Die Eilenriede ist ein Spitzenwald, was den Artenreichtum an Pilzen betrifft. Das deckt sich zwar nicht unbedingt mit der Einschätzung vieler Hobbysammler, die dort oft leer ausgehen, weil der Großstadtwald schnell restlos abgeerntet ist. Wissenschaftlich aber besteht kein Zweifel an der Qualität der Eilenriede als Pilzwald. „1500 Arten haben wir dort kartiert“, sagt Knut Wöldecke. Der häufigste sichtbare Pilz sei die Schmetterlingstramete, jener farbintensive Porling, der meist an Buchen wächst und dem Heilwirkungen gegen Viren und Tumoren zugeschrieben werden. Aber auch Maipilze, Pfifferlinge und sogar Steinpilze kämen reichlich vor in der Eilenriede. Man muss nur zum richtigen Zeitpunkt suchen. Wann allerdings der richtige Zeitpunkt ist, dafür gibt es kein Patentrezept. „Das macht das Pilzesuchen ja so spannend“, sagt der 44-Jährige.
Für Knut Wöldecke und seinen Vater Klaus Wöldecke gibt es diesen „richtigen Zeitpunkt“ allerdings nicht – sie suchen eigentlich immer. Und nicht nur in Hannover, sondern in ganz Niedersachsen. Und nicht nur auf der Erde, sondern zuweilen auch darunter. Jüngst zum Beispiel hat Klaus Wöldecke nach Trüffeln gescharrt. Gestern hat er ein Ergebnis dem Oberbürgermeister gezeigt. „Selbst erschnüffelt“, hat er dazu stolz erklärt und etwas entschuldigend hinzugefügt, dass in Niedersachsen erst 50 Trüffelarten dokumentiert sind, nur halb so viele wie in Sachsen-Anhalt. „Aber das liegt nur daran, dass wir nicht richtig gesucht haben“, betonte er schnell.
Oberbürgermeister Stephan Weil war ganz ergriffen von so viel Sammelleidenschaft und gestand, dass er selbst von Pilzen nicht viel versteht. Dafür durfte er Orden überreichen: die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik, angeheftet für jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement. Denn Vater und Sohn Wöldecke gelten nicht nur als die vielleicht besten Pilzkenner Niedersachsens, sondern sind auch emsig und ehrenamtlich unterwegs. Keiner hat so genau wie die beiden die Pilzlandschaft kartiert – in einem Niedersachsen-Raster von zehnmal zehn Kilometern können sie exakt sagen, wie viele Pilzarten existieren (in Hannover übrigens rund 2000). Ihr Buch „Die Großpilze Niedersachsens und Bremens“ gilt als Standardwerk der Pilzwelt in Norddeutschland. Doch konkrete Tipps für die besten Fundorte oder für die Zubereitung von Speisepilzen findet man darin nicht. „Wir sind dem Naturschutz verpflichtet“, sagt Sohn Knut. Hobbysammler, die alles mitnehmen und nachher entsorgen, betrachten sie mit Abscheu.
Ein wenig verschroben wirken sie schon – aber das muss man wohl auch sein, wenn man sich in seiner Freizeit dem wissenschaftlichen Kartieren von Pilzen verschrieben hat. Als überzeugte Naturschützer bewegen sie sich ohne eigenes Auto zu ihren Zielgebieten, inspizieren Moore, Biotope und Wälder, immer auf der Suche nach Arten, die noch nicht zugeordnet sind. Zu Hause in der List werden die Daten dann eingegeben, Bücher aus der hauseigenen Pilzbibliothek gewälzt und gefundene Exemplare getrocknet. Das Entdecken neuer Arten ist ihnen dabei egal: „Wir haben einige neue Arten gefunden, aber beschrieben haben sie andere – wir kartieren nur“, sagt Knut Wöldecke bescheiden.
Bei seinem heute 71-jährigen Vater fing die Naturleidenschaft schon im Kindesalter an. Zunächst waren es Vogelbeobachtungen, für die er von zwei bis sechs Uhr früh unterwegs war, bevor er sich um 7 Uhr für die Schule fertig machte. Später interessierte er sich zunehmend für Pflanzen, wurde Apotheker und betrieb zuletzt die einstige Marienapotheke in Wunstorf. Auch Sohn Knut fing mit 14 Jahren an, sich für die Natur zu interessieren. Oberbürgermeister Weil attestierte in seiner Laudatio, dass es wohl für eine intakte Familie spreche, wenn Vater und Sohn über Jahrzehnte ein gemeinsames Hobby verbindet.
Das nächste große Projekt der beiden Mykologen steht schon bevor: Ein spezieller Verbreitungsatlas für Pilze. Und natürlich wollen sie „möglichst neue Fundorte“ aufspüren, die noch keiner beschrieben hat. Das ist Ehrensache.
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