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"Die doppelte Staatsbürgerschaft zu verweigern, wäre falsches Signal"

Prof. Wielant Machleidt "Die doppelte Staatsbürgerschaft zu verweigern, wäre falsches Signal"

Warum haben so viele Türken in Deutschland für Erdogans Verfassungsreform gestimmt? Ist das Abstimmungsergebnis ein Zeichen für eine gescheiterte Integration? Für den Integrationsexperten Prof. Wielant Machleidt hat die Frage eine historische Dimension

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Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft "wäre ein absolut falsches Signal", sagt Professor Wielandt Machleidt, Integrationsexperte.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Herr Machleidt, die Zustimmungswerte der Deutschtürken zum Referendum in der Türkei haben eine neue Integrationsdebatte entfacht. 63 Prozent der Deutschtürken, die zur Wahl gingen, haben sich für Erdogans Präsidialsystem ausgesprochen - deutlich mehr als in der Türkei. Wie erklären Sie das?

Erst einmal muss man die Werte genauer betrachten. Knapp 1,5 Millionen Deutschtürken waren wahlberechtigt. Rund 440 000 Deutschtürken haben mit Ja gestimmt, knapp ein Drittel der Wahlberechtigten. Von einer Mehrheit der Deutschtürken für Erdogan zu reden wäre falsch. Die größte Gruppe mit 54 Prozent waren die Nichtwähler. Allein das ist interessant.

Warum?

Es zeigt, dass die Mehrheit der Deutschtürken durch Nichtabgabe der Stimme auf die extreme Polarisierung im Wahlkampf reagiert hat. Das ist bemerkenswert: Der Druck auf eine Entscheidung für das Ja- oder das Nein-Lager hatte ja extreme Grade erreicht. Die Spaltung ging quer durch die türkischen Gemeinden, sogar durch türkische Familien.

Dennoch: Es sind erstaunlich viele, die in einer Demokratie leben und für eine Staatsform votiert haben, die die Demokratie abschaffen will. Wie konnte Erdogan sie gewinnen?

Gerade unter türkischen Einwanderern gibt es viele, die darunter leiden, dass sie in der deutschen Aufnahmegesellschaft nicht genug Anerkennung finden. Ihr Bedürfnis nach Selbstaufwertung hat Erdogan bedient - und sie haben es ihm gedankt, indem sie ihn wählten. Viele haben sich gar nicht vergegenwärtigt, dass mit Erdogans neuem türkischen Selbstbewusstsein der Umbau eines politischen Systems einhergeht. Sie hatten das irrationale Gefühl, mit ihm ein Stück Heimat zu wählen, eine Heimat allerdings, die so nur in ihrer Fantasie existiert.

Viele Experten sagen, der Grundstock für die heutige Popularität Erdogans wurde schon mit den Anfängen der Zuwanderung gelegt.

Das Besondere an den türkischen Gastarbeitern war: Niemand wollte, dass sie bleiben. Deshalb gab es auch kein Integrationskonzept für sie. Beispiel Familiennachzug: Die Frauen bekamen keine Arbeitsgenehmigung. Sie waren ganz auf die Familie, die Kindererziehung zu Hause, verwiesen. Hätten sie arbeiten dürfen, hätten sie Anreize aus der deutschen Gesellschaft aufnehmen und in der Erziehung spiegeln können. So wurden oft traditionelle Weltanschauungen aus ihrer Heimat konserviert.

Eine Vorstellung, die türkischen Gastarbeitern ohne Integrationsperspektive half, hier zu leben, nennen Sie „Rückkehrerfantasie“. Was ist das genau?

Viele Türken haben die Arbeitsbedingungen hier als sehr hart erlebt. Sie haben Jobs gemacht, die die Deutschen nicht mehr wollten, die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden waren: Müllwerker, Fabrik-, Bauarbeiter. Sie haben oft in Baracken auf den Werksgeländen gelebt, ehe sie eigene Wohnungen bekamen. Sie sprachen kein Deutsch, waren also räumlich und sozial isoliert. Sprachkurse gab es nicht. Die Türken ertrugen das, weil sie an eine schnelle Rückkehr glaubten. Ein Trugschluss: Tatsächlich sind viele für Jahrzehnte oder sogar für immer geblieben.

Studien zeigen: Türkische Migranten heute sind durchschnittlich schlechter gebildet als Deutsche, werden schlechter bezahlt, sind häufiger arbeitslos, alles keine guten Voraussetzungen für Integration. Warum ist das so?

Viele Gastarbeiter stammten aus der armen Landbevölkerung, hatten zum Teil vier, sechs Jahre die Schule besucht, viele Frauen waren Analphabeten. Das unterschied sie von den Spätaussiedlern, die Anfang der Neunzigerjahre kamen. Sie hatten oft hervorragende Voraussetzungen für eine gelungene Integration: unlimitierte Aufenthaltsgenehmigungen, gute Abschlüsse. Wir haben in der Migrationsforschungsgruppe der MHH eine Studie über russische, türkische und deutsche Frauen und ihre Bildungsvoraussetzungen gemacht: Die Russinnen waren die Bildungsleuchttürme.

Eine andere Ihrer Studien ergab, dass türkische Arbeitsmigranten psychisch viel belasteter waren als Aussiedler oder Deutsche ...

Das war ein ganz erstaunliches Ergebnis. Wir fanden heraus, dass Aussiedler, die im Schnitt zehn Jahre hier waren, bereits die gleiche seelische Verfassung aufwiesen wie Deutsche: ein Zeichen guter Integration. Die psychische Belastung türkischer Arbeitsmigranten dagegen ähnelte der von Menschen, die sich in stationärer, psychotherapeutischer Behandlung befinden. Das ging mit depressiven und psychosomatischen Symptomen wie Schmerzen einher, obwohl sie im Schnitt 20 Jahre hier waren. Die Türken waren durch die Bedingungen ihrer Migration sehr belastet.

Warum?

Das hat auch mit dem muslimischen Glauben zu tun. Schon die religiösen Vorgaben - kein Alkohol, kein Schweinefleisch - unterscheiden sie von der deutschen Aufnahmegesellschaft. Man muss sich zudem klarmachen, dass wir für gläubige Muslime immer die anderen, die Ungläubigen, sind. Es bleibt eine Distanz. Dazu kommen äußere Zeichen des Andersseins wie das Kopftuch und andere.

Warum sind sie problematisch?

Ich hatte eine Patientin, die viel Halt in ihrem Glauben fand, auch ihr Kopftuch gab ihr Ich-Stärke. Die Kehrseite: Auf dem Arbeitsmarkt war sie wegen des Kopftuchs nicht vermittelbar. Solche religiösen Vorgaben erschweren den Integrationsprozess, er verläuft langsamer. Das darf man nicht verleugnen.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Eine aufgeklärte Einwanderergesellschaft müsste Anreize bieten, damit Deutschtürken nicht in kulturellen Räumen bleiben, die ihr Anderssein betonen. Neuere Erkenntnisse beispielsweise über die Arbeit von Moscheevereinen zeigen, dass sie das Anderssein verstärken und eine integrationshemmende Funktion haben. Den muttersprachlichen Unterricht, Islamunterricht und anderes sollte die deutsche Aufnahmegesellschaft selbst in die Hand nehmen, um eigene Integrationsanreize zu setzen. Dass man Zuwanderer erneut ausgrenzt, indem man ihnen die doppelte Staatsbürgerschaft verweigert, wäre ein absolut falsches Signal.

Interview: Jutta Rinas

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