Seit 18 Jahren fährt er die Menschen durch Hannover, holt sie an den Haltestellen ab. Am Montag kommen sie zu ihm. Keine Kunden, dafür aber Reporter, die seine Meinung wissen wollen. Und die ist unmissverständlich: „Von dem Geld, was unsere Anfänger verdienen, kann niemand mehr leben. Ich habe so langsam das Gefühl, dass wir bald noch Geld mitbringen müssen.“ Angst vor Stellenstreichungen hat Schäfer nicht. „Fahrer werden immer gebraucht.“
In der Innenstadt von Hannover scheint die Lage angesichts des 24-stündigen Warnstreiks im öffentlichen Dienst am frühen Morgen weitgehend entspannt, erst am Vormittag gibt es lange Staus an den Haupteinfallstraßen. An den meisten Haltestellen zeigen elektronische Hinweisschilder unmissverständlich an, dass hier am Montag keine Bahn kommen wird. Auf einem Werbeschild steht „Zivilcourage hat viele Gesichter“ - doch dies wird niemand lesen, denn Warten ist hier absolut sinnlos. Was bleibt, ist die Fahrt mit dem eigenen Auto, mit dem Fahrrad oder der Fußmarsch. Gewinner des Streiks sind die Taxifahrer, an deren Ständen sich wie vor dem Bahnhof in Hannover lange Schlangen bilden.
Die Menschen am Hauptbahnhof und in den Fußgängerzonen geben sich überwiegend gelassen. „Wir wussten doch alle früh genug, dass heute nichts fahren wird“, sagt eine mit Schal und Mütze dick eingepackte Frau, die ihren Namen nicht nennen will. „Wer das erst heute Morgen erfahren hat, ist doch wirklich selbst schuld.“
Auch die meisten anderen Passanten reagieren gelassen auf die ungewohnte Verkehrssituation. „Sicherlich ist es ärgerlich, weil ich früher aufstehen musste“, sagt ein junger Mann namens Kai. Als Student habe er kein Auto und auch sein Fahrrad sei schon seit langem kaputt. „Ich finde, dass die Forderungen der Mitarbeiter ok sind“, betont Kai. Ohne den Warnstreik würde doch gar nichts passieren.
Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. „Es kann doch nicht sein, dass ich heute Abend länger arbeiten muss, nur weil die da mehr Geld haben wollen“, schimpft Gerhard Meino. Er fuhr mit seinem Nachbarn in die Stadt, doch schon an der zweiten Kreuzung ging nichts mehr. „Stau soweit wir gucken konnten.“ Jetzt sei er über eine halbe Stunde zu spät und wegen der Verspätung habe sein Nachbar ihn nur am Bahnhof absetzen können. „Den Rest muss ich jetzt laufen, da verlier ich nochmals ne halbe Stunde.“
Verdi-Chef Frank Bsirske wirbt am Mittag bei eisigen Minustemperaturen auf dem Opernplatz in Hannover um Verständnis für die Situation der Beschäftigten in öffentlichen Dienst. „Lohnerhöhungen kurbeln die Wirtschaft besser an als Steuergeschenke für Hoteliers und reiche Erben“, ruft Bsirske und die mehr als 12.000 Zuhörer jubeln ihm zu. Die Forderung von fünf Prozent mehr Geld für die Beschäftigten ist für den Gewerkschaftschef völlig gerechtfertigt. „Die Gesellschaft braucht einen guten öffentlichen Dienst und die Beschäftigten Löhne, die der Preisentwicklung mithalten können.“ Die Kommunen müssten sich nicht gegen die Forderungen der Mitarbeiter wehren, sondern mit allen Kräften gegen die Steuerpläne der Bundesregierung. „Nur aus Berlin kann die finanzielle Hilfe für die Kommunen kommen.“
Während Bsirske bei der zentralen Kundgebung in Hannover mit markigen Worten Innenminister Thomas de Maizière (CDU) kritisiert, sitzt Frank Schäfer immer noch an seinem Platz im Busdepot. „Einer muss ja hier Wache halten“, sagt er. Hauptsache die Kollegen seien alle dabei - trotz Kälte. Dass der Warnstreik nicht überall gut ankommt, kann er verstehen: „Ein Streik tut immer weh.“ Trotzdem - oder gerade deshalb - sieht er keinen anderen Weg: „Gute Leistung muss sich lohnen - auch für uns.“
lni
39
Kommentare
Der Bürger zahlt Bürger – 09.02.10
Der Streik trifft nicht den Staat, sondern Steuern- und Gebühren werden erhöht. Es zahlt der Bürger!Anfängergehalt II Anne-Ruth – 09.02.10
Ein Anfängergehalt von ca. EUR 1.280,00. Alle Achtung.Ich bin eine langjährig tätige Büroangestellte. Ich verdiene (alleinstehend) mtl. knapp EUR 1.120,00.
Vor 3 Jahren gab es die letzte Lohnerhöhung von 1,7 %. Also ihr lieben Jungs von der Üstra. Ich kann Euch gern zeigen, die mann/frau mit seinem Verdienst auskommt.
"Bedanken" wollte ich mich auch noch. Da ich gestern zu Fuß gehen mußte, der Marsch von knapp einer Stunde hätte mir nicht viel ausgemacht, wäre ich nicht auf Glatteis (trotz passender Winterschuhe) ausgerutscht, hätte ich jetzt keine Gehirnerschütterung und eine geprellten Rippen.
Darf ich für den Tag, an dem ich meine Monatkarte nicht nutzen konnte einen Tag länger fahren.
unnötiger Warnstreik kingkong – 08.02.10
Dieser Warnstreik war so unnötig wie der berühmte Kropf.Allen Beteiligten ist doch klar, dass die Beschäftigten mehr Geld erhalten werden.Das die Arbeitgeberseite bisher kein Angebot unterbreitet hat, ist für die Gewerkschaft und die nicht üppig besoldeten Bediensteten natürlich ein Schlag ins Gesicht.So sollte kein Arbeitgeber mit seinem Personal umgehen.Aber wenn man nicht auf Busse und Bahnen angewiesen ist, und in der warmen Stube sitzt, kann man natürlich sehr locker diesen Warnstreik aussitzen.Als Fazit bleibt festzuhalten, dass letztlichnur die Leute (überwiegend Schulkinder + Pendler) betroffen wurden, die überhaupt nichts zu diesen überflüssigen "Muskelspielen"
können.Armes Deutschland !!!
anfängergehalt madenuzza – 08.02.10
man glaubt es nicht. wo leben die von verdi? behauptet doch in diesem artikel einer, vom anfängergehalt bei der üstra könne man nicht mehr leben. hallo? erde an xxx? hat doch neulich einer gesagt, als anfänger kriegte man 1280,- ca. NETTO! da kann man nicht von leben? erzählt das mal den anderen, nicht öffis. die hauen euch den kopf ein, zu recht in meinen augen. ihr spinnt doch wohl und habt jedes maß verloren. dass eure jobs so sicher sind, muss ja wohl auch seinen prei haben. ebenso die garantierte lohnsteigerung alle 2 jahre. ich kenne keinen, der das so im wahren leben, der sogenannten freien wirtschaft hat. und noch mal, welche ausbildung bracht man genau zum üstra-fahrer? 3,5 jahre lehre? 6 jahre studium? hallooooo???????