewiesen. Der, nun ja: Captain zum Beispiel hat zuletzt von Oktober bis Februar im Kelsterbacher Wald in Hessen campiert, um gegen die Erweiterung des Flughafens zu protestieren. Und die Realisten unter ihnen wissen auch durchaus, dass sie Boehringers Zentrum nicht verhindern können – und feiern schon die Aufmerksamkeit, die sie erringen, als Erfolg.

Möglich also, dass die Besetzer den Kirchrödern noch eine Weile erhalten bleiben. Da bliebe dann auch Zeit, Distanz zu überbrücken. Thomas Pavel sitzt schon fast wieder im Auto, da tragen ihm die Besetzer eine Kiste Limonade hinterher, die er gespendet hatte. Von Coca-Cola wolle man nichts auf dem Gelände, hatten die Besetzer nach rascher Diskussion beschlossen. „Damit habe ich kein Problem“, sagt Pavel und nimmt die Kiste wieder mit. Aber ein wenig irritiert wirkt er doch.

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