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Hat Hannover sein Kulturgut abgerissen?

"Zweite Zerstörung" der Stadt Hat Hannover sein Kulturgut abgerissen?

Vom Friederikenschlösschen am Landtag bis zur "Tränenburg" in Döhren: Eine Fernsehdokumentation wirft Hannover die "zweite Zerstörung" unter Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht vor. Viele Vorkriegsbauten sind dieser zum Opfer gefallen.

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Zweite Zerstörung: Nach dem Krieg wurde zwar das alte Leineschloss (vorne) zum Landtag wieder aufgebaut, aber missliebige historische Gebäude wie die nahezu unzerstörte Flusswasserkunst (links im Bild) oder das Friederikenschlösschen (schräg rechts dahinter) wurden abgerissen. Foto: Wilhelm Hauschild

Quelle: Hauschild

Hannover. Die meisten deutschen Großstädte haben in den letzten Kriegsjahren heftige Zerstörungen durch Luftangriffe hinnehmen müssen. In Hannover lagen, wie etwa auch in Dresden, am Ende rund 85 Prozent der Innenstadt in Trümmern. Viele Städte aber leisteten sich anschließend eine „zweite Zerstörungswelle“ - weil sie für den Wiederaufbau weitere, noch erhaltene Vorkriegsbauten abrissen. Eine Vorreiterrolle spielte dabei Hannover, wie jetzt wieder eine Fernsehproduktion von Radio Bremen dokumentiert, deren zweiter Teil Montagnacht im Ersten ausgestrahlt wird.

Die Liste der nach dem Krieg im kühnen Modernisierungschwung zerstörten hannoverschen Bauwerke ist lang. Friederikenschlösschen und Flusswasserkunst in Landtagsnähe, das nur leicht beschädigte Tanzlokal Neues Haus am Emmichplatz, die Tränenburg am Rittergutstandort in Döhren - alteingesessene Hannoveraner können viele Geschichten davon erzählen, wie die erste Aufbruchstimmung der Nachkriegsjahre das Althergebrachte hinwegfegte.

In Hannover ist das hinlänglich bekannt - das schöne an der Radio-Bremen-Dokumentation ist, dass sie die Vorgänge in einem bundesweiten Kontext einordnet. Auch etwa Ulm, Essen oder eben Bremen kennen das Phänomen der Zweiten Zerstörung, in Ostdeutschland gab es teils ähnliche Entwicklungen.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

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Die Filmmacher Susanne Brahms und Rainer Krause aber arbeiten heraus, warum in Hannover besonders brachial vorgegangen wurde. Es war der damalige Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht, der den Neuaufbau der Stadt mit viel Charisma voranbrachte. Ihn trieb die tiefe innere Überzeugung, dass auf den Trümmern des Krieges eine völlig neue Stadt geschaffen werden müsse, die dem zunehmenden Autoverkehr gerecht werden sollte, aber vor allem auch moderne Wohnungen bieten müsse: Statt der Enge der alten Gründerzeitquartiere boten die Neubauviertel Licht, Luft und Grün vor den Fenstern. Hillebrecht, der vor Kriegsende auch dem Wiederaufbau-Planungsstab der Nazis um Hitlers Chefarchitekten Albert Speer angehörte, ordnete die Neubauten auch so an, dass sie bei einem möglichen weiteren Krieg ein geringeres Risiko für ein Flammeninferno böten - dass lange Frieden in Europa herrschen würde, war damals offenbar kaum vorstellbar. Hillebrechts Wiederaufbauleistung, sein Wille zur Modernisierung und seine Überzeugungskraft in etwa 400 Versammlungen mit hannoverschen Grundstückseigentümern hat ihm damals bundesweit Beachtung beschert. Der „Spiegel“ schreien vom „Wunder von Hannover.

Nicht alle Altbauten waren ungeliebt

„Das neue Hannover entstand in unfassbarer Geschwindigkeit“, heißt es in dem Filmbeitrag, und: „Heute gilt Hannover vor allem dort als besonders schön, wo Rudolf Hillebrecht die Stadt nicht umgestaltet hat.“ Hauptkritiker im Film ist der hannoversche Fahrradaktivist Ulrich Merkel. „Es wurde alles platt gemacht“, sagt er: „Im Grunde gab es einen Hass auf die alten Gebäude, was man heute schmerzlich merkt.“
Ganz richtig ist das nicht. Es waren vor allem die Gebäude der Gründerzeit und geschmückte Neobarock- und Neorenaissancebauten, die den Nachkriegsplanern überkommen schienen. Den Klassizismus hingegen schätzte Hillebrecht, sodass wichtige hannoversche Laves-Bauten wie Leineschloss oder Opernhaus trotz immenser Kriegsschäden wiederhergestellt wurden. Hillebrecht ließ später auch erhaltene Fachwerkhäuser abbauen und in der Altstadt zu einer „Traditionsinsel“ zusammenstellen, weil er merkte, dass seine neue Stadt zwar modern und großzügig war, den Menschen aber identitätsstiftende Altbauten fehlten     

Heute wird Hillebrecht vor allem nachgetragen, dass er die Stadt einseitig auf den Autoverkehr ausgerichtet habe - etwa mit dem Konzept der Schnellwege, das bis heute funktioniert. Als Kronzeugen tauchen Fahrradaktivisten aus Hannover auf, was seltsam wirkt: Aus der Zeitperspektive der Nachkriegsjahre ist es auch rückblickend sicherlich eine richtige Entscheidung gewesen, Städte auf zunehmenden Autoverkehr auszurichten. Die Fahrradbewegung ist deutlich jünger.

Auch der Widerstand gegen die zweite Zerstörung richtete sich damals weniger gegen das hannoversche Verkehrskonzept sondern gegen die Vernichtung des Kulturguts in Form bedeutender Bauwerke. Zunehmend gingen auch in Hannover engagierte Bürger auf die Straße, um gegen eine geschichtsvergessene Abrissorgie zu protestieren. Davon handelt der zweite Teil der Dokumentation.

„Unsere Städte nach ´45“: Der zweite Teil „Abriss und Protest“ wird am Montag ab 23.30 Uhr im ARD-Fernsehen gezeigt. Der erste Teil „Bomben und Bausünden“ wurde am vergangenen Montag gezeigt. Die bereits ausgestrahlten Beiträge sind in der Mediathek zu finden .

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