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Die vielen Leben des falschen Professors

Betrüger verurteilt Die vielen Leben des falschen Professors

Jahrelang spielte Christian P. Gläubigern, Geliebten und seiner Frau etwas vor. Mindestens 87.000 Euro hat der 44-Jährige innerhalb von vier Jahren ergaunert. Am Donnerstag wurde der Hochstapler vom Amtsgericht Hannover zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. 

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Christian P. wird in diesem Verfahren von Anwältin Antje Heister vertreten – zu den Opfern seiner Betrügereien zählten auch etliche Anwälte.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Nein, dieser Mann führte kein Doppelleben. Er führte ein Dreifach-, Vierfach- oder Fünffachleben – außer ihm weiß das keiner so genau. Christian P. brachte Banken und Firmen um ihr Geld, betrog Anwälte und die Klosterkammer. Und er führte Frauen hinters Licht. Beredt, charmant, gut angezogen. Jahrelang spielte der Mann mit dem dunklen Vollbart ihnen vor, er sei Doktor oder Professor mit gutem Einkommen. Spielte ihnen immer neue Szenarien aus seinen Fantasiewelten vor, die ihn irgendwann sogar als Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA auswiesen. Auch diese Frauen betrog er um ihr Geld – und ihr Vertrauen. Am Donnerstag wurde der 44-jährige Hochstapler vom Amtsgericht Hannover zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, für gewerbsmäßigen Betrug in 14 Fällen, für Titelmissbrauch und Urkundenfälschung.

Das Urteil fiel relativ milde aus, weil P. alle Tatvorwürfe einräumte und der Prozess verkürzt werden konnte. Doch Staatsanwalt Eike Kassebaum wies darauf hin, dass in diesem Verfahren nur die Spitze des Eisbergs sichtbar wurde – eine Spitze, die immerhin eine Schadenssumme von 87.000 Euro zutage förderte. Und frische Verfehlungen aus 2015 lassen darauf schließen, dass der falsche Professor unbelehrbar ist.

Hochstapler protzt mit falschen Titeln

Die Taten, über die ein Schöffengericht unter Vorsitz von Olaf Wöltje gestern urteilte, beging Christian P. zwischen 2010 und 2014. Er erschlich sich unter Vorlage gefälschter Namen und Gehaltsabrechnungen Darlehen bei verschiedenen Banken. Er eröffnete Girokonten und schöpfte den Dispokredit jeweils bis ans Limit aus. Gab sich als Professor der Unis Hannover und Göttingen aus, firmierte im Briefverkehr als „Doctor of Philosophy“ (PhD) und protzte mit Monatseinkommen zwischen 4700 und 9500 Euro. In Summe betrog der Mann mit der Großmannssucht Bankinstitute um mehr als 50.000 Euro. Einem Telefonanbieter blieb er 5000 Euro schuldig, zwei Rechtsanwälte forderten vergeblich 2500 sowie 1900 Euro Honorar ein und eine Umzugsfirma 1100 Euro.

Seinen Einfallsreichtum beim Betrügen stellte P. auch 2011 unter Beweis. In der Oststadt hatte eine Elterninitiative der Caritas-Kita St. Josefina einen tollen Plan entwickelt: Um einen dringend benötigten Hort zu bekommen, wollten die Eltern aus eigenen Mitteln ein Gebäude bauen. Zur Finanzierung gründeten sie eine Stiftung, die emsig Geld sammelte – etwa mithilfe eines Benefizkonzerts von Terry-Hoax-Sänger Oliver Perau alias Juliano Rossi. Christian P., der in der Nachbarschaft wohnte und dessen zwei Kinder damals vier Jahre und ein Jahr alt waren, gab sich gegenüber der Klosterkammer als Professor und Mitglied des Fördervereins von St. Josefina aus, präsentierte ihr eine Rechnung für das Projekt „Kids meet Jazz and Swing“ mit Oliver Perau. Die Kammer überwies ihm 2700 Euro aufs Privatkonto – nichts ahnend, dass Perau unentgeltlich aufgetreten und ein kleinerer Betrag für seine Band bereits vom Förderverein beglichen worden war.

Angeklagter ist seit 2001 nicht mehr berufstätig

1990 hatte P. eine Ausbildung zum Facharbeiter für Mess- und Regeltechnik abgeschlossen, 1991 erwarb er in Dresden die Fachhochschulreife. Später studierte er in Hannover Mathematik und Maschinenbau und war als studentische Hilfskraft tätig, brach diese Ausbildungsgänge aber wieder ab. 2001 lernte er seine Frau kennen, eine Gymnasiallehrerin für Mathematik. Seither ist P. offenbar nie mehr berufstätig gewesen, dafür begann er, an seiner akademischen Scheinkarriere zu stricken. Um mit seiner Ehefrau „mithalten“ zu können, spielte er ihr vor, an wichtigen Projekten am Institut für Zeitgeschichte oder an der Berliner Humboldt-Uni beteiligt zu sein.

Als die Lehrerin 2014 vom falschen Leben ihres Mannes erfuhr, war sie fassungslos. Inzwischen läuft die Scheidung, die Frau hat die Kinder unter ihrer Obhut. „Sie hält mich für geistesgestört, darum darf ich die Kinder nur noch in ihrer Gegenwart sehen“, erklärte P. gestern vor Gericht. Unterstützung erfahre er noch von seinen Eltern, die Bauunternehmer seien. Doch ob dies stimmt und wie weit ihre Unterstützung reicht, blieb gestern ungeklärt.

Affäre leiht P. 55.000 Euro

Einen bewegenden Auftritt vor Gericht hatte gestern eine andere Frau, eine 42-Jährige, mit der P. zwischen 2009 und 2014 eine intensive Affäre hatte. In der Anklageschrift aufgelistet war ein Privatdarlehen von 8900 Euro, dass P. der Bankmitarbeiterin schuldig geblieben war. In Wahrheit, so berichtete sie unter Tränen, habe sie dem 44-Jährigen über die Jahre 55.000 Euro geliehen. Als sie entdeckte, dass Inkassofirmen unerklärliche Forderungen an sie richteten und P. seit Jahren eine weitere Beziehung zu einer Frau in Hamburg unterhielt – die ihm ebenfalls viel Geld borgte –, kam die Lawine ins Rollen. „Da hat sich dann ein Panorama des Schreckens eröffnet“, sagte die Geliebte. Säckeweise schleppte die Polizei unbezahlte Rechnungen, gefälschte Personaldokumente, Siegelstempel und Strafbefehle aus der Wohnung. Die Ermittlungen förderten auch Hinweise auf weitere Affären zutage.

Verteidigerin Antje Heister sprach davon, dass ihr Mandant unter „Realitätsverlust“ und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leide, aber kein Berufskrimineller sei. Ohne psychologisches Gutachten, so Olaf Wöltje, könne das Gericht aber gar nicht beurteilen, ob P. psychisch krank sei – oder halt nur ein abgezockter Betrüger. Doch solch ein Gutachten hatte selbst die Verteidigung nicht verlangt; möglicherweise hätte dem Hochstapler damit sogar die Einweisung in die Psychiatrie gedroht.     

Falsches Spiel auf allen Ebenen

Frühere Strafen waren wirkungslos: 2014 wurde Christian P. bereits je zweimal wegen Betrugs und Titelmissbrauchs zu Geldstrafen verurteilt. Auch gab es bereits mehrere Zivilverfahren gegen ihn. Viele Firmen aus dem In- und Ausland, die offene Rechnungen reklamierten, hatten aber schon aufgegeben: P. gab vor, nach Milwaukee in den US-Bundesstaat Wisconsin verzogen zu sein.

Lernfähig ist der 44-Jährige offenkundig nicht. Erst 2015 bezog er eine Wohnung in der List, für die er keine Miete zahlte. Weil er wieder unter falscher Flagge segelte, läuft ein neues Verfahren wegen Urkundenfälschung, Einmietbetrug und Titelmissbrauch gegen ihn. „Er hat sich beim Vermieter als Kriminaldirektor der Polizeidirektion Hannover ausgegeben, also praktisch als mein Chef“, erzählte eine fassungslose Ermittlerin vor Gericht. Auch hier waren wieder gefälschte Gehaltsabrechnungen im Spiel.

Staatsanwalt Eike Kassebaum sprach von einem „Riesenbrocken“ von Verfahren im Wartestand, die noch auf P. zukommen könnten. Und Richter Olaf Wöltje mahnte, P. müsse sein Leben „komplett auf links ziehen“, um noch einmal Fuß zu fassen: „Bislang haben Sie aber nicht mal im Ansatz versucht, den Schaden wiedergutzumachen.“

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Ein falscher Professor soll in vier Jahren rund 75  000 Euro ergaunert haben. Mit gefälschten Gehaltsabrechnungen und falschen Titeln, so die Staatsanwaltschaft, erschlich sich Christian P. bei Sparkasse, Deutscher Bank und Ikano Bank mehr als 50 000 Euro. Er steht nun vor dem Amtsgericht.

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