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Aus der Stadt Die Kirche darf sich christlich nennen
Hannover Aus der Stadt Die Kirche darf sich christlich nennen
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22:10 16.03.2010
Von Sonja Fröhlich
Klage gegen die evangelische Kirche: Die Anwälte Gerd Joachim Hetzel (links) und Christian Sailer wollten unter großem Presseaufgebot vor dem hannoverschen Verwaltungsgericht erreichen, dass die Kirche sich nicht mehr als „christlich“ bezeichnen darf. Sie scheiterten. Quelle: Wallenwein

Mit dem Urteilsspruch hatten die Kirchengegner offenbar gerechnet, und so wirkt es ein wenig aufgesetzt, als einige Zuschauer aufstehen und das Gericht beschimpfen. Der Name Pontius Pilatus fällt. Im Neuen Testament heißt es, dass er als Statthalter des römischen Kaisers Tiberius Jesus von Nazareth zum Tod am Kreuz verurteilte – ein Vergleich also, der wenig schmeichelnd für die Richter gemeint ist.

Zuvor hatte das Verwaltungsgericht die Klage der Glaubensgemeinschaft „Das Universelle Leben Aller Kulturen Weltweit“ abgewiesen. Sechs Anhänger der Organisation wollten erreichen, dass sich die evangelische Kirche nicht länger christlich nennen darf. Dies sei aber keine juristische, sondern eine ethisch-moralische Frage, sagte der Kammervorsitzende Kai-Uwe Littmann bei der Urteilsbegründung. Zudem sei nicht ersichtlich, dass die Verwendung der Bezeichnung „christlich“ durch die evangelische Kirche die Kläger in ihren eigenen Rechten verletzen könnte.

Trotz der Niederlage fühlten sich die klagenden „Urchristen“, wie sie sich selbst nennen, als Sieger. Der Prozess gegen die Kirche war auf großes Medieninteresse gestoßen, auch ein italienischer Fernseh- und ein französischer Radiosender verfolgten die Verhandlung im Eintrachtweg.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Missbrauchsfälle, an denen auch ein evangelischer Theologe der Odenwald-Schule in Hessen beteiligt war, bekam die Klage in Hannover eine neue Dimension. „Die Frage nach der Christlichkeit wäre bis vor Kurzem noch als abseitig belacht worden, heute drängt sie sich mehr und mehr auf“, sagte Gerd-Joachim Hetzel, der wie ein anderer Kläger gleichzeitig als Rechtsanwalt auftrat. Von Kirchenseite war kein Vertreter erschienen. So hatten die sechs Männer aus dem Raum Würzburg unwidersprochene Vortragsfreiheit.

Ein ehemaliger Pfarrer, der angab, mit Margot Käßmann in Göttingen studiert zu haben, sagte, es sei „wahrheitswidrig und irreführend“, dass sich die evangelische Kirche auf Jesus Christus berufe. Unter anderem rekrutiere sie zwangsweise ihre Mitglieder durch die Kindertaufe, billige Gewalt, Krieg und Tierquälerei und spiegele ihren Anhängern vor, der Glaube allein genüge. Zur Untermauerung dieser Thesen mussten radikale Luther-Zitate herhalten. Dass sich eben jene evangelisch-lutherische Kirche „christlich“ nenne, sei „Etikettenschwindel“, sagte einer der Anwälte. „Der Begriff öffnet den Kirchen sämtliche Türen für eine Vielzahl von Privilegien und millionenschwere Subventionen.“ Die Übermacht der Kirche wirke sich zum Nachteil der freien Glaubensgemeinschaften aus. Diese Begründung lehnte das Gericht aber ab, weil sie nicht Gegenstand der Klage war.

Die Glaubensgemeinschaft hatte in Hannover geklagt, weil die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hier bis vor Kurzem ihren Amtssitz hatte. Zum Prozessauftakt hatten die Kläger von den hannoverschen Richtern verlangt, sie sollten ihre Konfessionen nennen. Die Richter wiesen dieses Ansinnen zurück, die Kläger reagierten mit Befangenheitsanträgen.

Auch gegen die katholische Kirche waren die „Urchristen“ schon vor Gericht gezogen – in Freiburg, mit gleichem Ergebnis. Vor dem Einreichen der Klagen hatten sie die 27 Bischöfe der katholischen Diözesen sowie die evangelischen Bischöfe der 22 deutschen Landeskirchen schriftlich aufgefordert, sich nicht mehr „christlich“ zu nennen – ihr Anliegen wurde ignoriert.

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