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Wie sinnvoll sind iPads in der Schule?

Diskussion Wie sinnvoll sind iPads in der Schule?

Bremsen Lehrer die Digitalisierung in der Schule? Im Zuge der Cebit-Eröffnung ist ein Streit um Computer im Unterricht an niedersächsischen Schulen entbrannt. Wie sinnvoll sind elektronische Medien?

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„Jetzt müssen wir nicht mehr so viele Bücher schleppen“: Schüler der Humboldtschule lernen Englisch am iPad.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. An Deutschlands Schulen steht die digitale Revolution auf der Schwelle zu den Klassenzimmern. In der 8c ist sie schon einen Schritt weiter. „Meldet euch bitte bei Quizlet an“, sagt Englischlehrer Heiko Strugalla zu Beginn der Stunde. Und die Achtklässler der Humboldtschule greifen so selbstverständlich zu ihren iPads, wie ihre Urgroßeltern einst zur Schiefertafel griffen.

Vorne auf dem Whiteboard, der interaktiven Tafel, ploppen die Namen der Schüler auf, die sich anmelden. Tom. Anna. Frank. Dann setzen diese sich in Gruppen zusammen und klicken sich durch ein Vokabellernspiel. In Echtzeit erscheint auf der Tafel, welches Team gerade führt.

An der Humboldtschule hält die Bildung mit der Technik Schritt. Eine Klasse lernt mit Hilfe von IPads.

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„Ich möchte die neue Technik nicht missen“, sagt Englischlehrer Strugalla. Zettel austeilen, mühsames Kärtchenausschneiden - das gehört für ihn der Vergangenheit an. Er schickt seinen Schülern Arbeitsblätter über eine Cloud zu. Die Achtklässler tragen ihre Hausaufgaben nicht nur vor, sondern projizieren die Texte zugleich, für alle lesbar, aufs Whiteboard. Ihre Referate bewerten sie gegenseitig online. Im Musikunterricht bietet das iPad zu Mozarts Noten gleich die passenden Hörbeispiele. Und während ein Tafelanschrieb früher irgendwann unwiderruflich weggewischt war, lässt er sich heute archivieren für die digitale Ewigkeit.

"iPads sind eine ungeheure Bereicherung"

„Für unsere Methodenvielfalt ist das iPad eine ungeheure Bereicherung“, sagt Strugalla. „Die meisten Kollegen, die sich darauf einlassen, sind schnell von den Vorteilen überzeugt.“

Die Humboldtschule ist eine von sechs Pilotschulen für digitales Lernen in Hannover. Erst im Sommer läuft dieses richtig an, doch in der 8c hat jeder Schüler schon vor fast zwei Jahren sein eigenes iPad bekommen, mit Unterstützung des Madsack Media Stores. Die 8c ist so weit, wie Thorsten Dirks gerne alle Schüler hätte. Der Präsident des Digitalverbandes Bitcom hatte bei der Cebit-Eröffnung moniert, der größte Hemmschuh der digitalen Bildung seien die Lehrer. Ein Vorwurf, den Strugalla so nicht stehenlassen will: „Viele Schulen haben schlicht kein W-Lan, keine Whiteboards und keine Rechner für die Schüler“, sagt er.

Hängen Schüler nicht genug vor den Geräten?

Auch die stellvertretende Schulleiterin Imke Oldewurtel hält Dirks’ Kritik für zu pauschal. „Natürlich nutzen einige Kollegen die Technik intensiver als andere“, sagt sie. Doch die meisten Kollegen begegneten der Digitalisierung prinzipiell aufgeschlossen. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass sich in jedem Kollegium Enthusiasten und Skeptiker finden, die Neugierigen und die Ängstlichen.

Oldewurtel verhehlt nicht, dass das Thema im Kollegium kontrovers diskutiert wird: Hängen die Schüler nicht privat schon genug vorm Bildschirm? Muss der Unterricht nicht gerade gegensteuern, wenn einige Kinder haptische Fähigkeiten wie das Schneiden mit der Schere nicht mehr beherrschen? Sie herausholen aus der digitalen Wirklichkeit in die wirkliche Wirklichkeit?

Dennoch könne man nicht sagen, dass die Lehrer die Digitalisierung ausbremsten, sagt Schulleiter Henning Lawes: „Die meisten Schulen haben über Jahre nur die Hardware bekommen, aber keine Administratoren - sonst wäre die Entwicklung schon weiter.“ Auch die Rechtsvorschriften halten bei der digitalen Wirklichkeit im Klassenzimmer teils nicht Schritt: „Es gibt bisher keinen Erlass des Kultusministeriums, ob Rechner-Apps auf dem iPad bei Prüfungen ebenso zulässig sind wie Taschenrechner“, sagt Physiklehrer Claus-Hinrich Schröder.

Jede der sechs Pilotschulen hat ein eigenes Konzept

Schuldezernentin Rita Maria Rzyski hält es für wichtig, dass nicht alle Schulen zugleich auf das digitale Lernen umstellen, sondern es erst ein Pilotprojekt an ausgewählten Standorten läuft. „So haben wir auch die Chance, Fehler zu erkennen und daraus zu lernen.“ Jede Pilotschule - neben der Humboldtschule sind das noch die Egestorffgrundschule, die Gerhart-Hauptmann-Realschule, die Helene-Lange-Schule, die Käthe-Kollwitz-Schule und die Integrierte Gesamtschule Linden - hat ein anderes Konzept. Mal macht nur eine Klasse mit, mal ein ganzer Jahrgang. Vor allem sei es wichtig, den Eltern noch genauer zu erklären, was die Tablets alles könnten, meint Rzyski. Grundsätzlich sei es die Entscheidung jeder einzelnen Familie, ob sie ein Gerät (Kostenpunkt: Rund 400 Euro) anschafft oder nicht.

Die Schüler der iPad-Klasse jedenfalls schwärmen vom praktischen Nutzen der Tablets: „Jetzt müssen wir nicht mehr so viele schwere Bücher schleppen“, sagt der 14-jährige Chigo. „Und beim Tippen von Texten bekommt man keinen Schreibkrampf“, ergänzt sein Mitschüler Matty. Blöd sei es nur, wenn dem Tablet der Strom ausgeht, sagt der 14-jährige Christian. So gesehen hat das Digitalzeitalter die ausgelaufene Füllerpatrone durch den leeren Akku ersetzt.

Von Simon Benne und Saskia Döhner

Interview mit Stefan Gieseke, Latein- und Geschichtslehrer

„Bildung ist Interaktion“

Herr Gieseke, Sie haben manchmal lieber ein Buch in der Hand, als im Internet zu lesen. Hemmen Lehrer wie Sie die digitale Bildung in den Schulen, wie der Präsident des Bitcom-Verbandes gesagt hat?

Schüler können aus Büchern eine andere Art der Informationsentnahme lernen. Exzerpieren statt Kopieren macht eine Verlangsamung nötig und kann dadurch eine größere Durchdringung des Inhalts möglich machen. Für wissenschaftliches Arbeiten ist es oft auch sinnvoll, mehr Bücher aufzuschlagen, in ihnen zu blättern und Informationen parallel verfügbar zu haben. Grundsätzlich löst ein Buch auch eine andere Lesestimmung aus als ein Tablet. Digitale Medien können unterstützen, aber die pädagogische Verantwortung will ich als Lehrer nicht aus der Hand geben.
Haben Sie sich über die Äußerung des Bitcom-Chefs geärgert?

Bitcom ist ja ein Interessenverband, der andere Interessen verfolgt als ein pädagogisch-didaktisch ausgerichtetes Konzept von Lernen. Konventionellen Unterricht, der nur noch mit Büchern arbeitet, gibt es ja auch gar nicht mehr. Eine Verordnung eines digitalen Klassenzimmers wird nicht funktionieren, da auch dann für manche Lernphasen auf konventionelle Medien und Methoden zurückgegriffen werden muss. Insofern kann mich nur die Ignoranz ärgern, mit der sich Nicht-Pädagogen aus zum Teil finanziellen Interessen in die Bildungsdiskussion einmischen.
Ist ein Tablet für Schüler aber nicht reizvoller als herkömmlicher Unterricht?

Elektronische Medien üben in der Schule zunächst einen Reiz aus, da sie dort noch eher unüblich sind. Wenn Schüler aber täglich mit elektronischen Medien zu tun haben, ebbt der Reiz schnell ab. Bildung geschieht vor allem durch Interaktion.

Interview: Saskia Döhner

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