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Diskussion um Schmidt ist "völlig unangemessen"

Straßenumbenennung Diskussion um Schmidt ist "völlig unangemessen"

Die SPD zögert damit, eine Straße in Hannover nach dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt zu benennen, weil dieser als Wehrmachtsoffizier an der Ostfront diente – und entfacht damit einen Sturm der Entrüstung. Selbst hochrangige SPD-Politiker sind entsetzt.

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„Es wird eine wissenschaftliche Diskussion stattfinden“: Helmut Schmidt diente als Wehrmachtsoffizier an der Ostfront - jetzt fordern Genossen Klarheit über seine Rolle dort.

Quelle: Ulrich Perrey

Hannover. In Hamburg ist die Universität der Bundeswehr nach ihm benannt, ein ganzer Flughafen wird dort bald seinen Namen tragen - doch ob in Hannover je eine Straße nach dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt benannt wird, steht in den Sternen. Ausgerechnet Hannovers SPD-Spitze möchte vor einer möglichen Straßenbenennung eine gründliche „Prüfung der Person“ vornehmen - und hat damit prompt einen Sturm der Entrüstung entfacht.

„In dieser Weise darf man nicht mit dem Andenken von Helmut Schmidt umgehen“, moniert Altkanzler Gerhard Schröder: „Das sage ich als sein Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers - als jemand, der ihn kritisiert, aber auch verehrt hat. Das sage ich auch als Ehrenbürger dieser Stadt.“

Die SPD zögert damit, eine Straße in Hannover nach Helmut Schmidt zu benennen – und entfacht einen 
Sturm der Entrüstung. Einige Stimmen.

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SPD-Ratsfraktionschefin Christine Kastning hatte sich am Rande einer Veranstaltung zum Thema Erinnerungskultur zurückhaltend über die Benennung einer Straße nach dem im vergangenen November verstorbenen Schmidt geäußert: „Man muss sich mit der Persönlichkeit auseinandersetzen, es wird eine wissenschaftliche Diskussion stattfinden“, sagte sie auch mit Blick darauf, dass Schmidt im Zweiten Weltkrieg als Oberleutnant der Wehrmacht an der Ostfront gedient hat.

Altkanzler Schröder hingegen legt eine Art Ehrenerklärung für seinen Amtsvorgänger ab: „Für mich gibt es keinen Anlass, an der Integrität dieses großen Staatsmannes zu zweifeln“, erklärte er gegenüber der HAZ: „Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass auch in unserer Landeshauptstadt ein öffentlicher Ort nach ihm benannt wird.“

Schostok geht auf Distanz zu Parteifreunden

Auch Hannovers langjähriger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) zeigte sich entsetzt angesichts der zögerlichen Haltung seiner Partei gegenüber einem Straßenschild für Schmidt: „Meine Frau und ich sind empört darüber“, sagt er. Es sei aberwitzig, mehr als 70 Jahre nach dem Krieg nun Schmidts Wehrmachtszeit erforschen zu wollen: „Das ist völlig unangemessen. Helmut Schmidt ist international eine hoch angesehene Persönlichkeit.“

Oberbürgermeister Stefan Schostok geht ebenfalls auf Distanz zu seinen zögerlichen Parteifreunden. Die Verdienste Schmidts seien unbestritten: „Die Bewertung seiner Lebensleistung nach seinem Tode war eindeutig“, sagt Schostok: „Aus meiner Sicht erübrigt sich jede weitere Diskus­sion.“

Die Vehemenz der Debatte zeigt, dass es hier nicht nur um einen Straßennamen geht. Es geht auch um eine Ikone der konservativen Sozialdemokratie. Und es geht um den Umgang mit einem Stück deutscher Geschichte, um die Frage, wann redliche Vergangenheitsbewältigung in inquisitorischen Furor umschlägt. Wie lassen sich in einer Lebensbilanz Verdienste und mögliche Verfehlungen gegeneinander aufrechnen? Welche Spielräume hatte die Generation Schmidts im Krieg? Und welche Maßstäbe müssen gelten, wenn jemand ein Urteil über sie sprechen will? „Es geht dabei auch um eine Auseinandersetzung politischer Lager innerhalb der SPD“, sagt Hannovers Grünen-Chef Daniel Gardemin. Er selbst würde nicht vorschlagen, eine Straße nach Schmidt zu benennen: „Ich würde aber auch nicht wegen dessen Wehrmachtszugehörigkeit dagegen stimmen.“

"Die Diskussion macht mich fassungslos"

Unterdessen bemüht sich Hannovers SPD-Chef Alptekin Kirci jetzt, die Wogen zu glätten. Er selbst hatte vor einigen Monaten vorgeschlagen, die Hindenburgstraße (in der pikanterweise die CDU residiert) in Helmut-Schmidt-Straße zu benennen. Er sei stolz, in Schmidts Partei zu sein und habe Respekt vor dessen Lebensleistung, versichert er jetzt. Doch es sei nun einmal gängige Praxis, vor einer Straßenbenennung eine Prüfung der Person vorzunehmen: „Das gilt für alle Vorschläge gleichermaßen.“ Ministerpräsident Stephan Weil stärkt Kirci den Rücken. Schmidt habe oft vom „Scheißkrieg“ gesprochen und sich für den Frieden eingesetzt: „Nach ihm Straßen zu benennen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.“

CDU-Chef Dirk Toepffer indes findet die Debatte „arg kleinkariert“. Schmidts Rolle im Krieg sei längst hinlänglich erforscht: „Die Diskussion macht mich fassungslos“, sagt Toepffer. „Etwas prüfen zu wollen bedeutet, Schmidt zu unterstellen, dass da etwas ist“, sagt er. „Wenn die SPD nach Jahrzehnten des öffentlichen Wirkens von Schmidt unsicher ist, welche Rolle er in der Geschichte spielt, läuft doch etwas falsch“, fügte Toepffer an. Der CDU-Chef will sich nun mit seiner Ratsfraktion in Verbindung setzen: „Ich bin sehr dafür, eine Straße nach Helmut Schmidt zu benennen.“

Von Simon Benne und Michael B. Berger

Kommentar von Hendrik Brandt

Die Selbstgerechten

Er war Politiker, Staatsdiener in Hamburg und Bonn, Sozialdemokrat mit Widerhaken – und am Ende seines Lebens das verehrte Orakel der Republik. Ja, und Helmut Schmidt war auch Oberleutnant in der hitlerschen Wehrmacht. Während sich an vielen Orten des Landes der Blick auf die Leistungen des Hamburgers nach dem Krieg richtet, während Straßen, Plätze und Institutionen nach ihm benannt werden, tragen manche hannoversche Sozialdemokraten das vor, was sie am besten kennen: Bedenken. Sie wollen prüfen, ob man dem Kanzler seinen Oberleutnant nicht doch noch irgendwie vorwerfen kann. Linksgewirkte Schmidt-Gegner von einst manövrieren sich im Verbund mit geschichtsnaiven Sauberfrauen und -männern ins Abseits. Es stimmt: Die Wehrmacht hat Kriegsverbrechen begangen – viele ordnen etwa die Belagerung von Leningrad, an der Schmidts Einheit zeitweise beteiligt war, hier ein. Hannoversche Genossen hätten ihm jahrzehntelang Fragen dazu stellen können. Stattdessen versuchen sie nun, diese alte Erkenntnis nach seinem Tod gegen mehr als 50 Jahre Engagement im demokratischen Staat auszuspielen. Wie selbstgerecht. Wie peinlich. Die SPD sucht derzeit ja ihre Gefolgschaft – auf diesem Weg wird sie sie kaum finden.

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Altkanzler Gerhard Schröder
Altkanzler Gerhard Schröder.

In die Debatte um Helmut Schmidt als Namensgeber für eine Straße in Hannover hat sich jetzt auch SPD-Altkanzler Gerhard Schröder eingeschaltet. Er kritisierte seine Parteigenossen in Hannover, die Schmidts Rolle als Wehrmachtsoffizier untersuchen lassen wollen: "Für mich gibt es keinen Anlass, an der Integrität dieses großen Staatsmannes zu zweifeln." 

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