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„Die meisten Bauern trieben lieber Schwarzhandel“

Serie "Aufbruch 1945" „Die meisten Bauern trieben lieber Schwarzhandel“

Juli 1945: Zehntausende Heimatvertriebene kommen nach Hannover. Hier schlägt ihnen eine Mischung aus Mitleid und Misstrauen entgegen. Die Not der Flüchtlinge ist groß – doch sie werden auch zum Motor des Wirtschaftswunders.

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In Bunkern oder Baracken teilten sich ganze Familien winzige Räume.

Quelle: Hausschild / Archiv

Hannover. Er war erst elf Jahre alt, als er lernen musste, dass Armut ihre eigenen ökonomischen Gesetze hat. „Erwachsene hatten beim Betteln meist wenig Erfolg, also wurden wir Kinder losgeschickt“, sagt Lothar Stolla. „Wir erregten mehr Mitleid.“ Seine Mutter hatte sich im Januar 1945 in Ostpreußen mit vier Kindern auf die Flucht gemacht. Am Ende eines dramatischen Weges waren sie in einem Bauernhof bei Lehrte einquartiert worden. Da die Lebensmittelrationen hinten und vorne nicht ausreichten, um die Familie satt zu bekommen, fuhr Lothar Stolla also mit seinem kleinen Bruder ein- oder zweimal in der Woche zum Betteln nach Sehnde: „Dort gab es weniger Flüchtlinge als bei uns.“

Bei jeder Tour klapperten die Brüder mehr als 20 Bauernhöfe ab und sagten ihren Spruch auf: „Wir sind Flüchtlingskinder und haben Hunger ...“ Mal bekamen sie eine Schnitte Brot, mal ein paar Kartoffeln zugesteckt: „Besonders haben wir uns gefreut über Eier oder Wurst.“ Allmählich lernten die Kinder die Bauern kennen: „Die meisten trieben mit ihren Lebensmitteln lieber Schwarzhandel, als uns etwas abzugeben“, sagt der 81-Jährige, der noch immer in Lehrte lebt. Die Kinder lernten, wie bitter es ist, grob abgewiesen zu werden. Doch die Not zwang sie immer wieder auf die Straße: „Es machte uns traurig, wenn wir sahen, dass unsere Mutter nicht wusste, was sie für uns kochen sollte.“

Mahnung zur Menschlichkeit

"Hier in Niedersachsen haben Sie seit Jahrhunderten den Ruf, konservativ und misstrauisch gegenüber Fremden zu sein. Überwinden Sie dieses Misstrauen.  Sie und wir alle müssen jetzt unser Bestes tun, die Flüchtlinge als nützliche Mitglieder einer Gemeinschaft anzusehen. Die Arbeit der Flüchtlinge sollte für den Aufbau einer besseren Zukunft Deutschlands willkommen sein."

Oberst Hume im Rathaus zu deutschen Landräten Ende Oktober 1945

Das millionenfache Unterwegssein war ein Signum des epochalen Bruchs von 1945. Halb Europa war damals auf den Beinen: Verschleppte Zwangsarbeiter und Kriegsheimkehrer schlugen sich in Fußmärschen teils über Hunderte von Kilometern nach Hause durch. Städter mussten zu Hamstertouren aufs Land ausrücken. Und besonders hart traf es Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Sie wurden, oft zusammengepfercht in Viehwaggons, mit Gewalt in den Westen verfrachtet.

In Nissenhütten am Bahnhof wurden Vertriebene bei der Ankunft notdürftig verköstigt .

Quelle: HAZ

Die entkräfteten Menschen erfuhren hier oft wenig Solidarität: Viele sahen in den traumatisierten, misshandelten Ostdeutschen oft nur unliebsame Konkurrenten um Lebensmittelrationen. Unternehmer versuchten mit allen Tricks, ihre Villen von Zwangseinquartierungen frei zu halten; Wohnzimmer wurden flugs zu Büros umdeklariert. Andere kassierten als Vermieter horrende Mieten von Flüchtlingen. Die von den Nazis so oft beschworene „Volksgemeinschaft“ erwies sich für die Vertriebenen vollends als Illusion.

In Hannover wuchs die Zahl der Flüchtlinge, die oft mit einer Mischung aus Mitleid und Misstrauen beäugt wurden, rapide. Jede Woche strömten etwa 1500 Menschen – auch Kriegsheimkehrer und Arbeitssuchende – in die zerstörte Stadt. Sie alle mussten untergebracht und versorgt werden. Der Flüchtlingszustrom erwies sich als größtes Problem der Nachkriegszeit. Bis Anfang November 1946 waren 18 000 Flüchtlinge und Vertriebene in neun Transporten nach Hannover gekommen. Weitere 25 000 waren trotz Zuzugssperre in die Stadt geströmt. Im September 1950 waren in Hannover von 443 941 Einwohnern 20,9 Prozent Flüchtlinge. Bis 1955 stieg ihr Anteil auf 27,3 Prozent.

Viele lebten noch Jahre nach dem Krieg in Massenquartieren, wie auf dem 1947 in Harkenbleck aufgenommenen Bild.

Quelle: HAZ

Der Rat trat am 8. August 1946 zu einer Krisensitzung zusammen. Er erklärte mit Nachdruck, es sei unmöglich, „noch Tausende von Ostflüchtlingen in einen Trümmerhaufen hineinzunehmen“. Bei einem weiteren Zustrom drohten Gefahren, „welche die mühsam bewahrte Zivilisationsgemeinschaft aufs schwerste bedrohen“. Die Massierung von bitterarmen, entwurzelten Menschen barg enormen sozialen Sprengstoff.

Regierungspräsident Hinrich Wilhelm Kopf stellte den oft elend dahin vegetierenden Flüchtlingen schon im September 1945 in Aussicht, Wohnraum gerecht zu verteilen und Möbel für sie zu beschaffen. Er erinnerte die Mehrheitsbevölkerung in seinem dramatischen Appell daran, „daß sie es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken hat, daß sie sich nicht in der gleichen Lage wie die Flüchtlinge befindet. Es ist Menschen- und Christenpflicht, für den bedauernswerten Mitmenschen zu sorgen.“

Die komplette Serie

Alle Teile unserer Serie "Aufbruch 1945" finden Sie hier.

Vergeblich versuchte die britische Militärregierung, die Flüchtlinge gleichmäßig im Land zu verteilen. Insbesondere junge, ungebundene Männer zogen auf eigene Faust dorthin, wo sie ihre Zukunft sahen. Obwohl es offiziell Zuzugssperren für die zerbombten Städte gab, heuerten Unternehmen dort klammheimlich die oft gut ausgebildeten Vertriebenen als Arbeitskräfte an. So wurden Niedersachsens Städte nicht zuletzt von Flüchtlingen wieder aufgebaut.

Überhaupt erwies sich deren Mobilität für die Industrie als Segen: Stärker als die Eingesessenen, die an ihrer Scholle hingen, zogen Vertriebene dorthin, wo es Arbeit gab. Zugleich zeigten viele einen eisernen Willen zum sozialen Aufstieg. Und da sie alles verloren hatten, wurden sie auch als Konsumenten von Kleidung, Möbeln und Geschirr zum Motor des Wirtschaftswunders.

Es war einmal in Hannover ... Aber wo? - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

Gut 1,8 Millionen Ostflüchtlinge lebten 1950 in Niedersachsen – fast ein Drittel der Bevölkerung. In Hannover entstanden ganze Stadtteile wie Seelhorst oder Mittelfeld, um für sie Wohnraum zu schaffen. Allen Problemen zum Trotz wurde die Integration von Millionen Flüchtlingen binnen weniger Jahrzehnte zu einer Erfolgsgeschichte – vielleicht zur größten in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt. Sie gelang so gründlich, dass schon den Kindern der Vertriebenen ein Wort wie „Integration“ unangebracht für ihre Familie erscheint. Die Nachgeborenen sind in Hannover zu Hause, und oft wissen sie kaum noch etwas von den Wurzeln ihrer Familie. Auch, wenn sie am Rübezahlplatz oder in einer Breslauer Straße leben.

Stahlhelme zu Kochtöpfen

In Empelde entstand eines der größten Flüchtlingslager der Region – bis 1959 lebten Vertriebene dort.

„Im Winter lief Wasser an den Wänden herunter“: Erika Hesse 

Quelle: Schaarschmidt

Inzwischen ist alles anders hier. Wenn Erika Hesse heute durch den „Wohnpark am See“ in Empelde geht, orientiert sie sich an der Kastanienallee und am See. Sonst ist nichts aus jener Zeit erhalten geblieben, in der sie hier lebte. Ein schmuckes Viertel ist hier entstanden. „Doch alle, die früher hier wohnten, sprechen bis heute vom ,Lager’“, sagt die 80-Jährige.

Ihre Familie wurde nach dem Krieg aus dem Kreis Neumarkt in Schlesien vertrieben. In Uelzen holte man sie aus dem Viehwaggon, zum Entlausen, dann ging es mit der Bahn und auf Lastwagen weiter nach Empelde. Am 13. Juni 1946 kamen sie auf dem Gelände der früheren Dynamit AG an: „Ausländische Zwangsarbeiter hatten die teils unterirdischen Bunker gerade verlassen.“

In dem Lager, das das Rote Kreuz im Auftrag der Briten eingerichtet hatte, schliefen Flüchtlinge anfangs in großen Fabrikhallen auf Stroh und Papiersäcken. Rund 18 000 Bewohner kamen und gingen bis Ende 1946. Viele blieben nur kurz, bis andere Gemeinden sie aufnahmen. Dennoch wurde Empelde zum wohl größten Flüchtlingslager in der Region: Auf Dauer lebten bis zu 2000 Menschen innerhalb der Lagermauern – unter unmenschlichen Bedingungen.
„Bis ich 20 Jahre alt war, teilte ich mir ein Bett mit meiner Großmutter“, sagt Erika Hesse. Nach einiger Zeit erhielt ihre Familie für sechs Personen ein eigenes, 35 Quadratmeter großes Zimmer im Lager. Ein Wasserhahn war außen, man wusch sich in einer Schüssel, Kübel dienten als Toiletten. „Im Winter lief Wasser an den Wänden herunter“, sagt Erika Hesse: „In den Ecken gefror es zu Eis.“

Oft prangerten Zeitungsberichte das Elend im Empelder Lager an, dessen Boden sich später überdies noch als munitionsverseucht erwies. „Wenn wir Geburtstag feierten, kamen auch Klassenkameraden von außerhalb zu uns“, sagt Erika Hesse, die damals in Gehrden zur Schule ging. Zurückweisung habe sie nie gespürt: „Doch heute fragen mich frühere Schulfreunde manchmal, wie wir dort nur leben konnten.“

Dabei erschien das Lagerleben vielen Flüchtlingen als kleineres Übel: Sie weigerten sich 1948 sogar, in bessere Unterkünfte umzuziehen: „Meine Mutter wollte nicht bei einer fremden Familie auf irgendeinem Dorf einquartiert werden – sie wollte ihre eigene Kochstelle behalten“, sagt Erika Hesse. „Außerdem bot das nahe Hannover vielen Arbeit – und Schulen für die Kinder.“

Etliche Vertriebene verdingten sich bei Bauern in der Gegend. Ihre Mutter fand bei der Schneiderei „Lucia-Kleidung“ eine Stelle, einer der kleinen Firmen, die mitten im Lager entstanden: „Die Bewohner litten Mangel, aber sie waren erfinderisch“, sagt die Ronnenberger Historikerin Else Hinze-Dückering. „Sie zeigten Eigeninitiative und verbanden Ideenreichtum mit handwerklichem Geschick.“ Aus alten Zeitungen fabrizierten sie Gardinen, Gummireifen funktionierten sie zu Schuhsohlen um, Stahlhelme zu Kochtöpfen und Gasmasken zu Kaffeekannen.

Bis 1954 lebte Erika Hesses Familie im Lager. Dann gab es groß angelegte Programme, um die Notunterkünfte zu räumen. Im Mai 1959 wohnten nur noch sechs Familien dort, Ende des Jahres war das Lager Empelde dann restlos geräumt. Erika Hesses Eltern bauten ein Reihenhaus, sie selbst heiratete. Einen Einheimischen. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte einer gelungenen Integration. Mit ihrem Mann Rolf lebt sie bis heute in Empelde. In einer Wohnung unweit des „Lagers“, wie sie bis heute sagt.

„Stehen vor einer Katastrophe des Elends“

Flüchtlingslager waren teils als Brutstätten von Kriminalität und Prostitution verschrien.

Es war eine aufrüttelnde Rede. In drastischen Worten schilderte die SPD-Sozialpolitikerin Emmy Lanzke im Rat das Schicksal der Flüchtlinge, die zu Tausenden in Baracken und Bunkern untergebracht waren: „Sie liegen auf zementierten Fußböden und in ungeheizten Räumen, die zum Teil nicht die einfachsten hygienischen Einrichtungen aufweisen“, sagte sie. „Das Elend dieser Menschen, die mit ihrer Heimat alles verloren haben, ist unbeschreiblich.“

Die Hilfsorganisationen seien heillos überfordert, erklärte Lanzke: „Kranke sind mit Gesunden und Kinder mit Erwachsenen zusammengepfercht, die bisweilen jede Rücksicht in sittlicher Beziehung vermissen lassen.“ Quintessenz ihrer Rede vom Oktober 1946: Die Alliierten müssten unbedingt verhindern, dass noch mehr Flüchtlingstransporte nach Hannover kämen. Es sei unübersehbar, „dass wir vor einer Katastrophe des Elends stehen“.

Im Monat darauf kam erneut ein Transport mit 2043 Vertriebenen in Hannover an. Zwei Drittel von Ihnen wurden in Tanzsälen einquartiert. Schulen wie die an der Kestnerstraße wurden als Flüchtlingsunterkunft genutzt, ebenso Gaststätten oder die Bunker am Pfarrlandplatz oder an der Bömelburgstraße. In Stöcken wurden die Vertriebenen sogar in früheren KZ-Baracken einquartiert. Oft hausten in den dunklen, kalten Unterkünften wildfremde Menschen ohne Öfen oder Bettstellen auf engstem Raum nebeneinander.

Das Elend könnte in einem Roman von Charles Dickens oder einem Drama von Gerhart Hauptmann seinen Platz haben: Im Lager an der Hinüberstraße muss eine Elfjährige ihre jüngeren Geschwister versorgen, wenn die Mutter, eine Kriegerwitwe aus Breslau, arbeiten geht. Im Lager Empelde, den ehemaligen Dynamit-Werken, haust eine schlesische Mutter mit sechs Kindern über Wochen hinweg auf nacktem Zementboden. „Gebt uns doch Gift, wenn ihr uns nicht helfen könnt!“, rufen verzweifelte Flüchtlinge der Politikerin Emmy Lanzke zu, als diese solche Lager besucht.

In den Notquartieren breiten sich Krankheiten schnell aus, die Angst vor Epidemien ist groß. Einheimische machen meist einen weiten Bogen um die Behausungen: Die Lager gelten ihnen bald als Brutstätten von Kriminalität und Sittenlosigkeit. Die „Hannoversche Presse“ beklagt im Oktober 1946 die „unhaltbaren Zustände“ im Tiefbunker am Hauptbahnhof. Dort grassieren Schwarzhandel und Prostitution. Alleinstehende Jugendliche würden „das Ansehen der Flüchtlinge und Zwangsvertriebenen, die unserer ganzen Hilfe und Unterstützung bedürfen, in Mißkredit bringen“.

Erste Station vieler Vertriebener ist der Hauptbahnhof: Helferinnen des DRK geben täglich Mahlzeiten für bis zu 1000 Flüchtlinge aus: Eintopf für die Erwachsenen, Grießbrei für Kinder. Flüchtlingswegweiser zeigen den Neuankömmlingen, wo die Tonnenbaracken sind, in denen sie Bollerwagen oder Koffer abstellen können. Während sich die oft ausgemergelten Menschen um Formalitäten kümmern müssen, können sie ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen abgeben. Jeder bekommt eine Bettkarte, auf der eingetragen ist, wo er die nächsten Nächte schlafen soll. Doch die Quartiere werden rasch knapp. Fieberhaft arbeitet die Stadt daran, möglichst viele Notunterkünfte winterfest zu machen.

„Wir sollten die Menschen zurück Richtung Osten schicken“, erklärt lapidar der britische Provinzgouverneur, Oberst Bruce. „Wir sollten mit den Russen darüber verhandeln.“ Nur mühsam lässt er sich davon überzeugen, dass Sowjets und Polen die Vertriebenen kaum zurücknehmen würden. Und so bleibt das Flüchtlingsdrama über Jahre Hannovers größtes Problem: Noch 1950 leben mehr als 37 000 Menschen in Massenunterkünften. Und teils hausen Flüchtlinge noch bis in die Sechzigerjahre in schäbigen Baracken.

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