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Dieser Osterspaziergang hätte auch Goethe gefallen

Zum Nachgehen Dieser Osterspaziergang hätte auch Goethe gefallen

Ab in den Deister: HAZ-Redakteur Bernd Haase entdeckt den berühmtesten Spaziergang der Geschichte neu. Auf den Spuren des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe ist er im Deister unterwegs gewesen zu einem Osterspaziergang, den Sie nachlaufen können.

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Ein Osterspaziergang frei nach Goethe durch den Deister: Ein Streckenvorschlag von HAZ-Redakteur Bernd Haase.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Der Osterspaziergang aus Goethes „Faust“ dürfte der bekannteste Spaziergang in der deutschen Literatur sein - obwohl er in dem Drama weder so heißt noch das Wort Ostern in den 38 Verszeilen überhaupt auftaucht. Die Szenerie im „Faust“, zu der es gehört, heißt „Vor dem Tore“. Der Protagonist beobachtet von einer Anhöhe aus promenierendes Volk. Dass er das am Ostersonntag tut, erschließt sich aus der Textzeile „Sie feiern die Auferstehung des Herrn“. Wie auch immer: Die Worte Ostern und Spaziergang gehören seit Goethes Zeiten zusammen wie Ostern und Ei. Also los.

Eine Szenerie mit Anhöhe, Strom, Bach und Stadt wie im „Faust“ kann man in Hannover schwerlich nicht finden. Wir entscheiden uns deshalb für den Osterspaziergang für eines der schönsten Waldtäler im Deister, das Bullerbachtal bei Barsinghausen. Wir brauchen feste Schuhe und nehmen außerdem etwas Fantasie ins Wandergepäck.

Startpunkt ist beim Naturfreundehaus Barsinghausen, was dem Dichterfürsten als naturwissenschaftlich interessierten Menschen und akribischen Naturbeobachter wohl gefallen hätte. Das Haus liegt am Bullerbach. Der ist natürlich vom Eise befreit, wozu es des Frühlings holden, belebenden Blickes nicht unbedingt bedurft hätte. Der Winter war dieses Jahr nicht nur vor dem Rückzug schwach, sondern die ganze Zeit über. Ob er noch einmal Schauer körnigen Eises schicken wird, ist eher zweifelhaft.

Wir gehen den Hauptweg rechts des Bullerbachs, der sich ein wenig träge durch die grünen Wiesen schlängelt. Es geht durch alte Buchenbestände Richtung Berliner Platz (so etwas gibt es hier), der nach 700 Metern erreicht ist. Hier gabelt sich der Weg Richtung Kamm und Kreuzbuche. Wir entscheiden uns für die schräg links führende Variante. Kurze Bestandsaufnahme: Von grünender Flur, wie es bei Goethe heißt, ist bislang nur ansatzweise etwas zu entdecken, von Blumen im Revier schon gleich gar nichts. Die Sonne will zwar auch hier alles mit Farben beleben, aber man muss genau hinsehen, wenn man erste Erfolge sehen will. Unten an den Bäumen hängt noch Restlaub vom Vorjahr, aber ganz oben, wo die Sonne leichter hinkommt, entdeckt man erste Triebe.

Ein Osterspaziergang im Deister – frei nach Goethe.

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Unterwegs stoßen wir immer wieder auf Tafeln mit Angaben zum Kohlebergbau, der früher im Bullerbachtal betrieben wurde. Weil die Flöze nicht mächtig waren, mussten die Bergleute in quetschender Enge ihr Werk verrichten und waren sicherlich froh, wenn sie nach der Schicht wieder ans Licht gebracht wurden. Wir überqueren den Bach, es kommt ein steileres Stück. Dann macht der Weg eine Spitzkehre; das Gelände wird flacher. Bald ist die Kreuzbuche auf dem Deisterkamm erreicht. Wir sind jetzt vier Kilometer gelaufen.

Von der Kreuzbuche aus folgen wir dem Wegweiser Richtung Hohenbostel. Durch den Wald kann man Blicke ins Tal erhaschen. Gewimmel, manchmal auch buntes, findet aber nur in den noch lichten Bäumen statt. Die Vögel sind mit ihren Frühjahrsaktivitäten zu Gange, dabei lebhaft und gar nicht scheu.

Bald geht es nun bergab. Wir nehmen an der nächsten Abzweigung den Weg Richtung Barsinghausen. Er heißt Königsallee, sieht aber gerade nicht ganz so aus. Wie an vielen Stellen im Deister sind noch die Spuren des Holzeinschlags zu sehen. Stämme liegen am Wegrand, schwere Fahrzeuge haben ihre Spuren hinterlassen. So erreichen wir wieder den Berliner Platz und gehen die vom Hinweg vertraute Strecke zurück zum Naturfreundehaus.

„Hier ist des Volkes wahrer Himmel, zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ monologisiert der Faust am Ende des Osterspaziergangs. Wenn für diesen Seelenzustand ein kühles (oder warmes) Getränk und eine Kleinigkeit zum Essen als Grundlage reichen, dann ist man am Naturfreundehaus gut bedient.

Hier geht´s lang

Hin und weg: Mit dem Auto ist Barsinghausen von Hannover aus über die Bundesstraße 65 oder die Autobahn 2, Abfahrt Kolenfeld, zu erreichen. Über die Wilhelm-Heß-Straße geht es zum Naturfreundehaus, das ausgeschildert ist. Achtung: Es gibt dort wenig Parkplätze. S-Bahnen der Linien 1 und 2 halten in Barsinghausen. Der Weg vom Bahnhof führt über die Bahnhofstraße, durch die Fußgängerzone und die Kaltenbornstraße zum Naturfreundehaus. Das sind auf Hin- und Rückweg jeweils knapp zwei Kilometer, womit der Spaziergang schon zu einer ausgewachsenen Wanderung wird.

Profil : Die geschilderte Schleife durch den Deister ab Naturfreundehaus ist gut sieben Kilometer lang und nicht anspruchsvoll. Ein kleines Steilstück im Bullerbachtal muss man aber in Kauf nehmen. Die Wege sind gut ausgebaut; feste Schuhe sollte man auf jeden Fall tragen.

Einkehren : Im Naturfreundehaus (geöffnet täglich außer donnerstags von 11 bis 18 Uhr, Betriebspause in der Woche nach den Feiertagen) gibt es alles, was dem Wanderer schmeckt. Ansonsten gibt es unterwegs nichts – es sei denn, man packt seinen Rucksack.

Einen Originalweg gibt es nicht

Historisches Vorbild für Goethes Faust ist der mittelalterliche Alchimist und Astrologe Johann Georg Faust, der überwiegend im Schwarzwald lebte. Goethe wiederum hat seinen Faust in Leipzig und im Harz angesiedelt. Wo genau der Gelehrte und sein Schüler Wagner in der Tragödie am Ostersonntag entlang spaziert sein sollen, lässt der Dichter offen (eines ist aber sicher: Im Deister war es nicht). Es gibt folglich keinen Originalweg, den man nachlaufen könnte.
Literarisch handelt es sich bei der berühmten Szene aus dem „Faust“ um einen Monolog – der Protagonist spricht, Wagner hört zu. An dem Werk ist viel heruminterpretiert worden; es gibt zwei Ansätze: Betrachtet man das Gedicht isoliert vom Gesamtwerk, geht es um das österliche Aufblühen der Natur und der Stadtbewohner in ihr nach dumpfen Wintertagen. Der Dichterfürst vergleicht die Auferstehung des Herrn mit der der Menschen. Das führt am Ende zu der Schlussfolgerung, dass man ein Paradies nicht nur im Himmel finden kann, sondern schon während des Erdendaseins („Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“).

Im Kontext der Tragödie spiegelt der Spaziergang die Lage des Faust. Der Gelehrte wird bis zu dieser Textstelle nur als von trüben Gedanken und Zweifeln geplagt in seinem Studierzimmer hockender Mann beschrieben. Als er das erste Mal an die frische Luft kommt, beflügelt ihn das, und die Geschichte kann ihren letztlich verhängnisvollen Lauf nehmen.

Heutige Osterspaziergänger dürften den ersten Interpretationsansatz sympathischer finden.

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