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Aus der Stadt Die ungeliebte Y-Trasse spaltet Bund und Bürger
Hannover Aus der Stadt Die ungeliebte Y-Trasse spaltet Bund und Bürger
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09:23 18.11.2010
Von Bernd Haase
Eines der Ziele der Planungen: Durch Hannover sollen weniger 
Güterzüge rollen als bisher. Das Bild zeigt den Güterbahnhof Linden. Quelle: Rainer Surrey

Vor zehn Jahren hat sich Christoph Chilla in Wedemark-Meitze ein Baugrundstück von der Gemeinde gekauft. „Kurze Zeit später wurden die Planungsunterlagen für die neue Y-Trasse ausgelegt. Sie verlief in Sichtweite“, sagt er. Seitdem schreibt er das Wort „Nein“ öfter einmal mit „y“ statt „i“ – zumeist dann, wenn er es auf Plakate malt. Der 50-jährige Zahntechniker und Nebenerwerbslandwirt ist Vorsitzender der Bürgerinitiative für eine lebenswerte Wedemark (BIW), die seit einem Jahrzehnt gegen die Bahntrasse zu Felde zieht.

Zwischendurch wurde es immer mal wieder ruhiger um das milliardenschwere Bauprojekt, weil keiner so recht an die Finanzierung glaubte. Jetzt erhält die Angelegenheit eine neue Dynamik, wofür es drei Gründe gibt. Erstens haben Bahnchef Rüdiger Grube und Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister sie nach einem gemeinsamen Treffen Anfang des Monates als „absolutes Muss“ bezeichnet, weshalb Niedersachsen weitere zehn Millionen Euro an Planungskosten zuschießt. Zweitens haben Bahn und Bundesverkehrsministerium die bisherigen Planungen um die sogenannte Güterumfahrung ergänzt, die Warentransporte per Bahn aus Hannovers Hauptbahnhof heraushalten und die stark befahrene Güterumgehungsbahn in der Landeshauptstadt entlasten soll. Stattdessen will die Bahn die Güterzüge über eine Neubaustrecke über Burgwedeler und Burgdorfer Gebiet schicken, wo sie dann auf die Verbindung Celle–Lehrte–Hildesheim einfädeln und weiter nach Süden fahren könnten.

Dieser zweite Punkt bedeutet einen Paradigmenwechsel. Ursprünglich war die Y-Trasse primär dazu gedacht, die Fahrtzeiten für Personenzüge zwischen Hannover und Hamburg sowie Bremen zu verkürzen. Die ICEs sollten mit bis zu Tempo 300 durch die norddeutsche Tiefebene brausen. Jetzt rückt der Güterverkehr in den Fokus. Der Bund prognostiziert, dass das Transportaufkommen auf der Schiene bis zum Jahr 2025 gegenüber heute um mehr als 60 Prozent zunimmt – vor allem, weil Schiffscontainer von den Seehäfen ins Land gebracht werden müssen.

Dieses Szenario führt zum dritten Punkt, der viele Kenner der Materie überrascht hat. Dabei handelt es sich um den überarbeiteten Bedarfsplan für Schienen- und Straßenverkehr, den Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) vergangene Woche vorgestellt hat und bei dem die Projekte nach Wirtschaftlichkeit eingestuft und sortiert werden. Dümpelte die Y-Trasse bisher in einem Bereich nahe der absoluten Untergrenze von 1,0 herum, hat sie nun einen Faktor von 5,2. Das bedeutet, dass für jeden investierten Euro ein wirtschaftlicher Nutzen von mehr als fünf Euro abfällt. Damit erreicht die Y-Trasse den bundesweit zweithöchsten Wert überhaupt nach der Fehmarnbelt-Querung.

„Das sind alles schräge, nicht nachvollziehbare Zahlen“, sagt Chilla. Besonders wundert ihn, dass die Bahn mit der Güterumfahrung ein neues Streckenstück plant, sich aber die Baukosten für das Gesamtvorhaben um keinen Cent verteuern und nach wie vor bei 1,4 Milliarden Euro liegen sollen. Die Bahn begründet das damit, dass die Personenzüge auf der Y-Trasse jetzt nur noch Tempo 250 fahren sollen. Damit müsse man weniger aufwendig bauen und könne das gesparte Geld in die Ergänzungstrasse stecken.

Die Wedemärker halten die aus den neunziger Jahren stammenden Baukostenberechnungen ohnehin für unrealistisch und fühlen sich durch einen Satz in Ramsauers Papier bestätigt: „Der Nutzen-Kosten-Berechnung liegen veraltete Angaben der Bahn zugrunde, zu einer Aktualisierung sah sie sich nicht imstande“, heißt es dort. Verbündete findet die BIW unter anderem beim Verkehrsclub Deutschland und beim Umweltbundesamt. Beide plädieren dafür, die Y-Trasse zu begraben und stattdessen bestehende Schienenstrecken auszubauen. „Das wäre preiswerter, leistungsfähiger und schneller zu realisieren“, notiert beispielsweise der Berliner Verkehrsexperte Michael Holzhey, der für das Umweltbundesamt eine Studie über die Y-Trasse verfasst hat.

Das war im Sommer, als die Pläne für die zusätzliche Güterumfahrung noch nicht öffentlich bekannt waren. Noch zu Beginn des Jahres hatte die Bahn auf eine Anfrage der HAZ hin dementiert, dass es überhaupt welche gibt. Nun sind sie auf dem Markt. Genaue Trassenverläufe gibt es zwar noch nicht, aber eines ist klar: Eine Güterstrecke im Nordosten der Region würde mit dem Trunnenmoor ein Naturschutzgebiet sowie die Wälder in der Gegend tangieren, verliefe in der Nähe von Baugebieten Burgwedeler Ortsteile wie etwa Engensen und würde Burgdorf-Otze zwischen zwei Bahnstrecken einzwängen – alles Dinge, die geeignet sind, Anwohner und Politiker aufzuschrecken.

Chilla erwartet bei den Betroffenen einen Effekt, den er vor zehn Jahren bei sich selbst verspürt hat: „Erst ist man fassungslos, dann arbeitet man sich in die Sache ein und entschließt sich zum Protest.“ Könnte sein, dass bei der nächsten Versammlung der 250 Mitglieder zählenden Initiative neue Gesichter zu sehen sind. Interessenten aus dem Burgwedeler Raum haben sich jedenfalls schon beim Vorsitzenden gemeldet. „Ich habe ziemlich viel telefoniert in den vergangenen Tagen“, sagt er. Schilder mit dem speziellen Nein, dem mit dem „y“, hat er auch noch vorrätig.

Die Y-Trasse

● Das Y: Bahn und Bund planen eine Trasse entlang der Autobahn 7 auf deren Westseite. Bei Visselhövede in der Heide würde sie sich Richtung Hamburg einerseits und Bremen andererseits verzweigen, daher der Name. Neu ist die zusätzliche Güterumfahrung in der Region Hannover.

● Das Ziel: Mit der Neubaustrecke sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden. Außerdem will man erreichen, dass sich schnelle Personen- und langsame Güterzüge nicht mehr ins Gehege kommen.

● Der Planungsstand: Für die eigentliche Y-Trasse ist die Raumordnung abgeschlossen, es müsste das Planfeststellungsverfahren folgen. Baubeginn könnte 2016 sein, Fertigstellung vier Jahre später. Bei der Güterumfahrung ist man längst nicht so weit; zunächst stünde das Raumordnungsverfahren an.se

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