Hannover. Lehrer Michael Piepenburg kann sich an Schüler erinnern, die mehr als hundert Tage im Jahr nicht zur Schule kamen. Extreme Einzelfälle zwar, aber Piepenburg arbeitet an einer Hauptschule. „Viele unserer Schüler empfinden sich von vorneherein als gescheitert.“ Und so gebe es in jeder Klasse ein bis zwei, die regelmäßig alle zwei Wochen „keinen Bock“ haben und dann vielleicht einen Tag fehlen. „Manche gehen lieber in die Stadt, shoppen und machen sich einen schönen Tag.“ Piepenburg erfährt davon, wenn ein Polizist auf Streife morgens mal wieder einen bummelnden Schüler aufgetan hat.
Die Lehrer der Karl-Jatho-Schule kamen allein mit dem massiven Schwänzen nicht mehr zurecht und holten sich vor drei Jahren Hilfe bei der AWO. In dem Projekt „Konnex“ kümmern sich Sozialarbeiter intensiv um die schwänzenden Schüler und ihre Familien und gehen den dahinterliegenden Problemen nach. Seitdem hat sich die Situation stark verbessert. Dennoch kann Lehrer Piepenburg dem neuen Projekt der Jugendrichter am Amtsgericht einiges abgewinnen. „Für Einzelfälle, in denen die Eltern jede Zusammenarbeit abblocken und selbst die Sozialarbeiter nichts erreichen, ist das vielleicht nicht schlecht.“
Die Jugendrichter wollen in einem bundesweit einmaligen Projekt Eltern das Sorgerecht in Schulsachen entziehen. Ein Ergänzungspfleger soll dem Schulverweigerer den Weg zurück in den Schulalltag ebnen. Bisher können nur Familienrichter ins Sorgerecht eingreifen. Das neue Vorgehen greift bei über 14-jährigen Schulschwänzern, die ihre Bußgeldbescheide nicht bezahlen. Außerdem müssen diese mehr als 20 Fehltage angehäuft haben. Für den Richterwechsel gebe es eine gesetzliche Grundlage, bestätigt das niedersächsische Justizministerium, probiert habe dies bisher aber noch kein anderes Gericht. Justizminister Bernd Busemann lobte die Initiative aus Hannover: „Sie macht deutlich, dass Justiz gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigt und gerade bei Jugendlichen den Erziehungsgedanken im Blick hat.“
In der Region Hannover gibt es mehrere gut laufende Projekte, in denen Sozialarbeiter sich intensiv mit Schulschwänzern und ihren Familien auseinandersetzen. Einen Teilentzug des Sorgerechts, wie jetzt von den Jugendrichtern anvisiert, sehen die Fachleute dort als letztes Mittel – wenn auch die Jugendhilfe nicht mehr weiterkommt. „Das Gros der betroffenen Eltern ist bereit, mit uns zusammenzuarbeiten und ist eigentlich froh, dass endlich etwas passiert“, sagt Derk Wiebe, der für die Region das Projekt „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ leitet. Viele schwänzende Kinder sind zu Hause mit massiven Problemen konfrontiert. Die Eltern fallen als Erzieher oft aus – manche liegen miteinander im Clinch, trauern über Trennung oder Tod des Partners, sind psychisch erkrankt oder drogensüchtig.
Thomas Thor, der die Schulverweigerer-Projekte der AWO Hannover leitet, hat häufig erlebt, wie die Trennung der Eltern ein Kind aus der Bahn wirft – weil es unbewusst die Rolle des fehlenden Partners übernimmt. „Ein Sohn bekommt dann das Gefühl, er kann seine traurige Mutter nicht allein lassen und in die Schule gehen.“ Nach Gesprächen vermitteln die Sozialarbeiter mitunter an Therapeuten, an die Jugendhilfe oder leiten auch den Umzug des Schülers in ein Heim ein. Wiebe berichtet, dass Eltern diesem Schritt meist selbst zustimmen – ohne Entzug des Sorgerechts. Das eigentliche Problem ist aus Thomas Thors Sicht der Mangel an schneller Hilfe. Die bestehenden Projekte sind meist auf eine kleine Zahl von Schulen beschränkt. Und alles, was erst über Behörden eingeleitet wird setze erst sehr spät ein. „Im Grunde ist das, was die Ergänzungspfleger übernehmen sollen, genau das, was wir ohne den Druck der Justiz machen“, sagt Thor.