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Aus der Stadt So geht Bleigießen richtig
Hannover Aus der Stadt So geht Bleigießen richtig
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00:15 03.01.2016
Von Susanna Bauch
Wenn die Masse vorsichtig und langsam aus geringer Höhe in den Teller mit Wasser geschüttet wird, entstehen stabile und breite Formen, weiß Dieter Schwetje. Fotos: Surrey Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Den Ofen für die Werkstatt hat Dieter Schwetje selbst gebaut. Eine simple Tonne, ausgekleidet mit feuerfesten Matten - und schon können im Werkraum der IGS Stöcken Metalle bei bis zu 1600 Grad Celsius geschmolzen werden. „Wir formen und gießen hier noch wie vor 3000 Jahren.“ Schwetje muss es wissen. Er ist zwar schon 81 Jahre alt, aber immer noch als einer der letzten „Former“ - heute Gießereimechaniker - im Einsatz. Jahrzehntelang hat der Hannoveraner Formen hergestellt, in die dann flüssiges Metall gegossen wurde. Und in den vergangenen Jahren hat er dazu beigetragen, mit bühnenreifen Darbietungen für das Chemieunternehmen Hüttenes-Albertus auf der Ideenexpo Nachwuchs anzulocken.

Kurz vor Silvester hat die Schulwerkstatt zwar geschlossen, Schwetje und Ausbilder Matthias Kramer schließen für die HAZ trotzdem auf und werfen den Ofen an, um eine kleine professionelle Bleigieß-Vorführung zu geben. Schließlich versammeln sich zum Jahreswechsel viele Familien zum traditionellen Bleigießen. Fertigpackungen mit dünnen Metallplättchen, Löffeln und Orakelheftchen gehören zur Grundausstattung, um mehr oder weniger verlockende Verheißungen für das kommende Jahr zu „gießen“. „Blei befindet sich in den allermeisten Fällen gar nicht mehr in den Schachteln“, verrät Schwetje. Schließlich enthalte es Gifte. Daher werde meist mit Zinn gearbeitet, „dazu noch ein bisschen Wismut, das schmilzt dann auch schneller“.

In der Schulwerkstatt wird aber nicht mit Löffelchen und Kerze gearbeitet, sondern mit Bunsenbrenner, Kelle und Greifzange. So wird der Schmelzpunkt von rund 300 Grad Celsius schnell erreicht, den es braucht, um die Metallstücke zu verflüssigen. Für den Vorführeffekt haben Kramer und Schwetje zwei Behälter mit Wasser aufgestellt: einen kleinen Eimer sowie einen alten Porzellanteller mit nur wenig Wasser. „Schüttet man die flüssige Bleimischung mit Schwung in den Eimer, dann zerspringen die Einzelteile und es entstehen wahre Fantasiegebilde, die meistens schnell bröckeln“, betont Schwetje, der bis zu seiner Rente als Former und Gießer bei Wohlenberg gearbeitet hat. Wenn die Masse aber vorsichtig und langsam aus geringer Höhe in den Teller geschüttet wird, entstehen stabile und breitere Formen. „Kinder kippen die Flüssigkeit oft ganz schnell ins Wasser, da braucht man dann wirklich viel Fantasie, um danach Figuren zu erkennen“, sagt Kramer. Fazit sei daher: Je länger der Weg vom Löffel zum Wasser, umso rätselhafter die geformte Masse.

In der Stöckener Werkstatt sind beim vorsichtigen Gießen richtige kleine Wunderwerke entstanden: Ein fliegendes Pferd, ein Jaguar, ein Wappen, eine Primaballerina etwa. Dass das bei den Fertigpackungen für die Silvesternacht meist nicht so optimal gelingt, liegt nicht nur an Material und Bunsenbrenner. „Die Pressportionen aus der Packung sind viel zu dünn, da sollte man schon drei bis vier zusammen schmelzen, um etwas Ordentliches herauszubekommen“, sagt Schwetje. Und er warnt zudem davor, auch mit den Einfachsets allzu sorglos umzugehen. „200 bis 300 Grad werden auch auf dem Löffel über der Kerze erreicht. Daher sollte man das traditionelle Bleigießen vorsichtshalber in die Küche verlagern, wo die Böden gefliest sind.“ Auch Schutzbrille und Handschuhe sollten benutzt werden. Schwetje selbst hat privat kein Blei mehr gegossen, seit er fünf Jahre alt war. „Ich kann da nichts mit anfangen.“ Und dann das Orakeln. Früher seien dafür die Medizinmänner zuständig gewesen, und die hätten nicht nur Gutes vorhergesagt.

In der Tat kann der Brauch der Wahrsagerei bis zu den alten Griechen zurückverfolgt werden. Auch die Römer verwendeten geschmolzenes Blei zur Zukunftsdeutung. Während des Dreißigjährigen Krieges schmolzen Knechte und Jäger ihre Bleikugeln, um in ihre Zukunft zu blicken. Im Mittelalter wurde traditionell am 30. November Blei gegossen, am Andreastag, an dem Menschen ihr Los oder Schicksal erfahren wollten und natürlich auch ihre Zukunft in Liebesdingen.

Kurz vor den Weihnachtsferien haben Kramer und Schwetje in der Schulwerkstatt aber auch noch ganz klassische Formen gegossen: vierblättrige Kleeblätter. Dafür werden Wachsmodelle unter feinem Grubensand in zwei Kästen gedrückt und mit einer Öffnung versehen, in die dann langsam das im Ofen verflüssigte Metall läuft. Nach zehn Minuten ist das Material fest, die Erde wird gelockert, und die Kleeblätter dampfen noch ein bisschen vor sich hin. 1950 hat Dieter Schwetje seinen Beruf erlernt, seit dieser Zeit hat er auch jede Menge Figuren für seine Privatsammlung geformt und gegossen. „Bei uns steht alles voll, durchaus zum Leidwesen meiner Frau“, schmunzelt der Profi-Gießer. Ein Grund mehr, warum im Hause Schwetje das silvesterliche Bleigießen keine Chance hat.

Das bedeuten die Zeichen

Was die Zeichen bedeuten: Sollte sich aus der Flüssigmasse überhaupt ein zusammenhängendes Gebilde geformt haben, kann es losgehen mit der Deutung. Dabei ist außer viel Fantasie vor allem auch Mut zum Orakeln gefragt. Anders als in alten Zeiten stehen die gegossenen Silvestersymbole heute fast ausnahmslos für gute Aussichten ins kommende Jahr.
Beispiele fürs Orakeln, an die man sich aber nicht sklavisch halten muss:
Auto: Langes Leben
Auge: Alkohol meiden
Ball: Sport treiben
Biene: Heiratsaussichten
Brille: Weisheit
Falke: Eifersucht
Fass: Wohlstand
Frosch: Lottogewinn
Glocke: Erbschaft/Nachwuchs
Flasche: Gute Freundschaft
Hahn: Achtung, Feuer
Hirsch: Gewinn in Aussicht
Krone: Reichtum
Leiter: Beförderung
Mond: Hohe Ehrung
Nest: Glückliche Familie
Pantoffel: Hochzeit
Pflug: Härter arbeiten
Rad: Große Veränderungen
Reiter: Dauerhaftes Glück
Sack: Angebot annehmen
Schlüssel: Vorhaben gelingt
Schwamm: Seele reinigen
Sonne: Grenzenloses Glück
Tänzerin: Locker bleiben
Torte: Übergewicht
Vase: Neue Liebe
Wurm: Nur wenig Erfolg
Würfel: Lottogewinn
Zange: Entscheidung
Zwerg: Unterschätztes Ich
Zeppelin: Alles wird gut
Über den Wahrheitsgehalt dieser Deutungen kann nur orakelt werden. Grundsätzlich empfiehlt sich, das Begleitheft mit den Symbol-Deutungen vor dem Bleigießen ausgiebig zu studieren, um angesichts eines Häufchen Zinngekrümels die Fantasie sofort in die gewünschte Richtung lenken zu können.

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