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Die Geschichte vom Matrosen Ritter

Einspruch, Herr Oberst! Die Geschichte vom Matrosen Ritter

Auf dem Kasernengelände seien keine Deserteure hingerichtet worden? Das weiß Hiltraud Agternkamp besser – und erzählt nach fast 70 Jahren die Geschichte vom Matrosen Ritter.

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Die Chefin trug ihr auf, rasch zu den Ritters hinüberzulaufen – die Todesnachricht überbringen: Hiltraud Agternkamp wohnte 1942 in der Nähe der heutigen Emmich-Cambrai-Kaserne in Vahrenheide.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Es soll nur bitte niemand denken, sie habe keinen Respekt. Das ist Hiltraud Agternkamp wichtig. Schließlich ist der Mann, dem sie widersprechen möchte, ein Oberst, ein hoch dekorierter Mann. 

Sie wirkt, als müsste sie ihren Mut sammeln. Als müsste sie rechtfertigen, was sie tut. „Aber wenn jemand sich nicht richtig auskennt“, sagt sie dann, „dann muss man doch auch etwas sagen dürfen.“ So sieht sie das. Und bei der Sache mit den Deserteuren, da habe er nicht richtig gelegen. Da ist sie ganz sicher.

Frau Agternkamp ist 85 Jahre alt. Eine schmale, wache, fröhliche Frau mit kurzen grauen Haaren. Sie sitzt in der Küche ihrer Genossenschaftswohnung in Kleefeld, gleich neben dem Vogelkäfig. Der Käfig ist kommodengroß, eine Voliere, die Tür steht offen. Die beiden Wellensittiche fliegen dennoch nicht heraus. „Sie fühlen sich wohl, wo sie sind“, sagt Frau Agternkamp. Sie hat so etwas noch nie gemacht: bei der Zeitung anrufen. Es gab nie etwas, das sie für wichtig genug hielt. Aber am Dienstag war das anders. Da las sie in der HAZ eine Meldung. Um eine Gedenkfeier für im Zweiten Weltkrieg erschossene Deserteure ging es da, die die Leute vom Friedensbüro gern in der Emmich-Cambrai-Kaserne in Vahrenheide abhalten würden. Die Bundeswehr reagierte verhalten. Das hat Frau Agternkamp noch nicht gestört. Aber dann las sie auch noch vom Oberst Hubert Katz, der in dem Bericht sagt, er wisse nichts von Hinrichtungen auf dem Gelände der Kaserne. Das war der Moment, als sie beschloss, dass sie nun doch mal etwas sagen muss.

Wie erzählt man eine Geschichte, über die man fast 70 Jahre lang nie mit jemandem geredet hat? Die man niemandem erzählt hat, nicht mal dem eigenen Mann? Hiltraud Agternkamp jedenfalls wirkt ungeduldig. So, als wollte sie es rasch hinter sich bringen. Am liebsten würde sie direkt mit dem Anruf beginnen, in dem es darum ging, was mit dem Matrosen Ritter geschehen ist. Aber dann, räumt sie ein, würde man es nicht verstehen. Also, mühsam, von vorn.

Es war im Jahr 1939, als sie mit ihren Eltern und der älteren Schwester von Garbsen nach Burg zog, an den Harzburger Platz. Der Vater arbeitete bei der Bahn, so hatten sie es näher. Die Häuser im Harzer Viertel waren neu, es war ein Fortschritt. Den Nachteil lernten sie erst später kennen. „Die langen Blöcke, dazu die Bahn in der Nähe, das musste von oben aussehen wie eine Kaserne.“ Der nächste Bunker lag an der Herrenhäuser Straße. Bei Luftalarm fuhren sie mit dem Rad hin. „Dabei war ich doch beinahe nachtblind.“

Das Mädchen Hiltraud war im Viertel rasch bekannt. Das lag an ihrer Arbeit. Sie machte eine Lehre im Lebensmittelgeschäft Bode, zwei Häuser weiter. Das Geschäft war der Treffpunkt im Viertel. Dennoch war sie überrascht, als 1942 eines Tages Hannelore, eine junge Frau aus der Nachbarschaft, in den Laden kam und sie einlud. Ob sie, Hiltraud, nicht mitfeiern wolle, ihre drei Brüder seien auch da, auf Urlaub vom Krieg. Hiltraud war 16, die anderen waren älter. Sie zögerte, bevor sie zusagte. „Ich war ziemlich schüchtern.“ Und sie verstand auch erst später, warum die Geschwister sie eingeladen hatten.

Irgendetwas war los mit dem Jüngsten. Es war ein ausgelassener Abend, jemand spielte Akkordeon, Hannelore steppte, aber der jüngste der drei Brüder saß still am Rand, teilnahmslos, abwesend. „Sie hatten mich eingeladen, um ihn aufzumuntern“, sagt Hiltraud Agternkamp. Ob es ihr gelang? Sie ist sich nicht sicher. Er redete nicht viel. Ein paar Tage später kam Hannelore wieder in den Laden. Nun lag ihr Bruder im Lazarett in der Adolfstraße. „Eine Nierengeschichte“, so erinnert sich Hiltraud. Er kam ihr noch apathischer vor. Und dann, „vielleicht eine Woche später“, kam dieser Anruf.

Das Lebensmittelgeschäft verfügte über den einzigen Telefonanschluss im Viertel. Das war bekannt. Hiltraud hörte nicht, was der Anrufer sagte. Sie weiß nur noch, was ihre Chefin ihr auftrug. Sie solle rasch hinüber zu den Ritters laufen. Die Todesnachricht überbringen. Der Jüngste, hingerichtet auf der Vahrenwalder Heide, wegen Fahnenflucht. Das müsse sie der Familie sagen.

Hiltraud Agternkamp schweigt. Der Schießplatz auf der Vahrenwalder Heide gehört zur Emmich-Cambrai-Kaserne. Darum ging es ihr. Wie sie damals zu den Ritters kam, mit wem sie sprach, wie sie auf die Todesnachricht reagierten, alles das weiß sie nicht mehr. „Ich hatte einen totalen Schock“, sagt sie.

Darüber reden, im Krieg? „Unmöglich, niemand sprach davon.“ Nach dem Krieg war es nicht anders. Heute kann sie darüber reden. Aber macht es das leichter?

Hiltraud Agternkamp wirkt zerrissen. Da gab es also damals Leute, die taten, wozu ihr selbst der Mut gefehlt hätte. Zwei Jahre nach dem Anruf, 1944, kam sie zum Arbeitsdienst in ein Lager nach Polen. Tagsüber mussten sie Schützengräben ausheben, nachts schlichen Partisanen ums Haus. „Da wäre ich selbst am liebsten abgehauen.“

Und ließen Männer wie der Matrose Ritter nicht auch ihre Kameraden im Stich? Ihr Mann, den sie nach dem Krieg kennenlernte, kam mit siebzehneinhalb Jahren an die Front nach Russland. „Der war immer mittendrin im vordersten Schlamassel.“ 1949 haben sie geheiratet. Da schlug er noch fast jede Nacht im Schlaf um sich, so sehr, dass die Knöpfe von der Bettwäsche rissen. „Der ist einfach immer weitermarschiert.“ Was ihr Mann zum Matrosen Ritter gesagt hätte, weiß sie nicht. Er ist im vergangenen Jahr gestorben.

Dass es Hinrichtungen auf dem Gelände der heutigen Emmich-Cambrai-Kaserne gab, darf als bewiesen gelten. Auf der Garnisonsschießanlage gab es einen MG-Stand Nummer 8: Dort, schreibt der Historiker Werner Trolp in den „Hannoverschen Geschichtsblättern“, fanden die Erschießungen statt. Der Autor Ralf Buchterkirchen hat für sein Buch „ ... und wenn sie mich an die Wand stellen“ die Namen von 15 Männern recherchiert, die auf der Vahrenwalder Heide hingerichtet wurden. Die tatsächliche Zahl dürfte nach seinen Erkenntnissen jedoch höher gelegen haben – bei 35 bis 40. Und auch Oberst Hubert Katz hat seine Position inzwischen korrigiert. Es habe die Erschießungen auf dem Gelände der heutigen Kaserne tatsächlich gegeben, räumt er ein. Das hätten die Bundeswehr-Historiker ihm inzwischen bestätigt. 

Was aus den Ritters geworden ist, der Familie des hingerichteten Matrosen, das weiß Hiltraud Agternkamp nicht. Als sie bei Kriegsende aus Polen zurückkehrte, war die Schwester schon fort, die Eltern zogen bald darauf weg. Ein Denkmal für Deserteure, wie es in Hannover jetzt geplant ist, das ist für Hiltraud Agternkamps Geschmack ein bisschen zu viel, so positiv ist ihr Bild von ihnen nicht. „Aber einfach leugnen, dass es diese Erschießungen gegeben hat, das geht auch nicht.“

Dafür, sagt sie, müsse man sein Schweigen eben auch mal brechen. Auch wenn es schwer fällt, nach beinahe 70 Jahren.

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