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Aus der Stadt Die Nacht der Gewalt am Raschplatz
Hannover Aus der Stadt Die Nacht der Gewalt am Raschplatz
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00:16 26.03.2017
Spurensuche nach den Gewalttaten am Raschplatz – und Ursachenforschung im Umfeld am Tag danach. Quelle: Christian Elsner
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Hannover

Ein Mann tot, einer lebensgefährlich verletzt: Nach der brutalen Nacht mit Schießerei und der Pflasterstein-Attacke auf einen Obdachlosen hinter dem Hauptbahnhof sorgen sich sowohl Anwohner als auch Gewerbetreibende um ihre Sicherheit. „So etwas ist hier noch nie passiert“, sagt die 80-jährige Ursula Kopp. Sie lebt seit 19 Jahren in der Seniorenwohnanlage an der Weißekreuzstraße - Mittwochnacht schlugen auch dort zwei Kugeln im Erdgeschoss ein.

In der Nähe des Hauptbahnhofs ist es am späten Mittwochabend zu einer Schießerei zwischen zwei Gruppen gekommen: Dabei wurde ein 25-jähriger Mann getötet. Die Täter sind bisher unbekannt.

Etwa 200 Meter entfernt, im 23. Stock des Bredero-Hochhauses, steht Liza Beckmerhagen neben dem Loch in ihrer Fensterscheibe. „Überall waren Glassplitter“, sagt die 23-Jährige. Ein Projektil der Schießerei landete als Querschläger in der Wohnung, Einzelteile der Kugel steckten in der Wand und lagen hinter dem Fernseher. Auch ihre Nachbarin Regina Rosenbusch wurde von den Schüssen wach. „Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn jemand am Fenster gestanden hätte“, sagt sie.

Demonstrative Gelassenheit

Mehrere Hundert Menschen feierten während der Schießerei im unmittelbar benachbarten Raschplatz-Pavillon das Frühlingsfest des Veranstaltungszentrums. „Manche Mitarbeiter haben jetzt ein komisches Gefühl“, bekennt Pavillon-Geschäftsführer Christoph Sure. Aber er gibt sich demonstrativ gelassen. „Wir haben nicht den Eindruck, dass unsere Gegend besonders unsicher ist - es fallen ja nicht täglich Schüsse am Pavillon.“

Allerdings gehört das Areal auch nicht zu den friedlichsten Ecken. „Hier ist immer Remmidemmi“, sagt ein 64-jähriger Anwohner aus der Weißekreuzstraße, der anonym bleiben möchte. Ständig werde gestritten, getrunken und in die Büsche uriniert. Auch Stadtsprecher Andreas Möser kennt die gelegentlichen Konflikte unter den Trinkern und Drogensüchtigen. Derzeit werde konkret geprüft, „ob und welche zusätzlichen Kontrollen notwendig sind“. Darüber hinaus sollen weiterhin Sozialarbeiter vor Ort helfen.

Anwohner setzen auf einen Umbau

Buchhändler Dirk Eberitzsch ist Vorsitzender der Aktion Lister Meile. Sein Zusammenschluss von Kaufleuten drängt angesichts der Trinkerszene seit Langem auf verstärkte Polizeikontrollen am Weißekreuz- und Raschplatz. „Die zeigen auch Wirkung“, sagt Eberitzsch. Er warnt jedoch davor, vorschnell einen Zusammenhang zwischen den Trinkern und den Schüssen vom Mittwoch herzustellen. „Grundsätzlich gibt es wenig Gewaltkriminalität auf der Lister Meile“, sagt er.

„Total krass“ findet Silke Walter, Inhaberin der Sonnen-Apotheke an der Friesenstraße, die blutigen Taten. Lange Zeit habe es das Sudanesen-Camp auf dem Weißekreuzplatz gegeben, „jetzt ist es wieder verstärkt die Trinkerszene“. Auch sie appelliert an die Stadt und setzt auf den geplanten Umbau des Areals. Grundsätzlich glaubt aber auch Apothekerin Walter, dass die Schießerei eine Ausnahme war - oder hofft es zumindest. Glücklicherweise sei die Auseinandersetzung nachts geschehen. An der Ecke sei eine Arztpraxis, „zu der auch viele Kinder gehen“.

Von Peer Hellerling, Simon Benne und Andreas Schinkel

Hannovers ewige Schmuddelecke

Tödliche Schüsse neben dem Raschplatz-Pavillon, ein halb tot geschlagener Obdachloser vor dem Eingang zum Raschplatz-Cinemaxx – und das alles in einer Nacht. Der gesamte Bereich hinter dem Bahnhof kommt seit vielen Jahren nicht zur Ruhe. Selbst ein millionenschwerer Umbau hat die Zone nicht befrieden können. Eine Trinkerszene hat sich auf den Freitreppen und im unterirdischen Bereich festgesetzt, jetzt beobachten Sozialarbeiter, dass sich die harte Drogenszene Richtung Raschplatz ausbreitet. „Wir müssen aufpassen. Wehret den Anfängen“, sagt Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer.

Schon in den Achtzigerjahren hatte der Raschplatz einen schlechten Ruf. Die dunklen Ecken der unterirdischen Einkaufspassage boten der Drogenszene viele Rückzugsmöglichkeiten. Danach kam der große Umbau, die Passarelle wurde zur Niki-Passage – aber der Raschplatz blieb eine zwielichtige Gegend.

Das sollte sich 2010 ändern. 15 Millionen Euro investierte die Sparkassen- und Üstra-Tochter HRG in die Neugestaltung, 4 Millionen Euro steuerte die Stadt bei. Der Raschplatz sollte mit seinen Freitreppen und den schwarz-weißen Bodenfliesen mediterranes Flair verbreiten. Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) sprach begeistert von einem „neuen Raschplatz-Gefühl“. Doch der Platz bleibt verwaist, wird allenfalls als Durchgangsstrecke zur Lister Meile genutzt. Strenge Fluchtwegebestimmungen verhindern, dass dort größere Feste und Konzerte organisiert werden können.

Einen vergleichbaren Unort gibt es zwischen dem Raschplatz-Pavillon und dem markanten Bau der DZ Bank – er liegt so „ab vom Schuss“, dass der Name Andreas-Hermes-Platz längst nicht allen Hannoveranern etwas sagt. Dabei teilt er die Probleme mit dem Raschplatz: Trinker und Partygänger verunreinigen das Areal häufig. Die Stadt versucht, gegen die Verwahrlosung des Bereichs hinterm Bahnhof anzukämpfen. Mehr Sozialarbeiter schauen sich dort um, es wird häufiger gereinigt und mehr kontrolliert. Demnächst sollen alle dunklen Ecken verschwinden und neue Geschäfte entstehen. Die Verantwortlichen hoffen, das Areal so aufwerten zu können – wieder einmal.

asl

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