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Aus der Stadt Die unbekannte Treppe zur Ihme
Hannover Aus der Stadt Die unbekannte Treppe zur Ihme
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14:35 21.11.2017
Mit kritischem Blick: Gewässerschau an der Ihme. Quelle: Thomas Kaestle
Hannover

Mit diesem Einstieg hat keiner gerechnet: Eine massive Metalltreppe führt acht flache Stufen vom Ricklinger Mühlenholzweg hinunter zum Wasser der Ihme. Die Gewässerexperten von Stadt und Region Hannover schauen sich ratlos an. „Vielleicht eine Rampe, um Kanus zu Wasser zu lassen?“, vermutet einer. Vor drei Jahren gab es den sorgfältig in den Hang eingepassten Fremdkörper an dieser Stelle noch nicht. Er wäre sonst im Protokoll des letzten Ortstermins vermerkt.

Alle drei Jahre geht eine Gruppe von Experten die Ufer aller fließenden Gewässer in kommunaler Zuständigkeit Schritt für Schritt ab. Bei diesem Rundgang, „Gewässerschau“ genannt, schaut jeder aus seiner eigenen Fachperspektive genau hin. Es geht um Gewässerschutz und Wasserqualität, Entwässerungsstrukturen, Bauplanung und Naturschutz.

Meist sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die diskutiert und protokolliert werden: Kann das Wasser ungehindert fließen? Leitet jemand unerlaubt Abwässer ein? In einem so komplexen System wie den Flüssen und Bächen einer Stadt kann auch eine geringe Beeinträchtigung ernste Konsequenzen haben. Dass die Behörden hier genau hinsehen, ist einerseits Routine – andererseits gehört es zu den vielen Details, die eine Stadt wie Hannover funktionieren lassen.

Gegenüber dem Mühlenholzweg, auf der anderen Seite der Göttinger Chaussee, fließt die Ihme durch eine Brückenbaustelle. „Sehr gut, da wächst Wasserstern“, sagt Matthias Müller von der Stadtentwässerung. Das sei ein Zeichen für gute Wasserqualität, erklärt Friedrich Wach vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland: „Außerdem verbessern solche Pflanzen den Sauerstoffgehalt und bieten Lebensraum für Fauna.“

Das gilt auch für jede Art von Ästen, also Totholz, im Wasser – die Anreicherung mit Sauerstoff geschieht hier durch kleine Stromschnellen. Wenn sich in großen Ästen jedoch zu viel Treibgut sammelt, werden sie zum Hindernis und verändern Wasserdruck und -stand. Vor der Fußgängerbrücke im Ricklinger Aegir-Bad ist das der Fall. „Hier lassen wir das Holz entfernen“, entscheidet Joachim Lieberum von der Unteren Wasserbehörde der Region.

Wenn sich Schaum an Totholz sammelt, deutet das übrigens nicht immer auf eine Verschmutzung hin: „Es können sich auch natürliche Tenside aus Pflanzenteilen bilden“, erklärt Reiner Luginbühl von der städtischen Gewässerplanung. Wach weist derweil auf die Bedeutung lebender Bäume am Ufer hin: „Die Schwarze Erle befestigt die Böschung, weil sie als einziger Baum direkt im Flussbett wurzelt – sie ist wichtig für kleinere Gewässer.“ Die Erlen tragen Nummern: Sie gehören zu etwa 80 000 registrierten Bäumen im Stadtgebiet.

Die Gewässerschau führt über weite Strecken durch das Ricklinger Holz, an der Rückseite von Sportplätzen und Kleingärten entlang. Immer wieder protokollieren die Experten illegal entsorgten Abfall. „Die Leute kippen Grünschnitt häufig ans Ufer und hoffen, dass er nach dem nächsten Hochwasser weg sei“, sagt Luginbühl. Dabei speisten die verrottenden Pflanzenreste die Gewässer über Sickerwasser mit zu vielen Nähstoffen, deren Abbau dem Wasser Sauerstoff entziehe.

„Viele denken, Grünschnitt dürfe überall in der Natur entsorgt werden“, ergänzt Karolin Herrmann vom Naturschutzbund Deutschland, die die Gruppe als Naturschutzbeauftragte der Region für den Bereich Hannover Süd begleitet. Dabei seien Ökosysteme so fein abgestimmt, dass jede fremde Pflanze aus dem Baumarkt Schaden anrichten könne.

Rundgang an der Ihme – damit das Wasser auch künftig ordentlich abfließt.

Am Ricklinger Deich, der bei Hochwasser vor einem Rückstau in die Ihme schützen soll, zeigt sich, wie schnell sich die Natur in drei Jahren entwickeln kann. „Bei der letzten Gewässerschau war der noch ganz frisch aufgeschüttet“, erinnert sich Andreas Gnadt vom Team Gewässerschutz Ost der Region. Jetzt ist der Uferbereich mit dichten Brombeerhecken bewachsen. „Wer ist denn hier für die Zugänglichkeit verantwortlich?“, fragt Müller.

Offenbar hat noch keiner der Anwesenden eine Vorstellung, wie sich die Vegetation entwickeln soll. „Wir müssen wohl einen Unterhaltungsplan für die Gehölzpflege erstellen“, sagt Luginbühl und hakt bei Herrmann nach: „Müssen wir bei Brombeeren den Naturschutz berücksichtigen?“ Geschützt seien die natürlich nicht, antwortet die Kollegin: „Aber dank Brombeerbüschen haben wir zum Beispiel in der Eilenriede die höchste Dichte an Zaunkönigen in ganz Niedersachsen.“

Die Ihme: Vom Deister in die Leine

Die Ihme bildet sich im östlichen Deistervorland nahe Evestorf durch den Zusammenfluss von Wennigser Mühlbach und Bredenbecker Bach. Zwischen Hemmingen und Ricklingen fließt sie in den Zuständigkeitsbereich der Stadtverwaltung Hannover hinein. Sie ist dort ein schmales Gewässer mit geringer Tiefe. Wo sie für die meisten am sichtbarsten wird, ändert sich bereits die Zuständigkeit: Wenn auf Maschseehöhe der Schnelle Graben, der bereits im 15. Jahrhundert die Innenstadt vor Hochwasser schützen sollte, mit großen Wassermengen aus der Leine einmündet, wird die Ihme zur Bundeswasserstraße. Um die kümmert sich das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Braunschweig. Am Leinedreieck zwischen Calenberger Neustadt, Nordstadt und Linden-Nord mündet die Ihme schließlich in die Leine.

Konsequenzen sind in der Natur oft schwer absehbar. Es beruhigt, dass sich Experten regelmäßig darüber austauschen.

Von Thomas Kaestle

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