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Das sollen Denkmale sein?

Diskussion Das sollen Denkmale sein?

Immer öfter werden Bauwerke der Betonepoche unter Schutz gestellt. Zum Teil mit skurrilen Ergebnissen, wie sich jetzt am Landtag zeigt. Am Wochenende diskutiert der Niedersächsische Denkmaltag in Hannover den Umgang mit den ungeliebten Immobilien. Ein Interview mit dem Präsidenten des Landesdenkmalamts und vier Beispiele.

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Prof. Stefan Winghart, Präsident vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, vor der Matthäuskirche in der List. 

Quelle: Tim Schaarschmidt

Galerie 
Kubus

Hannover.

Geschliffener Beton prägt die Fassade der städtischen Kunstgalerie Kubus, in deren fast rechteckigen Räumen mit den runden Oberlichtern im Obergeschoss es wechselnde Ausstellungen regionaler Künstler gibt. Als die HAZ 2010 über Abrisspläne für den Sechzigerjahre-Bau schrieb, ging ein Sturm der Entrüstung durch die Kulturszene. Mit Erfolg: Das Gebäude am Theodor-Lessing-Platz bleibt erhalten und steht mittlerweile auch unter Denkmalschutz. Es gehört baulich zu dem ehemaligen Volkshochschulhaus, das die Stadt an Investor Gregor Baum verkauft hat, wird aber künftig eigenständig betrieben.

Historisches Museum

Mittelalter und Sichtbeton – Hannovers Nachkriegs-Architekturkoryphäe Dieter Oesterlen hat den Spagat gewagt. In den 1964 bis 1967 errichteten Bau des Historischen Museums bezog er auf der Flussseite der Altstadt den mittelalterlichen Beginenturm und die Natursteinmauer des kriegszerstörten Zeughauses mit ein. Zur Pferde- und Burgstraße aber schuf er einen zeittypischen Bau mit sichtbarem Beton, viel Glas und Stahl. Zur Burgstraße hin nimmt das Gebäude teilweise die kleinteilige Struktur der Altstadt auf: Dort ist die Fassade zurückgestaffelt und vermittelt so einen weniger grobschlächtigen Eindruck.

Parkhaus Osterstraße

Zwei Parkhäuser stehen in Hannover unter Denkmalschutz: Das Sechzigerjahre-Haus an der Schmiedestraße und auch das Parkhaus Osterstraße (Bild). Architekt Heinz Wilke (sein Büro baute auch den Flughafen) ließ sich 1974 für das Parkhaus die verschachtelten Balkone im 60-Grad-Winkel einfallen, die den profanen Zweckbau zu einer Skulptur werden lassen. Unten gibt es die Bowlingbahn und ein Restaurant, oben sind die Büros des Betreibers Union-Boden untergebracht. Der Strukturbeton der Fassade gilt als herausragendes Beispiel für „Béton brut“ (roher Beton) – von dem Begriff leitet sich der Baustil Brutalismus ab.

Sparkasse Karmarschstraße

Mit wuchtigem Sichtbeton präsentiert sich der 1973 errichtete Sparkassenbau an der Karmarschstraße neben der ebenfalls denkmalgeschützten Fünfzigerjahre-Markthalle. 2010 ließ das Geldinstitut das Gebäude gegenüber vom Alten Rathaus behutsam umbauen: Der hannoversche Architekt Claus Peter Schulze verpasste ihm mit größeren Glasfronten, weißen Putzflächen und roten Leuchtstreifen ein zeitgemäßeres Aussehen. Zunächst war darin das Immobiliencenter der Sparkasse untergebracht, jetzt nennt sich der Standort etwas allgemeiner Kompetenzcenter. Am Sonnabend gibt es drei Führungen.

Das Interview

Herr Winghart, Beton gilt in der öffentlichen Wahrnehmung meist als Ausdruck von Brachialbauwerken, von grobschlächtiger Architektur und mittlerweile auch von unansehnlich alternden Fassaden. Sie aber stellen Bauwerke der Betonepoche zunehmend unter Denkmalschutz. Warum?

Im Denkmalgesetz heißt es: Unter Schutz gestellt werden Bauwerke, an deren Erhalt aus historischen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Gründen ein Interesse besteht. Die von Beton, Glas und Stahl geprägte Architektur der späten Sechziger- bis Achtzigerjahre steht dabei für eine ganz besondere Epoche. Der direkte Wiederaufbau nach dem Krieg war abgeschlossen. Mit neuen technischen Möglichkeiten eröffneten sich neue Bauformen. Und zugleich hielt ein neues Denken Einzug: Das Bauen sollte demokratischer werden, nicht mehr hoheitlich, sondern menschlicher.

Allerdings konzipierten die Architekten ihre Gebäude damals oft auch für den erhofften „idealen Menschen“, der sie nutzen sollte, etwa beim Ihme-Zentrum. Nun folgten die meisten Menschen diesem Ideal nicht so recht, die Bauwerke aber sind geblieben. Macht es Sinn, so etwas zu konservieren?

Zur Person

Prof. Stefan Winghart ist seit 2013 Präsident des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege. Von Haus aus eigentlich Archäologe, hatte er zuvor als Landeskonservator in Thüringen und davor 22 Jahre lang als Referent im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gearbeitet. Den 64-jährigen Vater von zwei Kindern zieht es 2017 mit Beginn des Ruhestands wieder nach Süddeutschland.

Die Denkmalpflege will keine historischen Zustände konservieren, das wäre museal. Aber es stimmt: Viele konzeptionelle Überlegungen der modernen Architektur haben sich als wenig menschengerecht herausgestellt. Etwa die Idee, kleine Apartments in regelrechten Wohnmaschinen zu konzipieren, weil sich die Menschen tagsüber in öffentlichen Freiräumen bewegen sollten - die dann aber auf wenig attraktiven Flächen angelegt wurden, im Zweifelsfall sogar unterirdisch wie am Raschplatz oder in der Passerelle, oder zwischen Häuserblöcken wie im Ihme-Zentrum. Das Ihme-Zentrum, Berlins Gropiusstadt oder Münchens Neuperlach - all diese riesigen Wohnentwürfe sind heute soziale Brennpunkte. Für den Denkmalschutz gilt : Erst im Abstand von einer etwa Generation sind wir in der Lage, zu unterscheiden, was mittelmäßige oder auch schlechte Architektur war und was beispielgebend für eine Epoche und damit erhaltenswürdig ist.

Es bleibt also dabei: Das Ihme-Zentrum wird kein Denkmal - obwohl es ja durchaus prägendster Bau dieser Epoche in Hannover ist?

Wir haben das ernsthaft geprüft. Nach dem Kriterium, was beispielgebend für eine Epoche in dieser Stadt steht, hätte das Ihme-Zentrum den Denkmalschutz verdient. Aber es ist in seiner Erscheinungsform und in der Grundidee so nachhaltig verändert worden, dass ein Schutzgrund nicht mehr gegeben ist : Die Geschäftsstraßen, die Ruhezonen, die Foren und Plätze - der Gesamtentwurf ist quasi nicht mehr vorhanden.

Bei anderen Denkmalen sind Sie ja sehr liberal, was Änderungen angeht - Beispiel Landtag. Erst will die Mehrheit den Plenarsaal abreißen und erklärt daher seine Denkmaleigenschaft für obsolet. Jetzt bleibt er zwar Denkmal, wird aber so radikal saniert, dass eigentlich nichts mehr außer der Kubatur an das Original erinnert. Ist das ein vorbildlicher Umgang mit dem Denkmalschutz?

Sie müssen berücksichtigen, ob ein Gebäude noch in Nutzung ist - dann muss ein Weiterbauen möglich sein. Bei einem Schloss, das ja heute kaum mehr die gleiche Funktion hat wie ehedem, wären solche Eingriffe nicht denkbar. Beim Landtag bleibt ja das wichtigste architektonische Konzept erhalten: Dieter Oesterlen schuf den ganz modernen Plenarsaal als Teil und im bewussten Bruch zumklassizistischen Schloss. Die Staatsgewalt wurde früher im Welfenschloss ausgeübt, seit der Erweiterung übernimmt das moderne Plenargebäude diese Funktion. Auch wenn nach dem Umbau im Inneren nichts mehr sein wird wie früher: Dieses Element und diese Grundidee bleibt erhalten.

Wenn aber private Bauherren ihr Denkmal umbauen wollen, müssen sie sich oft mit Detailauflagen zu Fenstergrößen, Dachfarbe oder Gaubenform herumschlagen. Wird da mit zweierlei Maß gemessen?

Nein. Wenn Sie einen historischen Bauernhof umbauen, wird Ihnen kein Denkmalschützer verbieten, eine moderne Toilette einzubauen oder die Tenne zum Wohnzimmer zu machen. Schauen Sie sich die ganzen Rundlingsdörfer im Wendland an: Dort sind etliche Scheuentore durch Glasscheiben ersetzt. Natürlich mutet der Denkmalschutz den Denkmalseigentümern etwas zu - aber dieser gewinnt auch und dass wir eine sinnvolle Nutzung unterbinden würden, kann man wirklich nicht sagen.

Ist der Denkmalschutz bürgerfreundlicher geworden in den letzten Jahren?

Ich denke: An dem Image des Denkmalschutzes sind die Denkmalpfleger nicht unschuldig. Viele von ihnen sind früher dogmatisch und hoheitlich aufgetreten. Dabei kam der Denkmalsgedanke ja aus einer Bürgerbewegung, die sich genau gegen das richtete, was heute unsere Städte prägt: gegen Abrisswut in gewachsenen Städten und den Aufbau von Großstrukturen. Aber es war wohl ein Erbübel der Achtundsechziger, dass viele Denkmalschützer sich im Besitz der einzigen Wahrheit sahen. Der Denkmalschutz hat jedoch gelernt aus den Fehlern der Vergangenheit. Sie werden heute keinen Denkmalpfleger mehr finden, der nicht weiß, dass man nur mit dem Eigentümer und Bauherrn erfolgreich ist.

Das wird ja in besonderem Maße auch für Problemimmobilien wie Beton-Denkmale gelten. Verstehen Sie, warum diese Bautypen oft ungeliebt sind?

Ich bin sicher: Wären diese Bauwerke in den letzten Jahren gepflegt worden, dann wäre ihr Ruf besser. Betonoberflächen altern teilweise sehr unschön, und wenn man 30 bis 40 Jahre nichts daran macht, können sie sehr unansehnlich werden. Dann gibt es natürlich die energetischen Probleme bei Modernisierungen, und schlussendlich sind die Raumkonzepte aus den Siebzigern heute vielfach nicht mehr zeitgemäß. Dadurch sind zuweilen stärkere Eingriffe in die Substanz nötig sind, was in Verbindung mit Denkmalschutz zuweilen eine Herausforderung ist. Es gibt aber gute Beispiele, wie das gelöst werden konnte, etwa beim Walter Henn entworfenen VGH-Hauptgebäude am Warmbüchenkamp oder bei der Sparkasse in der Karmarschstraße, in der wir am Sonnabend ja auch Füjhrungen anbieten.

In Hannover stehen etwa 5500 Gebäude unter Denkmalschutz: rund 1250 Einzelgebäude und 250 sogenannte bauliche Anlagen. Jetzt nehmen Sie die Bauten der Siebziger- und Achtzigerjahre ins Visier. Ist irgendwann eine Obergrenze erreicht?

Bundesweit stehen etwa drei Prozent der Bauwerke unter Schutz. Ich denke, das dürfte auch in Hannover die Quote sein. Wir merken aber, dass der Denkmalschutz bei jüngeren Bauwerken mehr Diskussionen auslöst.

In Holland gilt als ein Kriterium für die Denkmalwürdigkeit auch „Schönheit“ ...

Ja, die Debatte hatten wir in den Neunzigerjahren auch schon. Sie führt aber nicht weiter. Ich denke, es geht eher um Identifikation mit Baukultur. Es fällt eben schwerer, sich mit einem schmucklosen, großflächigen, gradlinigen Bauwerks mit langen Kanten zu identifizieren als mit einer aufgelockerten, verzierten, historischen Fassade. Das ist eine intellektuelle Herausforderung.

Ist es ein Fehler, dass Architektur im Kanon der Schulbildung kaum eine Rolle spielt?

Nicht nur Architektur. Die gesamte ästhetische Bildung kommt zu kurz, das ist ein echtes Defizit.

Vielleicht schauen wir zum Abschluss mal in die Zukunft: Welches von diesen fünf jüngeren Bauwerken wird von nachfolgenden Generationen zum Denkmal erklärt: Sprengel-Anbau, Fußballstadion, Kröpcke-Center, Nord/LB oder der Planet M an der Expo-Plaza?

Also der Sprengel-Anbau auf jeden Fall. Das ist eine ganz hervorragende Qualität, sowohl bei der inneren Raumaufteilung als auch bei der Fassade zum See. Beim Stadion bin ich mir nicht so sicher. Bei der Nord/LB wird die entscheidende Frage sein, ob unsere Nachfolger den Maßstab für gewahrt halten. Beim neuen Kröpcke-Center glaube ich, dass es im städtebaulichen Kontext betrachtet werden wird, weil es zeittypisch ist. Und auch die Expo-Bauten werden dann sicherlich gewürdigt werden, soweit sie noch einigermaßen dem Original entsprechen, dabei dann auch der sehr prätentiöse Planet M.

Interview: Conrad von Meding

Besuche erwüscht

Denkmale sind zu besichtigen: Ab Freitag treffen sich Fachleute aus ganz Niedersachsen zum Tag der Denkmalpflege. Am Sonnabend gibt es drei Exkursionen zu Innenstadtdenkmalen und eine Diskussionsveranstaltung, alles öffentlich: Besucher können hinzustoßen, solange der Platz reicht.

Die Exkursionen beginnen jeweils um 10, 11.30 und 13 Uhr an der städtischen Galerie Kubus (Theodor-Lessing-Platz 2), am Historischen Museum (Pferdestraße 6) und an der Sparkasse Karmarschstraße 47 (von dort geht es auch zum Parkhaus Osterstraße). Um 15 Uhr startet im Auditorium des Sprengel-Museums eine zweistündige Veranstaltung mit Impulsvorträgen und Podiumsdiskussion, an der Stadtbaurat Uwe Bodemann, Architektenkammerpräsident Wolfgang Schneider und andere teilnehmen.

med

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