Alexandros Pavlidis-Nasogga ist ein gelassener Mann, der nicht zu Übertreibungen neigt. Der Sexualpädagoge ist bei Pro Familie für die Beratung von Siebt-, Acht- und Neuntklässlern zuständig. Er kennt die Fragen der Jugendlichen und sagt: „Da hat sich nichts Wesentliches geändert im Vergleich zu anderen Generationen. Vielleicht sind die Fragen provokanter geworden. Doch im Grunde wollen Zwölfjährige das über Sex wissen, was schon immer alle Zwölfjährigen interessiert hat.“
Auch das Durchschnittsalter beim ersten Geschlechtsverkehr hat sich entgegen des Bildes, das in der Öffentlichkeit gezeichnet werde, nicht geändert. „Es liegt irgendwo bei 16 Jahren. Ein Drittel aller 17-Jährigen hat noch keinen Sex gehabt“, unterstreicht der Sexualpädagoge. Das hat vergangene Woche auch die aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestätigt, wonach die Jugendlichen später den ersten Geschlechtsverkehr haben – und dann auch meist in einer festen Partnerschaft und mit sicherer Verhütung.
Die körperliche Reife allerdings, so die Erfahrung von Jörg Christian Nast, sei in den letzten Jahrzehnten durchaus schneller vorangeschritten. Der Gynäkologe bietet in seiner Praxis eine spezielle Sprechstunde für junge Mädchen an. „Ich habe schon das Gefühl, dass Mädchen sich heute früher für Sex interessieren, dass sie trotz ihres jungen Alters nicht selten schon mehrere Geschlechtspartner hatten. Sie sind gut informiert und wissen genau, welche Pille sie wollen, zum Beispiel eine, die gegen Akne hilft.“
Pavlidis-Nasogga will nicht in den Kanon derjenigen einstimmen, die von emotional verwahrlosten Jugendlichen sprechen, die sich in die Welt des Sex flüchten und sich darüber definieren wie viel Sexualpartner sie schon hatten. Und doch gibt es etwas, dass ihm Sorgen bereitet. „Wir müssen damit leben und umgehen, dass Jugendliche heute zum Teil heftige Pornos schauen und das schon relativ früh“, sagt der 37-Jährige. Ob am heimischen Computer oder über das Handy – pornographische Bilder und Filme mit verstörenden, oft brutalen Inhalten sind im Internet nur wenige Mausklicks vom Kinderzimmer entfernt und dank Flatrate jederzeit günstig verfügbar. Besonders angesagt, berichtet der Experte, seien zurzeit sogenannte Homemade-Pornos: Filme, die selbstgedreht wurden oder zumindest den Anschein erwecken, authentisch und von einem Laien mit wackeliger Handykamera aufgenommen worden zu sein.
„Es ist heutzutage wichtiger denn je, Jugendliche aufzuklären und sie in ihrer sexuellen Entwicklung zu begleiten. Da müssen auch Eltern über ihren Schatten springen und die Fakten tabulos ansprechen“, sagt Pavlidis-Nasogga. „Jugendliche müssen wissen, dass das, was in Pornos gezeigt wird, nichts mit der Realität zu tun hat. Sie dürfen sich nicht kirre machen lassen und müssen erkennen, dass niemand stundenlang ununterbrochen Geschlechtsverkehr hat, und dass in Pornos ganz viel mit Tricks gearbeitet wird. Sonst fühlen sie sich enorm unter Druck gesetzt.“
Auch Ursula Mathyl von Violetta, einer Fachberatungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen, und Christine Vogt-Bünning von der katholischen Schwangerenberatung „donum vitae“ finden, dass der Leistungsdruck, unter dem Jugendliche in puncto Sex stehen, stark zugenommen hat. Dazu komme der Stressfaktor, schön und schlank zu sein. „Der Druck attraktiv zu sein, immer das angesagte Outfit zu tragen, geht schon in der fünften Klasse los. Oft können Kinder schon früh keine Kinder mehr sein“, sagt Vogt-Bünning
Die Beraterinnen von Violetta sind sich einig, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen dem, was Jugendliche bereits an Sexualpraktiken aus dem Internet kennen, und unter Umständen auch schon selbst ausprobiert haben, und dem was sie tatsächlich über Geschlechtsverkehr und die biologischen Vorgängen in ihrem eigenen Körper wissen. „Ich bin oft erstaunt, wie wenig Jugendliche wissen“, sagt Mathyl, „es ist erschreckend, dass man erklären muss, dass Sex etwas mit Beziehung vielleicht sogar mit Liebe zu tun hat.“ Dieses Wissen zu stärken, da sind sich die Frauen einig, sei wichtig, um selbstbewusst und sich der eigenen Rechte bewusst zu werden und zu erkennen, wo die Grenze dessen ist, was man möchte und was nicht.
Die Frage, ob sexuelle Gewalt unter Jugendlichen zugenommen habe, können die Experten nicht beantworten. Es gebe zu wenige aktuelle Studien, sind sich die Violetta-Beraterinnen und der Pro-Familia-Mitarbeiter einig. Sicher sei, dass die Wachsamkeit und die Sensibilität in der Gesellschaft zugenommen habe, sodass es vermehrt zu Anzeigen und Beratungen käme. „Früher dachte man, wenn Kinder oder Jugendliche sexuelle Grenzen überschreiten, das wächst sich von selbst aus. Und das tut es eben nicht. Im Gegenteil. Wenn nicht früh genug gegengesteuert wird, bleibt dieses Verhalten in der Regel bestehen oder wird sogar schlimmer“, sagt Leni Müssing, die bei Violetta für den Bereich Prävention zuständig ist.
Frühe sexuelle Aufklärung – darauf setzt auch „donum vitae“. Die Beratungsstelle bietet als einzige in der Region sexualpädagogische Präventionarbeit bereits für die Klassen fünf und sechs an. „Wir wollen die Kinder erreichen, bevor sie sexuell aktiv werden“, sagt Vogt-Bünning. Ziel sei es, sensibel zu machen für die Vorgänge im eigenen Körper und den verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität zu erlernen.
Experteninterview mit Rolf Pohl, Professor für Sozialpsychologie an der Leibniz-Uni
Welche Auswirkungen haben Pornos auf die Seele von Jugendlichen und ihr Bild von Sex?
Sexualität erscheint als eine leicht verfügbare und jederzeit konsumierbare „Sache“. Status und Anerkennung werden teilweise schon vor der Pubertät zunehmend über diesen Konsum geregelt. Er kann Suchtcharakter annehmen und zu einer Überfütterung der Jugendlichen mit inneren Drehbüchern für „richtigen Sex“ führen. Die größte Gefahr ist die Trennung von Liebe und Sexualität, die es in früheren Zeiten sexueller Prüderie ja schon einmal gegeben hat, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. Unter dem Stichwort „aufgeklärt und doch ahnungslos“ lässt sich ein Forschungsprojekt zusammenfassen, wonach Jugendliche alles über mechanischen Sex, aber wenig über Verhütung und mit der Fortpflanzung verbundene Fragen, geschweige denn über Liebe und das Geschlechterverhältnis wissen.
Welche Gefahr geht von einer sexualisierten Umwelt aus?
Es gibt drei Gefahren: Es gibt kaum noch private Sphären, die nicht freiwillig preisgegeben und medial beleuchtet werden. Zum Zweiten kann vor allem Porno-Rap mit seinen aggressiven Vergewaltigungsphantasien zu einer positiven Bewertung der Verbindung von Sexualität und Gewalt führen. Und schließlich geht damit eine beunruhigende Verstärkung der Frauenfeindlichkeit mit fatalen Folgen für die gegenseitige Wahrnehmung und den Umgang beider Geschlechter einher.
Was können Erwachsene tun, um Jugendliche in der Phase der sexuellen Orientierung zu unterstützen?
Die hier angedeuteten Gefahren sind vorhanden, aber wir dürfen sie nicht überbewerten. Eine ganze Jugend dramatisch als pornographisiert an den Pranger zu stellen ist mit Sicherheit falsch. Es gibt gegenläufige Trends, wie eine dieser Tage bekannt gewordene Umfrage des Bundesfamilienministeriums zeigt. Da wird von einem Wertewandel bei Jugendlichen gesprochen, weil ihre Einstellung zu Elternschaft und Familie wieder eindeutig positiver geworden ist. Dennoch kommen Schule und Elternhaus nicht umhin, mit einer verstärkten und früher einsetzenden sexuellen Aufklärung zu reagieren.
Welche Rolle spielt das Thema Leistungsdruck?
Der Leistungsdruck hat vor allem in der Schule immens zugenommen. Aber entgegen wohlmeinender Parolen der Politik lohnt sich Leistung für sie nicht, denn es gibt immer weniger Zukunftsgarantien. Der Körper ist da für die Mädchen und immer mehr auch für die Jungen eine der wenigen Ressourcen, mit der Selbstvertrauen getankt werden kann. Aber hier beginnt der nächste Kreislauf von überhöhten Erwartungen. Und damit schließt sich der Kreis zur Pornographie, denn die Flucht in sie unterliegt dem gleichen Leistungs- und Konkurrenzdruck wie die in den körperlichen Schönheitswahn – nur mit der Illusion: wenigstens über meinen Körper kann ich selbst verfügen. Über die hohe Zahl von Selbstverstümmelungen, Essstörungen und anderen psychischen Körperkrankheiten bei Jugendlichen müssen wir uns vor diesem Hintergrund nicht wundern.
Julia Pennigsdorf
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