Die zweifache Mutter war offenbar völlig überfordert. Monatelang hatte sie mit ihren beiden neun- und elfjährigen Kindern in Garbsen in einer total verdreckten Doppelhaushälfte gelebt. „Ich kann das nicht erklären“, sagte die von einer Drogenkarriere gezeichnete Frau Anfang dieses Jahres vor Gericht aus. Bereits nach einem Hinweis der Polizei im Oktober 2008 hatte ein Sozialarbeiter des Jugendamts der Region Hannover der Familie einen Besuch abgestattet und die zwei schulpflichtigen Kinder in dem völlig verdreckten Haus vorgefunden. Bei der Richterin, die die Mutter schließlich zu einer Bewährungsstrafe wegen Vernachlässigung ihrer Kinder verurteilte, sorgte das für Verwunderung. Warum das Jugendamt zu diesem frühen Zeitpunkt nicht schon stärker eingegriffen habe, fragte sie den Sozialarbeiter. Die Antwort: Die Kinder hätten einen gut genährten Eindruck gemacht und seien in der Schule nicht auffällig gewesen.
Im März 2009 war es dann erneut zu einem Polizeieinsatz im Haus der Familie gekommen. Zwei Beamtinnen berichteten vor Gericht von katastrophalen Zuständen: schimmelndes Geschirr in der Küche, herumliegendes Fixerbesteck, Hunde- und Katzenkot in den Ecken, mittendrin die beiden Kinder – und dabei hatte das Jugendamt ja bereits Monate zuvor ein Auge auf die Familie geworfen.
Der Fall aus Garbsen ist ein drastisches Beispiel – aus Sicht von Jürgen Ermerling, Leiter der Polizeiinspektion Garbsen, zeigt er aber ein zentrales Problem auf: „Die Familie war ein weiterer Fall, der von der Jugendhilfe irgendwann bearbeitet werden sollte.“
Garbsen ist eine von 15 Kommunen in der Region Hannover ohne eigenes Jugendamt. Dort übernimmt die Region diese Aufgabe. Nach Ansicht von Polizei, Regions- und Landespolitikern läuft die Jugendhilfearbeit dort eher schlecht als recht. Die Kritiker sprechen von strukturellen Problemen. Die Mitarbeiter der Region seien zu selten vor Ort und mit der kommunalen Verwaltung zu schlecht vernetzt, um zügig und unbürokratisch auf Problemfälle zu reagieren. Die Vorteile eines örtlichen Jugendamts liegen für Dagmar Wiese-Cordes auf der Hand. „Wir sind immer vor Ort und können schnell helfen. Das kriegt die Region so nicht hin, wenn ein Mitarbeiter nur zweimal in der Woche vor Ort ist“, sagt die Leiterin des Fachbereichs Jugend, Schule und Soziales in Springe. Die Stadt ist eine der sechs Kommunen in der Region, die sich ein eigenes Jugendamt leisten. „Die Mitarbeiter des Jugendamts der Region leben nicht vor Ort, sie sind nicht in die Kommunen integriert“, sagt Wiese-Cordes.
Als kommunales Jugendamt arbeite man in Springe mit anderen Ämtern der Stadt und vielen örtlichen Institutionen Hand in Hand. „Es gibt kaum Reibungsverluste“, sagt Wiese-Cordes. In Zeiten, in denen die sozialen Strukturen immer schwieriger würden, sei das besonders wichtig. Wiese-Cordes weiß: „Leider kann man Jugendhilfe niemals unabhängig von den Kosten sehen.“ Auch in der gegenwärtigen Diskussion geht es vordergründig ums Geld, nicht um eine sinnvolle Struktur der Jugendhilfe. So bemängeln die Kommunen mit eigenem Jugendamt, dass sie über die Regionsumlage das Jugendamt der Region mitfinanzieren, zugleich aber nur 80 Prozent der Kosten für das eigene Jugendamt erstattet bekommen. Aus diesem Grund kommt es auch für die Städte Garbsen und Wunstorf nicht in Frage, ein eigenes Jugendamt zu schaffen – die ohnehin schon klammen Städte würden draufzahlen.
„Ursprünglich war die Idee, den Kommunen mit dem Regionsgesetz mehr Verantwortung zu übertragen“, sagt Dagmar Wiese-Cordes. Das habe bei der Jugendhilfe nicht geklappt – leider.
Kommentare
Stimmt Springerin – 30.07.10
Da muss ich B.T und dem anderen Kommentatoren recht geben. Ist nicht Springe die Stadt mit der schlechtesten Versorgung mit Krippenplätzen in der Region? Das gehört doch auch zum Jugendamt dazu, oder?In Springe dauert auch so manches länger Angestellter – 30.07.10
Also wir mussten Ende 2009 nach unserem Antrag auf Unterstützung durch eine Tagesmutter auch sehr lange warten. Dann war der Bescheid falsch. Also so toll läuft das in Springe auch nicht.Kleines Jugendamt = Keines Budget Wennigsen – 30.07.10
In Springe habe ich mitbekommen, wie schwer sich das Jugendamt mit der Weiterfinanzierung des Wellcome Projektes getant hat. Hier ging es um eine sogenannte freiwillige, aber sehr sinnvolle Leistung der Jugendhilfe. Es ging hier gleube ich um einen vierstelligen Zuschuss an die Kirche, der nicht aufgebracht werden konnte/wollte. Da hat die Region Hannover schin ganz andere Optionen, durch die Größe und das Know how kann sie beispielsweise Projektgelder der EU wie für das Pace Projekt einwerben.Es gibt auch Nachteile B.T. – 30.07.10
In der Reihe der Zeitungsartikel, die lediglich die Vorteile neuer kleiner Jugendämter benennen, möchte ich auf einige contra Argumente hinweisen.In einem kleinen Jugendamt mit vielleicht 10 Mitarbeitern gibt es kaum Kapazitäten Krankheitsvertretungen und weitere Personalknappheiten zu überbrücken. Darüberhinaus müssen die Mitarbeiter oftmals zwei Arbeitsbereiche abdeckern und sich im Falle von Krankheitsvertretungen oftmal noch in ein drittes Aufgabengebiet hineinarbeiten. Auch fehlen Mittel für ein sinnvolles Controlling, einer Vernetzung auf Landesebene und Fortbildung der Mitarbeiter. Der nahe Draht in die eigene Behörde hat auch zur Folge, dass Politik und Verwaltung schnell mal den nächsten Sparkurs einläuten. Die hier zitierte Leiterin aus Springe ist ein gutes Beispiel. Bekannt für ihren regiden Sparkurs werden Fallbesprechungen nicht im Team der Fachkräfte besprochen und ein Angebot für die Familien definiert, sondern das macht die Leiterin mit ihrem Taschenrechner aus. Auf Grund nicht vorhandener hauptberuflicher Strukturen in der Politik in Springe, fehlender Lobbyisten und keiner Interessensvertretung der Leistungsempfänger kann sie als Leiterin einsame Entscheidungen (oder auch laufendes Geschäft der Verwaltung) treffen, die kaum fachlich und / oder öffentlich diskutiert werden.
Dies bitte ich bei der Diskussion auch mit zu beachten.
Jugendhilfestation!!! anonym – 30.07.10
Ich möchte darauf hinweisen, dass es in Garbsen eine Jugendhilfestation gibt. Dort sind die Mitarbeiter fest vor Ort verankert. Außerdem gibt es eine Außenstelle in Berenbostel. Im Artikel wird der Eindruck erweckt, die Mitarbeiter seien nur stundenweise vor Ort, was falsch ist!