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Die guten Clowns von Hannover

Horror-Clown-Debatte Die guten Clowns von Hannover

Die Absolventen von Deutschlands ältester Spaßmacherschule ärgern sich über den Missbrauch ihrer Kunst – die Grinsefratzen der Horror-Clowns schaden ihrem Ruf. Sie wollen lieber ein Lächeln auf das Gesicht der Mitmenschen zaubern als die diese zu erschrecken.

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Der Künstler Andreas Palm gießt Kekse und vergoldet sie.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Spaß zu machen - das kann eine schweißtreibend ernste Sache sein. Carlos Papperlapapp zum Beispiel stehen nicht nur Schweißperlen auf der Stirn, weil sein Bauch so dick zu sein scheint, dass der Latz seiner Lederhose offen steht. Sondern auch weil er gerade auf drei junge Damen zugewetzt ist, sich mit erhobenen Händen vor ihnen aufgebaut und „Give me energy“ appelliert hat. Doch statt ihn abzuklatschen, wenden sich die drei Teenager kichernd von dem Mann mit der roten Pappnase ab. Worauf Carlos Papperlapapp in großem Bogen um sie herumrennt und sich erneut vor den dreien aufbaut, doch wieder vergebens. Also hebt er sich, nach einem artigen Diener, mit großer Geste hinweg.

„Clownerie ist Kommunikation“, sagt der Mann später, als er die Clownsnase abgesetzt hat und wieder seinen bürgerlichen Namen Thorsten Frank führt. „Spaß entsteht im Miteinander, und das muss man ausprobieren - aber man muss auch spüren, wo für das Publikum da Grenzen liegen.“ Jene Grenzen, die die sogenannten Horror- oder Gruselclowns in den letzten Wochen überall in Deutschland betont überschreiten. Für die echten Clowns nämlich ist das Wechselspiel von Distanz und Nähe, bei dem man Brücken zum Publikum schlägt, aber auch dessen Autonomie respektiert, Teil des Lernstoffs. „Ein Clown ist daher immer wertschätzend und einfühlsam - und hat nichts mit diesen Grinsefratzen zu tun, die arglose Menschen erschrecken oder sogar verletzen“, sagt Corinna von Kietzel, Mitgründerin hannoverschen Schule für Tanz, Clown & Theater (TuT).

„Gruselclowns“ verstoßen nur unter Umständen gegen Gesetze

Die sogenannten Gruselclowns sorgen seit Wochen auch in Deutschland immer wieder für Schlagzeilen. Vermeintliche Spaßvögel nutzen die Maske von missgestalteten Clowns, um arglose Passanten auf der Straße zu erschrecken. Zusätzlich zu der gruseligen Erscheinung tragen die Clowns oft Waffen wie Baseballschläger oder Kettensägen bei sich, um die Wirkung ihrer Auftritte zu steigern.

Rechtlich gesehen bewegen sich die „Gruselclows“ in einer Grauzone. Denn solange sie niemanden körperlich verletzen oder mit Waffen wie Messern und Schlägern bedrohen, verstoßen sie erst einmal nicht gegen geltendes Gesetz. Als Spaß werten die Beamten deutschlandweit das Auftreten der „Gruselclowns“ allerdings nicht, vor allem nicht am heutigen Halloween-Fest. Denn verspürten Opfer von „Gruselclowns“ das Gefühl von Gefahr, so sei das wiederum strafbar und würde entsprechend verfolgt, heißt es von der Gewerkschaft der Polizei.

In Hannover hat es bislang noch keinen bekannten Vorfall mit einem „Gruselclown“ gegeben. Der einzige Fall aus Niedersachsen passierte in Lüneburg, als ein Kostümierter Menschen erschrecken wollte, die aus einem Bus ausstiegen. Die alarmierte Polizei konnte den „Gruselclown“ allerdings nicht mehr finden.

Thorsten Frank zählt zu einer ganzen Menagerie von mehr als zwei Dutzend Gestalten, die sich an diesem Tag vom Einkaufseinerlei der Georgstraße nicht nur durch bunte Kostümierung und Requisiten wie Puppen oder Staubwedel, Kochlöffel oder Zollstock abheben, sondern auch durch ihr Verhalten. Die mal eine Polonaise, mal eine Gesangsgruppe bilden, die durch kleine Geschichten oder auch nur große Gesten so auffallen, dass sich andere nach ihnen umdrehen und aus Passanten ein teilnahmebereites Publikum wird. „Nett“, sagt ein Mädchen dazu, „gut“ gefalle ihm das, sagt ein junger Mann, „schön“ finde sie das, sagt eine ältere Dame - und fügt, etwas ratlos, hinzu: „Aber was bedeutet das?“

Nun, die Truppe ist Teil der Performance „Walking as One“, die irgendwo zwischen verdecktem Theater und öffentlicher Kundgebung agiert - und die vom Erfolg und der Clownsschule TuT zeugt, deren Absolventen fast alle sind.

Seit immerhin 30 Jahren gibt es diese Schule jetzt, seit 1992 bietet sie eine Ausbildung zum Clown an, die mit einer staatlichen Prüfung endet, womit dies auch Deutschlands erste offiziell anerkannte Clownsschule ist. Immerhin 300 staatlich geprüfte Clowns hat die hannoversche Schule hervorgebracht, Clownsschüler strömen aus ganz Deutschland nach Hannover, und das TuT hat Impulse dafür auch international aufgenommen. „Mit der holländischen Clownsschule ,Clown Spirit’ veranstalten wir jährlich unseren ,Walking as One‘“, sagt Corinna von Kietzell.

„Ihr habt mir heute den Tag erleuchtet“

Doch warum lässt man sich, allen Ernstes, zum staatlich geprüften Clown ausbilden? „Um sein Talent auf solide Füße zu stellen und die Synergie aus Komik, Bewegung und Theater zu nutzen, die das TuT ja auch in seinen anderen Workshops und Fortbildungen auszeichnet“, sagt Corinna von Kietzell. „Und man kann dem Publikum ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.“ Man eröffnet also auch den Zuschauern die Chance, aus dem Alltag herauszutreten, worauf es bisweilen verblüffende Reaktionen gibt. „Ihr habt mir heute den Tag erleuchtet“, sagt ein Anzugträger, der auf Hannovers Georgstraße seine Mittagspause verbringt, zu den Akteuren von „Walking as One“.

Solche Straßenaktionen sind freilich eher die Ausnahme, die meisten Clowns treten mit Soloprogrammen auf Kleinkunstbühnen auf, und viele sind Klinikclowns, die junge und alte Patienten trösten - wie auch Carlos Papperlapapp, der als Duo Chaotica mit seiner Partnerin Carlotta McKaber auftritt. Die heißt eigentlich Andrea Voermann, ist Absolventin der Clownsschule Hannover und Gründerin der Klinikclowns Nordwest in Oldenburg.

Sie sind: die guten Clowns.

Wie ernst man das Spaßmachen nehmen kann, ist demnächst wieder live zu erleben - bei der Abschluss-Show „Sch(l)ichtarbeit“, dem praktischen Teil der Clownsprüfung, am Freitag, 4., und Samstag, 5. November, jeweils ab 20 Uhr im Freizeitheim Vahrenwald, Vahrenwalder Str. 92. Tickets unter (0511) 32 06 84 für 15 (ermäßigt: 12) Euro.

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