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Aus der Stadt Das Rätsel um die Landtagsleiche bleibt ungelöst
Hannover Aus der Stadt Das Rätsel um die Landtagsleiche bleibt ungelöst
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00:15 20.09.2016
Von Simon Benne
„Immer wieder Knochenfunde“: Die Landtagsbaustelle heute – vor 322 Jahren verschwand hier Graf Königsmarck. Quelle: Thomas/Montage
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Hannover

Auch Wissenschaftler können eine lyrische Ader haben: „Mit unauslöschbarer Gewalt schlugen im Herzen der unglücklichen Prinzessin die Flammen einer leidenschaftlichen Liebe empor“, dichtete 1886 der Historiker Rudolf Hartmann. In seiner „Geschichte der Residenzstadt Hannover“ beschrieb er die Affäre zwischen der verheirateten Kurprinzessin Sophie Dorothea und ihrem Geliebten Philipp Christoph Graf von Königsmarck. Diese endete 1694 damit, dass Königsmarck im Leineschloss von Mördern gemeuchelt wurde, seine Leiche verschwand spurlos.

Bei Bauarbeiten im heutigen Landtag waren im August nun menschliche Gebeine aufgetaucht. Oberstaatsanwalt Thomas Klinge mutmaßte, es könne sich um Königsmarck handeln. Ist damit eines der größten Rätsel der hannoverschen Historie gelöst?

Eigentlich wollte Busemann die Ergebnisse in dieser Woche präsentiere, doch der Termin wurde abgesagt: Es könne sinnvoll sein, „einige Teile des Fundes zum Gegenstand ergänzender wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen“. Busemann selbst ließ bereits durchblicken, dass er Zweifel daran hegt, die Knochen könnten von Königsmarck stammen.

Die Göttinger Anthropologin Birgit Großkopf, die die Gebeine bereits untersucht hat, hält sich noch bedeckt: Um komplett ausschließen zu können, dass es sich um Königsmarck handele, seien weitere Untersuchungen nötig. „Es gibt noch kein Endergebnis“, sagt auch der Archäologe Friedrich-Wilhelm Wulf. Die Knochen sollen erst noch im polnischen Posen mit der sogenannten C-14-Methode datiert sowie einer Alt-DNA-Analyse unterzogen werden.

Historiker hingegen sind höchst skeptisch, dass es sich tatsächlich um Königsmarck handelt. Er halte das für „nahezu ausgeschlossen“, sagt Michael Heinrich Schormann, ein versierter Kenner der Altstadt-Geschichte und der Grabungen dort. „In dem Bereich hat es über Jahrhunderte immer wieder Knochenfunde gegeben“, sagt er, „und immer wurde dabei der Name Königsmarck ins Spiel gebracht.“

Ungefähr am Fundort im Bereich des Laves-Portals befand sich im Mittelalter der Chor der Klosterkirche. Die Franziskaner bestatteten irgendwo hier ihre Toten. Auch in der Kirche gab es Beisetzungen. Über die Jahrhunderte blieb dann bei Umbauten kein Stein auf dem anderen. Sicher ist nur, dass die Landtagsabgeordneten so manche Leiche im Keller hatten - und dass der Mythos Königsmarck bei Knochenfunden immer wieder die Fantasien beflügelte.

Schon im 18. Jahrhundert wollte man bei Bauarbeiten im Leineschloss sein Skelett hinter der Vertäfelung eines Toilettenzimmers oder in einem „heimlichen Gemach“ gefunden haben - „Nachrichten, die einer ernsten Nachprüfung nicht standhalten“, wie der Historiker Georg Schnath 1953 kühl urteilte. Anhand alter Quellen wies Schnath nach, dass Königsmarck von vier Tätern ermordet wurde.

Als vor dem Zweiten Weltkrieg bei der Restaurierung des Herrenhäuser Gartentheaters in einer Statue menschliche Knochen zum Vorschein kamen, rätselte halb Europa darüber, ob das nicht Königsmarck sein könnte. Er war es nicht. Im Krieg stieß dann der Inhaber einer Weinhandlung, die auf dem Schlossgrundstück lag, beim Ausheben eines Schachtes auf drei Skelette. Prompt hieß es, Königsmarck müsse wohl zwei Angreifer mit in den Tod gerissen haben. Zuletzt wurde 1949 bei Ausgrabungen am heutigen Landtag ein Schädel gefunden, den man für den Königsmarcks hielt. Am Ende war es der eines etwa 50-jährigen Mannes - der gemeuchelte Graf aber wurde nur 29 Jahre alt.

„In Hannover“, schrieb Historiker Hartmann schon 1886, „giebt es der sogenannten Königsmarckschädel so viele, daß kein Besitzer an die Echtheit glaubt.“ Sein Kollege Schnath ging später fest davon aus, dass die Mörder die Leiche in der Leine versenkten: „Damit erledigen sich auch alle Gerüchte über die Auffindung von Überresten Königsmarcks in oder bei dem Leineschloss“, schrieb er 1953 - als hätte er den aktuellen Knochenfund auf der Landtagsbaustelle vorhergesehen. Behält er recht, wird die Untersuchung der jetzt gefundenen Gebeine das letzte Rätsel des Kriminalfalls Königsmarck nicht lösen. Dann bleibt der Stadt ein Mysterium erhalten, das im Zweifel faszinierender ist als ein banaler Knochenfund.

Schormann und Wulf sprechen am 24. Oktober, 18 Uhr, im Stadtarchiv zum Thema „Knochen und (Schrift)Quellen - ein archivalischer Ausflug in Hannovers Mittelalter“. Dabei geht es um Funde vom Marstall und aus dem Landtag.

Eine Spur führt nach Rethmar

Wurde er im Leineschloss eingemauert oder in der Leine versenkt? Im Fall des spurlos verschwundenen Grafen von Königsmarck gibt es noch eine andere Legende. Im Dorf Rethmar (Stadt Sehnde) gibt es seit dem 17. Jahrhundert das Gerücht, dass der Graf bei der ehemaligen Burg Rethmar verscharrt worden sei – und zwar in der Küchenabfallgrube.

Einer der vier Mörder des Grafen war der Burgherr Philipp Adam zu Eltz. Daran erinnert ein sogenannter Mörderstein, der an die Kirche gemauert worden war und heute in einem Nebenraum steht. Der Hofkavalier avancierte in Hannover nach der Tat zum Minister.

Der heutige Schlossherr, Rüdiger Freiherr von Wackerbarth, dessen Vorfahre August Heinrich von Wackerbarth die in Ungnade gefallene Sophie Dorothea in ihrer Verbannung in Ahlden bewachte, glaubt, dass an der Legende etwas dran sein könnte. „Königsmarck könnte in Rethmar verbuddelt worden sein“, sagt der 87-Jährige. Er hatte deshalb bereits in der Grube und in Teilen des Schlosskellers graben lassen – allerdings ohne Erfolg. Königsmarck könne aber auch in einer Gruft unter der Kirche versteckt worden sein, vermutet er. Denn Adam zu Eltz war nach dem Mord zu viel Geld gekommen; er ließ Schloss und Kirche großzügig umbauen. Er selbst wurde 1727 in der Krypta in Rethmar beigesetzt.

Eine Graböffnung wäre aber nicht nur sehr teuer, sondern auch wegen der Störung der Totenruhe problematisch. Er verfolge den Fall gespannt, sagt der aus München stammende Wackerbarth, denn seine Frau ist eine direkte Nachkommin des Adelsgeschlechts von Rautenberg: Agnes von Rautenberg war die Großtante des Mörders Adam zu Eltz.
Der Pastor der St.-Katharinen-Kirche, Hans-Jürgen Pabst, glaubt indes nicht so recht an diese Geschichte. Er hofft vielmehr, dass die Knochenfunde im Leineschloss zu Königsmarck gehören. „Dann könnten wir ihn ordentlich beerdigen – und es gäbe endlich Ruhe.“

Von Oliver Kühn 

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