Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Scherben aufsammeln reicht nicht
Hannover Aus der Stadt Scherben aufsammeln reicht nicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 10.05.2016
Regelmäßig sind Alkoholexzesse auf dem Raschplatz zu beobachten. Quelle: Behrens
Anzeige
Hannover

Die Temperaturen steigen, die Sonne scheint – und hinter dem Bahnhof trifft sich wieder die Trinkerszene. Manch einer ist versucht, die Alkoholexzesse der Gruppen auf dem Raschplatz als wiederkehrendes Phänomen zu Beginn der warmen Jahreszeit hinzunehmen und dann zur Tagesordnung überzugehen. Hannovers Stadtverwaltung etwa nimmt diese Haltung ein: beobachten und abwarten, bis der Winter kommt. Das aber ist entschieden zu wenig. Der Raschplatz droht zu einem Ort zu werden, den die meisten Hannoveraner meiden – aus Angst und Ekel. Dabei sollte Konsens sein: No-Go-Areas darf es in Hannover nicht geben. Lösungen sind gefragt – und für die ist ein schwieriger Spagat zwischen ordnungspolitischer Härte und sozialer Fürsorge nötig. Es geht um die Wiedereroberung des Platzes für alle Bürger.

Hinter vorgehaltener Hand geben selbst Mitglieder der Rathausspitze zu, dass sie abends nur ungern über den Raschplatz schlendern. Bis zu 50 Trinker stehen dann zusammen, manche können nur noch liegen. Sich durch die Zechenden zu schlängeln, mag ein mulmiges Gefühl verursachen, aber die Angst vor Übergriffen ist unbegründet. Polizei und Wachdienste bestätigen, dass Streit und Handgreiflichkeiten nur innerhalb der Gruppe entstehen. Der Raschplatz hat kein Sicherheitsproblem. Aber er hat ein Hygieneproblem.

Menschliche Ausscheidungen jeglicher Art finden sich auf den Treppen, in dunklen Ecken und in den Fahrstühlen zur U-Bahn. Eigentlich hatte die Grundstücksgesellschaft HRG, Eigentümerin des Raschplatzes, gehofft, dass derart ekelige Verunstaltungen der Vergangenheit angehören. Vor drei Jahren wurde in der alten Polizeistation am Raschplatz eine kostenlose öffentliche Toilette eingerichtet. Die aber wird von einer bestimmten Klientel nicht benutzt. So muss die HRG dreimal täglich eine Putzkolonne über den Platz schicken.

Nicht nur den Stammtrinkern am Platz scheint ab einer gewissen Promillegrenze jegliches Schamgefühl abhandenzukommen. Die Wachdienste der HRG berichten, dass auch nächtliche Partygänger den Weg zur öffentlichen Toilette scheuen und sich auf dem Platz erleichtern. Dagegen hilft nur eines: ordnungsrechtliches Durchgreifen. Ein Stadtplatz ist keine Kloake, und das muss jedem klar sein.

Gern führt die HRG ins Feld, dass Platzverweise nur selten verhängt werden dürften, selbst dann, wenn jemand beim Urinieren erwischt wird. Den Wachdiensten und Polizisten drohten sogar Klagen. Mit ihrer Zurückhaltung aber macht es sich die HRG zu einfach. Klare Ansprachen und Regelvorgaben für die Trinker sind unerlässlich, und im Zweifelsfalle muss die HRG den Mut haben, es auf einen Prozess ankommen zu lassen.

Es geht nicht darum, die Trinkerszene vom Raschplatz zu vertreiben. Der Platz darf aber nicht allein von einer Gruppe okkupiert werden. Entscheidend ist, mehr Menschen zu bewegen, hinter dem Bahnhof zu verweilen. Zugegeben eine schwierige Aufgabe.

Kunstaktionen, wie sie der SPD vorschweben, könnten dazu beitragen, den Platz zu beleben. Klassische Konzerte, Auftritte von Bands, Darbietungen aus dem Kleinkunstbereich wären ebenfalls geeignet. Das Problem ist aber, dass auf dem riesigen Platz nur kleine Veranstaltungen stattfinden können. Strenge Fluchtwegebestimmungen verhindern, dass sich eine Vielzahl von Zuschauern versammeln darf. Daran hat die Stadt bei ihrem millionenschweren Umbau nicht gedacht. Ein Fehler, der jetzt umso schwerer wiegt. Gerade deshalb aber ist die Verwaltung in der Pflicht, sich an der Suche nach kreativen Lösungen zu beteiligen. Beobachten und Scherben aufsammeln – das reicht nicht mehr.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Scharfer Geruch, Bierbüchsen und eine beklemmende Atmosphäre: Die Trinkerszene am Raschplatz macht Passanten und Geschäftsleuten zunehmend zu schaffen. Einige fordern hinter vorgehaltener Hand mehr Platzverweise, andere ein Alkoholverbot.

Simon Benne 09.05.2016

Die Stadt will Millionen in den Marstall investieren – doch die CDU-Fraktion hat die Pläne im Bauausschuss überraschend abgelehnt. Der Grund: Man erwarte Verkehrsprobleme und habe vor allem „große Sorge, dass ein zweiter Raschplatz entsteht“, begründete Baupolitiker Felix Blaschzyk die Haltung seiner Fraktion.

Conrad von Meding 09.05.2016

Die SPD-Ratsfraktion sucht neue Impulse für den Raschplatz. Die Parkour-Gruppe will die schmuddelige Zwischenebene vor dem Andreas-Hermes-Platz aufwerten und mit Graffiti verschönern.

07.05.2016

Die Stadt Hannover will einen kostenlosen Internetzugang in öffentlichen Gebäuden anbieten. Seit Freitag, 6. Mai, können sich Besucher des Neuen Rathauses am Trammplatz ins Internet einwählen. Das Netzwerk trägt den Namen „Stadt_Hannover“; der drahtlose Internetanschluss hat keine zeitliche Begrenzung.

07.05.2016

Die Staatsanwaltschaft Hannover sieht keinen Anlass, ihre Ermittlungen gegen die Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) wieder aufzunehmen. Im Raum stand der Vorwurf des Lohndumping, weil junge Tierärzte in den Tierkliniken nach Teilzeitverträgen entlohnt werden, oft aber mehr als Vollzeit arbeiten.

Bärbel Hilbig 07.05.2016

Ein hannoverscher Augenarzt muss seinem Patienten 60.000 Euro zahlen, weil ihm mehrere grobe Behandlungsfehler nachgewiesen werden konnten. Das Geld ist für den Kläger, einen Chirurg im Ruhestand, nur ein schwacher Trost. Seine Sehnerven sind so schwer geschädigt, dass er sich in fremder Umgebung nicht mehr ohne eine Begleitperson gefahrlos bewegen kann.

10.05.2016
Anzeige