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„Jetzt ist es Zeit, Haltung zu zeigen“

Diskussionsreihe über Werte „Jetzt ist es Zeit, Haltung zu zeigen“

Zwölf Hannoveraner stoßen eine neue Diskussionsreihe an – über das Grundgesetz und seine Werte. Weil man nicht mehr alles hinnehmen darf, was in Umkleidekabinen und anderswo gesagt wird, meinen sie. 

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Interview von Rehländer/Cericius 

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Herr Cericius, Herr Rehländer, gemeinsam mit zehn anderen Bürgern dieser Stadt laden Sie zu einer Debattenreihe über Demokratie, Grundgesetz und die „offene Gesellschaft“ ein. 

Gleichzeitig gehen Menschen Sonntag für Sonntag bei „Pulse of Europe“ für ein geeintes Europa auf die Straße. All das schienen uns lange Selbstverständlichkeiten zu sein. Ist etwas ins Rutschen geraten in unserer Gesellschaft?

Rehländer: Wir als Organisatoren dieser neuen Reihe haben uns zusammengefunden über eine Plattform namens Offene Gesellschaft. Was uns eint, ist, dass wir besorgt sind. Dass wir das Gefühl haben, dass wir uns kümmern müssen.

In 70 Jahren, die wir in einer sicheren und stabilen Demokratie leben, haben wir uns in einer Komfortzone eingerichtet. Wir hätten nicht gedacht, einmal gezwungen zu sein, diese Demokratie ernsthaft verteidigen zu müssen.Aber jetzt ist es so.

Cericius: Auch eine Demokratie hat eine Bedienungs- und Pflegeanleitung, die wir berücksichtigen müssen, um sie dauerhaft zu erhalten. Wir leben in einer Welt, die so viele andere Reize und Verlockungen bietet, als sich um seine Demokratie zu kümmern. Ich persönlich habe in zwei deutschen Staaten gelebt, meine Großmutter in fünf. Nichts hält für immer, außer wir pflegen es sorgsam. Bei unserer Debattenreihe gehen wir aber nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Reihen. Wir wollen nur miteinander ins Gespräch kommen.

Artikel 5 Grundgesetz, Diskussionsgegenstand der ersten Veranstaltung

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern ..."

Sprechen ist immer gut, aber gesprochen wird schon viel. Warum braucht es noch eine neue Form? 

Rehländer: Wir wollen uns nicht in einer Art Selbsthilfegruppe treffen, wo sich ohnehin alle einig sind. Wir planen eine Debattenreihe, die vom Dialog mit dem Publikum leben soll. Wir laden auch ganz ausdrücklich jene ein, die schwankend sind, was die Pluralität in unserem Land angeht.

Der rote Faden ist das Grundgesetz. In jeder Debatte konfrontieren wir ein Grundrecht mit der vielfältigen Realität, wie wir sie heute wahrnehmen. Ich habe mir das Grundgesetz vor einiger Zeit noch einmal angesehen und gedacht: was für ein fantastischer Text! Entstanden ist er in den Nachwehen des NS-Regimes, angesichts einer riesigen Flüchtlingskrise. Damals hat man nicht den Kopf verloren, sondern unveräußerliche Grund- und Menschenrechte formuliert.

Cericius: Es ist beeindruckend, mit welcher Zugewandtheit zu den Menschen das Grundgesetz geschrieben wurde. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Und sollten gerade nicht darüber sinnieren, für wen es eigentlich gilt.

Das alles birgt das Risiko, dass es hauptsächlich der Selbstvergewisserung dient, dass man wie in einer Echokammer Dinge wiederholt, über die man sich ohnehin einig ist. Wie wollen Sie das vermeiden?

Cericius: Mal sehen. Wir haben nicht den Anspruch, bei diesen Treffen Lösungen zu finden. Aber es werden Leute kommen, die ihre Meinung sagen. Und wenn es am Ende dazu führt, dass einige danach das Grundgesetz mal zur Hand nehmen, ist schon viel erreicht. Wir sind keine Institution, wir machen das als Privatleute.

Wir müssen keine vorzeigbaren Ergebnisse evaluieren. Wenn das im Chaos endet, dann ist das eben so. Aber wenn ich am Rande der Veranstaltung ein gutes Gespräch mit jemandem habe, der mir während der Debatte mächtig auf den Wecker gegangen ist, ist das doch schon ein Erfolg. Da wird bestimmt vieles gesagt, was mir nicht gefällt. Aber das macht nichts: Die Konstante ist das Grundgesetz. Daran müssen wir die Debatte orientieren und auch die eigenen Gedanken.

Rehländer: Ich möchte mich später nicht fragen lassen müssen: Wo bist du gewesen, als all das passiert ist? Wenn man jetzt sieht, dass die AfD im Moment wieder an Zuspruch verliert, ist das Problem der gesellschaftlichen Verwerfungen doch noch nicht gelöst. Die gibt es auch noch nach den Wahlen.

Artikel 2 Grundgesetz, Diskussionsgegenstand der zweiten Veranstaltung

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ..."

Wollen Sie diese Debatten auch auf die Straße tragen?

Rehländer: Ich hätte nichts dagegen. Unsere Initiative will aber gewiss nicht mit „Pulse of Europe“ konkurrieren.

Cericius: Wir planen am 17. Juni eine Veranstaltung der Offenen Gesellschaft auf dem Opernplatz. Auch wenn wir immer Zahlen als Gradmesser für Erfolg und Bedeutung einer Sache verstehen, muss es aber nicht unbedingt eine Riesensache mit Tausenden Teilnehmern werden. Es kann auch eine ganz stille Veranstaltung werden. Mir würde es reichen, unser Anliegen sichtbar werden zu lassen.

Wie sollen die Debatten ablaufen?

Rehländer: Oben auf dem Podium sitzen ein, zwei Experten. Dazu stehen dort Stühle für Teilnehmer aus dem Publikum, die sich einbringen wollen. Das wechselt immerzu. Keine Monologe, keine langweilige Podiumsdiskussion.

Artikel 3 Grundgesetz, Diskussionsgegenstand der dritten Veranstaltung

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich ..."

Wäre es nicht auch sinnvoll, in den Stadtteilen zu diskutieren?"

Cericius: Unbedingt. Wir sind aber keine Institution, wir sind zwölf Bürger. Das macht die Organisation enorm schwierig. Versuchen Sie mal, Zuschüsse zu beantragen, wenn Sie keine juristische Person sind.

Und wenn doch nur Gleichgesinnte kommen, wie zu einer Art bürgerlichem Ersatzgottesdienst?

Rehländer: Mir persönlich geht es einfach so, dass ich im privaten Umfeld, in der Umkleidekabine vom Sport oder sonstwo, Dinge höre, die ich so vor zwei Jahren nicht gehört hätte. Bei diesen Äußerungen geht es um die schleichende Unterminierung unserer Grundwerte. Und ich persönlich habe dagegen in der Vergangenheit zu wenig getan. Es darf nicht länger unwidersprochen bleiben. Und all das, was heute an Falschheiten verbreitet wird, oftmals in sozialen Netzwerken, trifft auf eine wachsende Medienunmündigkeit - gerade bei jungen Leuten, die die Qualität von Quellen nicht einschätzen können. Lügen gab es immer, aber heute beschleunigt das Internet alles und sorgt dafür, dass viele nur noch die Meinungen zur Kenntnis nehmen, die ihr vorhandenes Weltbild bestätigen.

Und da wollen Sie gegensteuern.

Rehländer: Ja. Ich war seit den Achtzigerjahren nicht mehr für oder gegen etwas auf der Straße. Jetzt aber ist es Zeit, Haltung zu zeigen. Das wollen wir mit unserer Initiative vermitteln. Wir brauchen mehr Mutbürger statt Wutbürger.

Cericius: Ich war in meinem Ehrenamt beim Freundeskreis Hannover häufig Projektionsfläche für allerlei Frust. Oft blieb mir nicht viel anderes übrig, als zu nicken und das Gesagte zur Kenntnis zu nehmen. Abends auf dem Sofa fällt einem dann ein: Das hättest du so nicht stehen lassen dürfen. Aber dann ist es zu spät.

Artikel 1 Grundgesetz, Diskussionsgegenstand der vierten Veranstaltung

„Die Würde des Menschen ist unantastbar ..."

 

Haben sich gewisse bürgerliche Milieus in dieser eigentlich ja zutiefst sozialdemokratischen Stadt abgekoppelt vom Diskurs und den Problemen, die es in Stadtteilen abseits von List, Südstadt und Kirchrode gibt?

Rehländer: Das mag schon sein. Wir haben lange gerne zur Kenntnis genommen, welche Vorteile uns unsere Gesellschaft bietet, aber nicht genau genug hingesehen, wie viele Menschen von diesen Vorteilen nicht profitieren können. Und es gibt Punkte, die man einfach kritisch hinterfragen muss - die schlechte Bezahlung von Sozialberufen etwa oder fehlende Investitionen in Bildung. Beides ist skandalös.

Cericius: Ich habe vor einiger Zeit Zahlen darüber gelesen, wie viele Menschen auch in der Region Hannover voll arbeiten, aber davon nicht leben können. Das ist schockierend.

Populistische und radikale Gruppierungen wie die AfD oder Pegida gelten als Zufluchtsort für diese Menschen. Mussten die erst kommen, damit die demokratischen Kräfte sich mit solchen Fragen wieder beschäftigen?

Cericius: Nein, das sicher nicht, denn die Forderung, ein Leben in Würde führen zu können, braucht keine politische Gruppierung. Ich persönlich war zutiefst beeindruckt von der großen Gegendemonstration gegen Hagida in Hannover. Nicht nur von der Menge an Menschen, sondern auch von der bunten Zusammensetzung.

Rehländer: Es war Teil meiner Motivation, dass ich das Gefühl hatte, dass eine kleine, radikale Minderheit viel mehr Aufmerksamkeit von Politik und Medien bekommen hat als die Mehrheit der Menschen, die nach wie vor unsere Grundwerte teilen.

Braucht eine Gesellschaft manchmal Einschnitte wie AfD und Pegida bei uns oder Donald Trump in den USA, um sich auf ihre Werte und die Wehrhaftigkeit ihrer Demokratie zu besinnen?

Rehländer: Ich bezweifele den Grundsatz, Geschichte wiederhole sich nicht. Sie kann sich wiederholen. Und in vielem, was ich heute erlebe an Verunglimpfungen, radikaler Systemkritik und gezielter Desinformation erkenne ich Analogien zu den Anfängen des Dritten Reiches. Da gibt es viele Puzzlesteine, die mich nachdenklich machen.

Vier Termine, vier Orte: Dis Diskussionsreihe der Offenen Gesellschaft

Der Initiativkreis Offene Gesellschaft Hannover lädt, analog zu anderen Städten wie Berlin, zu einer vierteiligen Diskussionsreihe ein, deren Veranstaltungen an wechselnden Orten in der Stadt stattfinden. Im Zentrum der bundesweiten Aktion soll die Frage stehen: „Welches Land wollen wir sein?“ Die Veranstalter wollen „über wachsende Gefahren für unsere offene Gesellschaft reden“.

In Hannover besteht der Initiativkreis aus zwölf Personen, darunter auch Stadtsprecher Andreas Möser, Landesmuseums-Vorstand Matthias Görn oder Jasmin Arbabian-Vogel, Geschäftsführerin des Interkulturellen Sozialdienstes.

Die Offene Gesellschaft bezeichnet sich als „bürgerschaftliche Initiative“ ohne Parteibindung. Sie will das Grundgesetz ins Zentrum der gesellschaftlichen Diskussion stellen. Deshalb liegt auch jeder der zunächst vier hannoverschen Veranstaltungen ein Grundgesetzartikel zugrunde.

Am Montag, 3. April, um 18 Uhr geht es in der Diskussion um den Grundgesetzartikel 5: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern ...“ Dazu fragen die Veranstalter: „Auch mittels Fake-News und alternativer Fakten?“ Diskutiert wird im Transformationswerk, Vahrenwalder Straße 269.

Thema am Dienstag, 6. Juni, 18 Uhr im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5, ist Artikel 2: „Jeder hat das Recht auf eine freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ...“ – mit dem Zusatz: „So lange es mir passt.“

Am Donnerstag, 24. August, um 18 Uhr im Ballhof, Knochenhauerstraße 28, geht es um Artikel 3: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich ...“ Zusatz: „Oder gleicher?“

Der Diskussion am Dienstag, 19. September, um 19 Uhr im Pavillon, Lister Meile 4, liegt Artikel 1 zugrunde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar ...“, angereichert um die Frage: „Oder etwa doch?“     

Interview: Hendrik Brandt, Felix Harbart

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Von Redakteur Hendrik Brandt

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