Andreas Striefler taucht gleich unter und kommt prustend wieder an die Oberfläche. „Komm, es ist nicht wirklich kalt“, sagt er und streckt seiner Begleiterin eine helfende Hand entgegen. Ein Fuß, dann der andere, von wegen nicht kalt. „Huuuuiiiiiiiiii!“, hallt ihr Quieken unter der Lindener Dornröschenbrücke. Aber einmal drin, ist das Wasser der Leine herrlich erfrischend und gar nicht moddrig, wie so manche behaupten, die noch nicht drin waren. „Ja, die wenigsten wissen, wie schön es in der Leine ist“, schwärmt Striefler.
Andreas Striefler, 51 Jahre, ist ein sogenannter Flussschwimmer. Wenn Wetter und Zeit es hergeben, geht er in der Leine baden. Striefler hat es nicht weit, er wohnt in Linden. Am liebsten schwimmt er eine halbe Stunde bergab, und klettert an der Schwanenburgbrücke wieder heraus, wo er sein Lastenrad mit trockenen Klamotten und heißem Tee deponiert hat. Oder, wenn er mal „Strecke“ schwimmen will, beginnt er schon irgendwo in der Ihme und legt mehrere Kilometer zurück. Früher hat schon Strieflers Großvater in der Leine gebadet, heute tun es seine drei Kinder auch. Wichtig sei, dass sie dabei Eigenverantwortung entwickelten, sagt der Vater.
Doch anders als Schwimmbäder oder überwachte Badeseen haben Flüsse eben so ihre Tücken und sind deshalb nur etwas für geübte Schwimmer. Wer in Leine oder Ihme schwimmen geht, tut dies auf eigene Gefahr, und es gibt Einschränkungen: So weist die Wasserschutzpolizei jedes Jahr auf die Gefahr des Schwimmmens in der Nähe von Brücken, Wehren, Hafeneinfahrten, Schleusen und Kaimauern hin – denn gerade an diesen Stellen können gefährliche Unterbodenströmungen entstehen, die den Schwimmer unter Wasser ziehen. „Wichtig ist, sich nicht zu überschätzen und zu wissen, wann es genug ist“, sagt Striefler.
An diesem Mittag ist es still auf dem Abschnitt, Motorboote dürfen zwischen 13 und 15 Uhr nicht fahren. Langsam lassen sich die Schwimmer von der leichten Strömung treiben. Im Fluss zu schwimmen bedeutet, ganz nah an der Natur zu sein, mit ihr verbunden zu sein, sie intensiv wahrzunehmen. Auge in Auge mit den Ratten, den Enten und Fischen, die dicht am Kopf aus dem Wasser springen und wieder eintauchen. Striefler sagt es philosophisch: „Man wird Teil des Wassers.“ Der selbstständige PC-Servicetechniker ist in seinem Job viel unterwegs, und er sagt, Frust, Stress oder andere Sorgen seien vergessen, sobald er im Fluss ist.
Im Sommer vor vier Jahren hatte ein spritziges Event auf der Leine dagegen heftige Kontroversen in Hannover entfacht. Damals organisierten Stadt und BUND den „Leinebadetag“, Umweltdezernent Hans Mönninghoff pries die gestiegene Wasserqualität, und in Höhe der Schwanenburgbrücke sprangen Hunderte Menschen in die Fluten. Die Veranstaltung suggerierte, dass das Schwimmen an dem neu aufgeschütteten Badestrand von nun an ausdrücklich erwünscht sei – viele Menschen nutzten das kostenlose Badevergnügen auch weiterhin. Doch weil gerade dort oft Motorboote und Wasserskifahrer mit hohem Tempo übers Wasser donnern und auch Ruderer und Fahrgastschiffe den Fluss kreuzen, kam es zu gefährlichen Begegnungen. Die Diskussion endete mit einem vorläufigen Schwimmverbot an der Stelle. Aber erst, nachdem das Wasser- und Schifffahrtsamt an dem Ufer tonnenweise kantige Steine abgeladen hatte, herrschte tatsächlich Ruhe. Noch immer sind Schwimmer wie Andreas Striefler den Wassersportlern ein Dorn im Auge. Und obwohl er stets einen großen Abstand zu ihnen wahre, sagt er, müsse er oft Beschimpfungen über sich ergehen lassen.
Wenige hundert Meter vor der Schwanenburgbrücke, wo das Wasser so tief ist, dass man nicht mehr stehen kann, sorgt der Rückstau des Wehres für reichlich Grün auf dem Wasser, auch an den Beinen spürt man verschlungene Gräser. „Das ist eben die Natur“, sagt Striefler gelassen. Das Stück Natur ist wohl auch ein Grund, warum es nur wenige Schwimmer in die Leine treibt. Die meisten Flussschwimmer kühlen sich lieber am Lindener Stichkanal ab, wo es kaum Pflanzen im Wasser und keine Strömung gibt. Immer wieder springen dort auch Waghalsige aus bis zu zehn Metern Höhe von der Brücke. Doch das ist nicht nur wegen der unregelmäßigen Wassertiefe gefährlich, sondern auch, weil immer wieder Unrat von den Brücken geworfen wird.
Der aus dem Ruder gelaufene „Leinebadetag“ hatte jedoch Begehrlichkeiten geweckt – und viele Pläne nach sich gezogen. Ein Architekturbüro entwickelte Ideen für Strände, Aussichtspunkte und Plattformen, um den Wasserweg zwischen Ihmezentrum und Leine-Verbindungskanal für Flussliebhaber attraktiver zu gestalten. Und die Grünen im Rat schlugen vor, nach Berliner Vorbild ein Badeschiff am Fluss festzumachen, das mit gereinigtem Wasser aus der Leine gefüllt werden sollte. Doch aus alldem wird vermutlich nichts. Mittlerweile geht es nur noch um die deutlich abgespeckte Version eines Stegs, der im Zuge des geplanten Hochwasserschutzes an der Ihme befestigt werden könnte. Und selbst das bereitet den Behörden noch Bauchschmerzen, weil die Wasserqualität der hannoverschen Flüsse stark schwankt.
Für Andreas Striefler sind solche Annehmlichkeiten nebensächlich. Er geht auch ohne Sand und Steg in die Leine, auch wenn es sich beim Ein- und Ausstieg unter den Füßen manchmal nach Kartoffelbrei anfühlt oder er auf Steine oder Müll trifft. Wieder aus dem Wasser strahlt der 51-Jährige und reibt sich die Gänsehaut: „Ich fühle mich richtig frisch.“ Die Begleiterin nickt begeistert. „Gerne wieder.“
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Kommentare
Leineschwimmen 2010 Andreas – 14.08.10
Ganz zu schweigen vom diesjährigen Leineschwimmen, das heute in Laatzen stattfindet. Mehr auf http://www.leineschwimmen.de