Die Berichte über Google Street View haben Irma Hülsmann sensibel gemacht. Die 64-Jährige aus Hannover-Linden hat daher auch sofort Widerspruch dagegen eingelegt, dass ihr Wohnhaus im Internet gezeigt wird. „Aus Prinzip“, berichtet sie. „Ich mag nicht diese Tendenz, alles so öffentlich zu machen“, erläutert Hülsmann. In der vergangenen Woche musste sie dann ein bisschen erschrocken feststellen, dass es schon recht gute Fotos von ihrem Wohnhaus im Internet gibt. Die Bilder sind bei der Auskunft der Telekom zu sehen.
Die Luftbildaufnahmen zeigen ganz Hannover, sehr detailreich fotografiert. Die Fotos wirken so, als flöge man mit einem Flugzeug in rund 100 Metern Höhe über die Stadt. Man kann die Farbe der Autos vor den Häusern erkennen, Markisen an den Geschäften sind zu sehen, und es ist ebensogut zu erkennen, wenn ein Hausbesitzer an seiner Fassade Efeu wachsen lässt. Und per Mausklick ist es auch möglich, die Ansicht zu drehen, sodass die Häuser auch von den Seiten oder vom Hinterhof aus betrachtet werden können.
Irma Hülsmann wollte das nicht dulden. Aber im Gegensatz zur Internetfirma Google, die Hausbesitzern und Mietern einen Widerspruch ermöglicht, ist bei der Telekom alles komplizierter. Mit dem Versuch, den Hinweis auf ihr Haus bei der Telefonauskunft im Internet löschen zu lassen, ist die 64-Jährige bislang gescheitert. Zwar ist die Hotline der Telekom auch für die Änderung von Einträgen zuständig. „Der Mitarbeiter am Telefon hat aber gesagt, er kenne gar keine Luftbildaufnahmen“, berichtet Hülsmann. Am Montagabend hieß es bei der Telekom dann, die Tochterfirma Deutsche Telekom Medien hebe die Verknüpfung auf Anfrage auf.
In all der Aufregung um Google Street View ist beinahe in Vergessenheit geraten, dass Bilder aus Hannover schon lange im Internet zu sehen sind, etwa als Aufnahmen sogenannter Webcams. Zum Beispiel zeigt eine solche Kamera den Fußgängerüberweg am Steintor, eine andere einen Balkonblick in der Oststadt (mit guter Sicht auf den Bürgersteig) oder eine weitere die Wellensittiche einer Familie. Vor zwei Jahren startete die hannoversche CDU gar eine Initiative, Bilder von touristischen Attraktionen wie dem Zoo oder den Herrenhäuser Gärten live ins Internet zu stellen. Wegen der Ankündigung, Street View noch in diesem Jahr ins Netz einzuspeisen, zieht Google die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Vor einigen Tagen hatten bekannte Hannoveraner wie zum Beispiel Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD), 96-Spieler Altin Lala und der CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Toepffer ihre Ablehnung von Street View in der HAZ deutlich gemacht.
„Die Nachfrage zu diesem Thema hält sich in Grenzen“, berichtete gestern Stadtsprecher Dennis Dix. Aber es werde auch nicht gezählt, wie viele Bürger sich gemeldet haben. Über ihre Internetseite hält die Stadt ein Widerspruchsformular bereit, bei den Bürgerämtern sowie im Bürgerbüro im Rathaus können sich Hannoveraner auch ein ausgedrucktes Formular abholen. Ebenso verfahren inzwischen die Nachbarstädte Hemmingen und Pattensen.
Die Junge Union (JU) in Hannover hält die ganze Diskussion für völlig überzogen – und weiß vor allem viele jüngere Leute hinter sich. Die Aufregung in der Öffentlichkeit sei eine „provinzielle Furcht vor einer globalisierten und vernetzten Welt“, sagte JU-Chef Felix Blaschzyk. Es sei nicht einzusehen, warum das Fotografieren von Häusern den Datenschutz oder die Menschenwürde verletze, meinte er. „Wenn künftig Häuser und Straßen als verfassungsgeschützte Güter der Menschenwürde gelten sollen, machen wir den Datenschutz lächerlich“, sagte Blaschzyk.
Wesentlich zurückhaltender äußern sich die Wohnungsunternehmen, obwohl sie eigentlich zu den Befürwortern von Street View gehören. „Wenn es Mieter geben sollte, die vom Angebot Gebrauch machen, Einspruch gegen das Zeigen von Hausfassaden im Internet einzulegen, dann nehmen wir das zur Kenntnis“, sagt der Chef der Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover (GBH), Dieter Cordes. „Wenn das so ist, dann ist das so.“ Er weiß, dass dann die komplette Fassade unkenntlich gemacht wird und damit eine kostenlose Werbemöglichkeit für sein Unternehmen entfällt. „Für die Immobilienbranche ist es wünschenswert, Bilder zu zeigen“, sagt Cordes. Die GBH zeige Hausansichten, Grundrisse oder Kamerafahrten durch Wohnungen. „Natürlich ist es gut für Interessenten aus anderen Städten, wenn sie sich das Umfeld unserer Wohnungen ansehen können“, meint eine Sprecherin des Wohnungsunternehmens Pirelli.
Mieterbund-Geschäftsführer Randolph Fries rechnet damit, dass nur wenige Mieter die Häuser, in denen sie wohnen, unkenntlich machen lassen wollen. Es gebe beim Mieterbund nur einige Anfragen dazu. Völlig unklar ist indes, wie Google verhindert, dass Bürger Häuser unkenntlich machen lassen, in denen sie nicht wohnen und die ihnen nicht gehören. Name und Anschrift der Antragsteller würden verifiziert, heißt es bei Google. Wie das überprüft werden soll, blieb in der Antwort allerdings offen.