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Diese Frauen suchen Wohnungen für Flüchtlinge

Nachbarschaftskreis Mitte Diese Frauen suchen Wohnungen für Flüchtlinge

Ein Nachbarschaftskreis hilft Flüchtlingen bei der Suche nach Wohnungen. 
Doch viele Vermieter haben Vorbehalte. Für Ehrenamtliche gibt es zwei Probleme: 
Das Telefon und die Besichtigung. Eine Begleitung durch ein ganz normales Wochenende.

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Suchen, mitgehen, packen: Heidi Cramm (v. l.), Antje Porada, Carina Behrens, Myriam Hummel, Ulrike Pieper-Bierich und Kerstin Rood helfen Flüchtlingen.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Heidi Cramm ist früh aufgestanden im Haus. Besser Zeit gewinnen, die Konkurrenz schläft nicht, denn, wie die Redewendung sagt: Der frühe Vogel pickt den Wurm. Bei der Suche nach seltenen Gütern gilt das umso mehr, oft erhält den Zuschlag, wer zuerst auf der Matte steht. Also kocht sie schnell einen Kaffee, holt die Zeitung aus dem Kasten und flöht am Glasschreibtisch, umgeben von Literatur, Kunstbänden und Büchern über Filme, Wohnungsanzeigen. Sie sucht nicht für sich, Heidi Cramm textmarkert auf eng bedruckten Seiten Annoncen, die für Flüchtlinge geeignet sein könnten. Kleine Wohnungen und größere, Stadtteil egal, Lage egal. Zwei Bedingungen müssen Eigentümer erfüllen: an Flüchtlinge vermieten und einverstanden sein, dass der Staat bezahlt. Es sind zwei Probleme zu viel.

Seit März telefoniert Heidi Cramm für die Flüchtlingshelfer vom Nachbarschaftskreis Mitte, Arbeitsgruppe Wohnungssuche. Manchmal findet sie fünf oder sechs Adressen an einem Sonnabend, manchmal keine. Kommt ein Termin zustande, ruft sie weitere Helfer an. Wer Zeit hat, begleitet sie zur Besichtigung, oft noch am selben Tag. Die Bilanz nach einem halben Jahr, an diesem Sonnabendmorgen: Kein einziger Flüchtling hat bei privaten Vermietern eine Wohnung gefunden. Auf Internetportalen guckt wegen geringer Erfolgsaussichten niemand mehr nach. Frau Cramm beschreibt die Lage lieber zurückhaltend: „Es ist sehr mühselig.“

Dabei ist heute eigentlich ein guter Tag, fünf Wohnungen hat sie angestrichen. Die Auswahl gibt das Job-Center vor. Es zahlt Miete und Kaution, wenn die Räume angemessen sind im Sinne des Gesetzes. Eine Person darf auf höchstens 50 Quadratmetern leben, die in Hannover höchstens 372 Euro teuer sein darf, Nebenkosten inklusive, Heizung exklusive. Für vier Personen, also auch Familien, liegt die Obergrenze bei 85 Quadratmetern für höchstens 608 Euro. Flüchtlinge sind Hartz-IV-Empfängern gleichgestellt. Sie werden nicht bevorzugt, eher sind sie im Nachteil.

Heidi Cramm telefoniert mit Inserenten. Erwähnt sie dieses Wort, Flüchtling, passieren verschiedene Dinge. Einer sagt, er ruft zurück. Er wird es nicht tun. Der nächste erklärt, er will keine Asylbewerber, weil er gehört hat, dass die auf Fußböden Feuer machen und Essen kochen. Ein Dritter sagt, er unterstützt nicht, dass Merkel im fortwährenden Rechtsbruch Illegale ins Land holt. Einer sagt, Sonntag ist Besichtigung, der Flüchtling soll kommen. Der Fünfte behauptet, er ist nur Vermittler, über Nebenkosten will er angeblich nichts wissen. Nach diesen Gesprächen notiert Heidi Cramm: „Sonntag, 13 Uhr, Nordstadt“. Kurz danach klingelt bei Carina Behrens das Handy.

Einen Tag später, Sonntagmittag. Die Studentin Carina Behrens steht mit Carven, einem jungen Mann aus Eritrea, in einer leer geräumten Wohnung in der Nordstadt, die Vormieter saugen gerade noch mal durch. Der 20-Jährige ist als Flüchtling anerkannt, es droht keine Abschiebung, jetzt möchte er mit einem Freund einziehen, die Wohnung mit ihren zwei Zimmern gefällt ihm. Doch die Konkurrenz ist groß, mindestens ein Dutzend Bewerber haben sich bisher zum Besichtigungstermin angemeldet, und es ist erst 12 Uhr.

Im dritten Stock ist der Wettbewerb in vollem Gange, kleine Wohnungen sind begehrt in Hannover. Resolut schreitet ein Elternpaar die Räume ab, es sucht eine Wohnung für die Tochter. Vater klopft an Wände, prüft, ob Fenster dichten, während die Mutter charmant mit einem älteren Herrn am Eingang plaudert, es ist der Vermieter. Carven steht ein wenig verloren im Raum, er dreht noch mal eine Verlegenheitsrunde durch Zimmer, Küche, Bad. Ob es nicht besser wäre, er würde offensiver auftreten? Deutsch spricht er recht gut, aber er redet sehr leise. „Die Jungs wollen ja nichts Falsches sagen“, meint Begleiterin Carina Behrens. Deshalb ist sie es, die Vermietern von der Situation der Flüchtlinge erzählt. Vom Asylstatus, dass das Job-Center Miete und Kaution zahlt und der Nachbarschaftskreis Flüchtlingen auch dann hilft, wenn sie in Wohnungen eingezogen sind. Für Eigentümer kann das ein wichtiger Hinweis sein. Sie wissen, dass sie deutsche Ansprechpartner haben, wenn es etwas zu regeln gibt. Zum Beispiel mit dem Job-Center. Die Behörde ist für viele Vermieter ein rotes Tuch. Auch die Helfer erzählen, dass die erste Miete oft zu spät kommt und es Probleme mit der Kaution gibt. Die Behörde räumt ein, dass es zu Verzögerungen kommen kann. Das liege aber oft daran, dass Unterschriften unter Mietvertrag oder Kautionserklärung fehlten. Eine Sprecherin erklärte, dass Vermieter aber in jedem Fall sicher sein könnten, ihr Geld zu bekommen.

In der Zweizimmerwohnung in der Nordstadt erscheint der nächste Bewerber, ein junger Mann, seine Baseballkappe sitzt verkehrt rum auf dem Kopf. Ob die Küche zur Wohnung gehöre oder der Vormieter Abstand wolle? Abstand ist vermutlich kein Wort, das im Sprachkurs Deutsch vorkam, Carven vertraut auf Carina Behrens. Das Ehepaar hätte nun doch gerne neue Fenster eingebaut bekommen, ob das möglich wäre? Eine Killerfrage. Der Vermieter will nicht, die Tochter ist aus dem Rennen, ein Konkurrent weniger für den jungen Man aus Eritrea. Dass der ältere Herr sich nach dem Schicksal von Carven erkundigt, wertet seine Begleiterin als gutes Zeichen. Sie sei froh, sagt sie, wenn überhaupt jemand bei Besichtigungen länger als 30 Sekunden mit uns redet. Carven schreibt schließlich seinen Namen in eine Interessentenliste, auch Carina Behrens tut das, als Kontaktperson und diejenige, die sich später um den ganzen Papierkram kümmern würde.

Unterdessen suchen immer mehr Flüchtlinge eine Wohnung. Weil es zu wenige gibt, leben etliche schon deutlich länger in Unterkünften, als es die Stadt vorsah. Allein beim Nachbarschaftskreis sind inzwischen 50 Namen notiert, die Helfer suchen 25 Wohnungen, auch für Familien. Behrens sagt: „Unsere Liste wird länger, länger, länger.“ Aber wenn es in der Vergangenheit gelungen ist, Wohnungen zu vermitteln, dann waren es immer private Kontakte von Ehrenamtlichen, die zu Mietverträgen führten. Zehn Kontrakte waren es bisher, 15 Flüchtlinge haben eine Wohnung gefunden. Um das Angebot zu erweitern, wollen die Umzugshelfer bald auch Genossenschaften anschreiben. Vielleicht wird dann auch eine weitere Hilfe der AG Wohnungssuche stärker gefragt: der Umzugsservice, jetzt auch mit Leihautos von Stadtmobil.

Die Geschichte aus der Nordstadt ist am Ende gut ausgegangen. Carina Behrens bekommt einen Mietvertrag für Carven. Nach einem langen Telefongespräch mit dem Vermieter („Wir überlegen noch.“) hatte sie lange nichts gehört. Dann lag sie richtig mit ihrem Gefühl, dass Funkstille kein schlechtes Zeichen sein muss. „Nein sagen, das geht schneller. Absagen kommen immer sofort.“ Jetzt hat sie, gemeinsam mit Heidi Cramm, endlich einen ersten Flüchtling untergebracht. Es dauerte ein halbes Jahr.

Bundespräsident Gauck ehrt den Nachbarschaftskreis

Hohe Auszeichnung für den Nachbarschaftskreis Mitte: Stellvertretend für seine rund 300 ehrenamtlichen Helfer reist Sprecherin Anne Gast am Freitag zum Bürgerfest von Bundespräsident Joachim Gauck. Im Schloss Bellevue empfängt er rund 4000 Menschen aus ganz Deutschland, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht haben. „Wir sind glücklich über diese Wertschätzung“, sagte Gast.

Zu der Einladung kam es, weil die Initiative zunächst auf regionaler Ebene den Preis „Helferherzen“ der Drogeriekette DM gewonnen hat, eine Jury würdigte das Engagement der Flüchtlingshelfer mit 1000 Euro. Später zählte der Nachbarschaftskreis Mitte unter fast 10 000 Bewerbern zu den 13 Siegern auch auf nationaler Ebene. Kooperationspartner des Unternehmens ist unter anderem die Deutsche Unesco-Kommission. Weil die Drogeriekette, wie auch andere Unternehmen, Partner des präsidialen Bürgerfestes ist, gelangte die Einladung nach Berlin auch zum Nachbarschaftskreis nach Hannover.

Die Ehrenamtlichen kümmern sich um bis zu 600 Flüchtlinge in vier Unterkünften und Wohnungen in mehreren Stadtteilen. Mittlerweile koordiniert eine hauptamtliche Teilzeitstelle, gefördert durch überwiegend kirchliche Einrichtungen, die Arbeit aus Sprachkursen, Behördengängen, Arztbesuchen, Wohnungssuche und Freizeitangeboten.     

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