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Aus der Stadt Die Kunst des Kaufens
Hannover Aus der Stadt Die Kunst des Kaufens
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06:15 21.11.2012
Von Andreas Schinkel
„Schenken ist eine zutiefst menschliche Geste“  – auf das richtige Maß kommt es an. Quelle: Heusel
Hannover

Es kann losgehen. Hannovers Einkaufsmeilen sind mit bunten Lichtern geschmückt, die Weihnachtspyramide am Kröpcke steht, eine Armee von Stoffbären hat das Schaufenster von Kaufhof gegenüber dem Hauptbahnhof besetzt. Die wippenden und winkenden Teddys gehören inzwischen zu den Touristenattraktionen im weihnachtlichen Hannover. Alles ist also vorbereitet für den großen Ansturm auf Spielzeug, Handys, Bücher, CDs, Flachbildfernseher und all die anderen Dinge, die auf den Wunschzetteln stehen. In der Regel können sich die City-Kaufleute in den kommenden Wochen vor dem Weihnachtsfest über das Zwei- bis Dreifache ihrer üblichen Monatsumsätze freuen.

Aber sind die vielen Dinge in den prall gefüllten Tüten wirklich nötig? Machen sie das Kind, den Partner, die Freunde tatsächlich ein bisschen glücklicher? In einer am Sonntag von der Region Hannover veranstalteten Matinee ging eine Expertenrunde diesen Fragen nach.

„Kaufen ist ein Beruhigungsmittel“, meint der Psychiater Prof. Hinderk Emrich. Beruhigt werde dabei das eigene Ich, das eigentlich nach Zuneigung und Liebe dürste. Bleibe beides verwehrt, verschaffe sich der Mensch Ersatz durch materiellen Besitz. Doch die Befriedigung dringe nicht tief genug, sie schmecke „schal“, wie Emrich sagt. Der Zusammenhang zeige sich deutlich an extremen Beispielen. So habe einer seiner Patienten jeden Tag drei bis vier teure Kleidungsstücke gekauft. Zu Hause hängte er sie aber nicht in den Schrank, sondern ließ sie in den Tüten, die sich hoch in seinem Zimmer stapelten. Fazit des Psychiaters: „Konsumismus ist schädlich für die seelische Gesundheit, angezeigt ist, Maß zu halten.“

Da kann Rainer Müller-Brandes, Diakoniepastor des Stadtverbands Hannover, nur zustimmen. „Die Adventszeit ist eigentlich eine Fastenzeit“, sagt er. Daher zelebriere er mit seiner Familie in den Wochen vor Weihnachten Verzicht, um dann an den Festtagen richtig zuzuschlagen. „Die Kirche ist keine Spaßbremse“, betont er. Auch habe er nichts gegen den Akt des Schenkens, eine zutiefst christliche Geste. Wenig hält der Diakoniepastor aber von verkaufsoffenen Sonntagen, die der Tradition des Innehaltens am Ende einer Arbeitswoche widersprächen.

So viel Konsumschelte mag Martin Prenzler, Geschäftsführer der City-Gemeinschaft, nicht gelten lassen. Zum einen betont er, dass es in der Adventszeit keine verkaufsoffenen Sonntage gebe. „Zum anderen sollte nicht vergessen werden, dass Hannovers City-Einzelhändler mehr als 3,5 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr gemacht haben“, sagt er. Entsprechend hoch falle denn auch die Gewerbesteuer aus, die der Einzelhandel jedes Jahr an die Stadt überweise. Einem Konsumrausch wolle aber auch er nicht das Wort reden. „Wir Geschäftsleute sind doch daran interessiert, dass unsere Kunden solvent bleiben“, sagt Prenzler.

Letztlich ist Maßhalten aber keine Frage des Willens, sondern eine Notwendigkeit. Das meint zumindest Thomas Köhler, Vorsitzender des Vereins Transition Town, der unter anderem öffentliche Stadtteilgärten in Limmer ins Leben gerufen hat. „Die natürlichen Ressourcen werden knapper, also können die Waren künftig nicht mehr so verfügbar sein, wie wir das jetzt gewohnt sind“, sagt er. Wie schwer aber Konsumverzicht sei, das spüre er am eigenen Leib. „Ich teile mir ein Auto mit einem anderen, aber das klappt gar nicht.“ Im Großen und Ganzen werde die Welt wohl gegen die Wand fahren, weil die Menschen nicht über ihren Schatten springen können.

Ganz so pessimistisch sieht Ingo Schoenheit, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft imug, die Zukunft nicht. Das mag mit seinem Beruf zusammenhängen. Schoenheit hilft Firmen, nachhaltig zu wirtschaften, ihre Produktion an ökologischen und sozialen Kriterien auszurichten. „Wenn immer mehr Produkte auf den Markt kommen, die ressourcensparend hergestellt werden, dann müssen wir unseren Konsum vielleicht gar nicht einschränken“, sagt er. Klüger, so räumt der Unternehmensberater ein, sei der Weg zur Bescheidenheit. Nur müsse man damit endlich anfangen.

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