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Aus der Stadt Die Neugierige
Hannover Aus der Stadt Die Neugierige
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13:56 12.02.2010
Dr. Carola Schelle-Wolff, Direktorin Stadtbibliothek Quelle: Christoffer Finn

Den Büchern kehrt sie nicht den Rücken, darauf legt sie Wert. „Ich werde mein Büro in der Stadtbibliothek nicht verlassen, die Mitarbeiter können ja auch zu mir kommen“, sagt Carola Schelle-Wolff. Auch wenn die neue Chefin der städtischen Museen und des Kulturbüros diesen Satz mit einem Lächeln auf den Lippen sagt, das Funkeln in ihren Augen verrät, dass sie es ernst meint, dass sie ihren 420 Mitarbeitern durchaus zu verstehen geben kann, wer die neue Herrin im Haus ist. Genau genommen sind es zwei Häuser, um die sich die 54-Jährige seit dem 15. Juli kümmern muss. Als Leiterin des Fachbereichs Bibliothek und Schule bleibt sie im Amt, bekommt aber noch zusätzlich das Kultur- und Museumsressort.

Als eine ihrer ersten Amtshandlungen muss sie sich nach einem neuen Chef für das Kulturbüro umsehen, das zuvor von Heinz Balzer geführt wurde. „Wer die Stelle bekommt, steht noch nicht fest“, sagt sie und presst die schmalen Lippen aufeinander. Mehr will sie zu diesem Thema noch nicht sagen. Wie sie ihre Arbeit als Chefin einer doch recht großen Behörde sieht? „Ich schaue, wo die Abläufe nicht stimmen, wo es knirscht, und suche dann nach einer Lösung.“ Sie sei eine Pragmatikerin, sagt die studierte Bibliothekarin - und man glaubt es ihr aufs Wort.

Aber das ist nicht die ganze Schelle-Wolff, das ist vielleicht die Frau mit der strengen geometrischen Brille und den von vielen Spangen gebändigten Haaren. Aber da gibt es noch die Schelle-Wolff mit den sprühenden blauen Augen und der wilden Lockenpracht, die in Hannover über die hochfliegende Sozialutopie eines Buchdruckers aus dem 16. Jahrhundert promovierte. „Da habe ich beides verbinden können, meine Affinität zu Büchern und meine Idealvorstellung einer solidarischen Gesellschaft“, sagt Schelle-Wolff und lässt ihren Blick schweifen. Auch Karl Marx habe sie gelesen, und sie hält noch heute viele Gedanken in seiner Theorie für richtig. Die Entwicklung von Visionen, von kühnen Entwürfen war immer wichtig für Schelle-Wolff, aber sie hat eben auch Sinn fürs Bodenständige. Aufgewachsen ist sie in Berlin, studierte dort Bibliothekswesen und arbeitete dann in Essen. Damit wäre die berufliche Karriere in ein sicheres Fahrwasser geraten, doch die Utopistin in Schelle-Wolff wollte mehr. „Neben der Arbeit begann ich in Hannover mit dem Studium der Germanistik und Geschichte“, erzählt sie. Danach leitete sie die Stadtbibliothek in Freiburg bis 2003 und kehrte dann nach Hannover zurück. Doch immer wieder treibt es sie in die Ferne, begibt sie sich auf Reisen nach Afrika, in die USA und vor allem in den Vorderen Orient. „Persische und arabische Musik faszinieren mich“, sagt sie.

Schelle-Wolff hat ihre Neugierde noch nicht verloren. Idealismus und Mut wird sie auch für ihre neue Aufgabe brauchen. Angesichts riesiger Schuldenberge und rigoroser Sparmaßnahmen richtet sich der Blick von Politikern und Verwaltungsfachleuten schnell auf die sogenannten freiwilligen Leistungen der Stadt, etwa die Kulturförderung. Wo die Bereitstellung von Geldern freiwillig geschieht, also nicht per Gesetz vorgeschrieben ist, da ist das Volumen immer Verhandlungssache. „Man gerät manchmal schon in Erklärungszwänge“, räumt die 54-Jährige ein. „Aber wichtig ist, dass die Struktur nicht kaputtgeht. Hannover sollte als ein kulturelles Zentrum im Land dastehen“, sagt sie. Dafür sei es notwendig, die sogenannten Leuchttürme zu fördern, etwa das Sprengel Museum wie geplant zu erweitern oder der Stadt einen angemessenen Konzertsaal mit exzellenter Akustik zu bescheren. „Aber auch die kleinen Pflänzchen wollen gegossen werden.“ Gerade für viele junge Künstler seien die städtischen Fördergelder überlebensnotwendig, sagt Carola Schelle-Wolff. Die Botschaft ist klar: Man muss sich um den künstlerischen Nachwuchs bemühen, sonst hat man bald keinen mehr.

Aber was bedeutet eigentlich Kultur für die neue Kulturchefin? Sie legt den Kopf schief und zieht die Stirn in Falten. „Sich bewegen zu lassen, das Eigene im Fremden zu spüren und daraus Kreativität zu gewinnen“, sagt sie. Besser hätte sie ihr Lebensmotto wohl nicht formulieren können.

von Andreas Schinkel

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