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Aus der Stadt Ist das Dorfleben noch zu retten?
Hannover Aus der Stadt Ist das Dorfleben noch zu retten?
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00:16 09.11.2017
Von Rebekka Neander
Dr. Annett Steinführer und Carsten Niemann im Interview. Quelle: Montage/Archiv

Die Städte und ihre Randgebiete wachsen derzeit immens - entferntere Landstriche dagegen drohen zu entvölkern. Und trotzdem übt das Landleben auf viele Menschen eine hohe Attraktivität aus. Warum?

Niemann: Ich nehme eine größere Verbundenheit der Menschen mit ihren Orten wahr, ein höheres Maß an örtlicher Identifikation sowie weniger Anonymität. Wir möchten in einer intakteren, naturnahen Umwelt leben - mit mehr Ruhe, günstigeren Lebenshaltungskosten, erschwinglichem Eigentum, persönlicheren Schulen und der Möglichkeit, dass Kinder freier und unbeschwerter aufwachsen können. Gerade die Wedemark ist auch deswegen attraktiv, weil Wohnen und Arbeiten im „Grünen“ möglich sind, Hannover bequem mit Auto und ÖPNV erreichbar - und das Homeoffice durch Breitband gewährleistet ist. Schnelle und zukunftsfähige Internetstrukturen sind in unserer digitalen Welt immer mehr Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und entscheiden als elementarer Standortfaktor.

Steinführer: Wobei die Arbeit ja nicht immer vor Ort sein muss: Pendeln gehört für viele Arbeitnehmer dazu - gerade weil sie sich auf dem Lande wohlfühlen und dort zumindest am Wochenende leben möchten.

Die Interviewpartner

Dr. Annett Steinführer ist dem Land wissenschaftlich auf der Spur. Ihr Arbeitsbereich am Thünen-Institut für Ländliche Räume in Braunschweig befasst sich mit Lebensverhältnissen. Kernstück eines der von ihr geleiteten Projekte ist der Landatlas. Carsten Niemann kennt sich mit Vernetzung aus. Als Wirtschaftsförderer der Gemeinde Wedemark hat er sich in den vergangenen Jahren neben der Positionierung des dörflichen Wirtschaftsraums direkt vor den Türen Hannovers vor allen Dingen als Internet-Pionier einen Namen gemacht. Niemann ist inzwischen Bürgermeister der Samtgemeinde Ahlden und lernt in der Südheide noch einmal neu kennen, wie Dorfleben abseits der großen Städte buchstabiert werden sollte.

Was macht Dorfbewohnern am meisten zu schaffen?

Steinführer: Wenn sie mal wieder in der Zeitung lesen, wie schlecht es sich auf dem Lande lebt, ohne dass man ihre Meinung erfragt hätte. Wenn ihrem Dorf von Außenstehenden die künftige Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Oder wenn Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden - sei es die Schließung der lokalen Schule oder die erneute Nichtberücksichtigung beim Breitband.

Niemann: Das Dorf ist in unserer heutigen Mediengesellschaft kein abgeschiedener Mikrokosmos mehr. Dennoch lassen Überalterung und Landflucht die Besiedlungsdichte schrumpfen, während im Verhältnis die Kosten für die nötige Infrastruktur steigen. Ohne Läden, Ärzte, Busverbindungen und adäquates Internet fühlen sich viele Dorfbewohner vom Fortschritt abgehängt. Manche Dörfer mutieren zu Schlafstätten, eingekauft wird am Arbeitsort, die Kaufkraft für das Dorf geht verloren. Und die kommunalen Gestaltungsspielräume schrumpfen weiter. In Flächenkommunen auch in der Region Hannover ist abseits von Zentren wie Mellendorf, Bissendorf, Neustadt, Großburgwedel diese Tendenz bereits erkennbar.

Wird „das Dorf“ überleben?

Steinführer: Ach, „das Dorf“ als Siedlungsform hat Jahrhunderte voller Krisen und Kriege überlebt, und immer wieder wurden Dörfer auch neu gegründet. Wie die Stadt ist auch das Dorf kein statisches, unveränderliches Gebilde. Wo sich die Bevölkerung mit ihrem Ort identifiziert, wo Verwaltungen und Gemeinderäte aktiv sind, sind Dörfer nicht gefährdet. Im Münchner Umland gibt es bereits Dörfer, die gar nicht weiter wachsen wollen - denn mit den hohen Lebenshaltungskosten und der zunehmenden Verdichtung geht etwas von dem verloren, was Menschen auf dem Land zu finden hoffen.

Info

Das Projekt Übermorgen ist eine Ideen- und Diskussionsplattform von HAZ und Sparkasse Hannover. Wir sammeln in der gedruckten HAZ und auf einer Multimedia-Internetseite Informationen zu wichtigen Zukunftsfragen. Themenpartner ist Hannoverimpuls. Die Internetseite ist auf www.uebermorgen.haz.de zu finden.

Niemann: Durch den demografischen Wandel soll Deutschland bis 2030 etwa vier Millionen Menschen verlieren - vornehmlich zulasten des ländlichen Raums. Nach wie vor zieht es vor allem jüngere Menschen in die Städte. Die Stadt ist Gesellschaft, während das Dorf Gemeinschaft und Heimat ist sowie insbesondere in der Familienphase und bei gestressten Städtern verstärkt in den Fokus rückt. Dadurch eröffnen sich im städtischen Speckgürtel für Kommunen mit guter Infrastruktur große Chancen durch attraktive Bauland- und Immobilienpreise. Aber abgelegene Orte werden weiter ausbluten und überaltern. Gleichwohl ist etwa Resse mit seinem Verein „Bürger für Resse“ ein Paradebeispiel dafür, wie man durch eine zusammenstehende Gemeinschaft im Ort ein Genossenschaftsmodell gezimmert, ein eigenes Supermarktprojekt gestemmt und so dem prognostizierten Niedergang entgegengewirkt hat - weil sich Bank und Post verabschiedet haben und der kleine Dorfladen nicht mehr klarkam. Das Projekt stand dann Pate für Fuhrberg. Nachmachen ist erlaubt und erwünscht!

Wie wappnet sich „das Dorf“ für die Zukunft?

Steinführer: Dreh- und Angelpunkte sind finanzielle Gestaltungsspielräume der Gemeinden, damit diese eben nicht „gerade so“ nur ihre Pflichtaufgaben erfüllen können. Und die Bevölkerung muss sich an grundlegenden Weichenstellungen vor Ort beteiligen können. Eine moderne Infrastruktur vom Ganztagskindergarten über eine gute Verkehrsanbindung bis hin zum bereits genannten Breitbandinternet sollten eine Selbstverständlichkeit sein.

Niemann: Nicht zu vergessen interessante Freizeitangebote, nachhaltige medizinische und pflegerische Versorgung, generationsübergreifende Wohnraumangebote, ein gutes Wohnumfeld, attraktive Immobilienpreise, Arbeitsplätze am Ort, Nahversorgung und Kaufkraftbindung. All das gebettet in eine aktive Ortsgemeinschaft, politisches Miteinander und interkommunale Kooperationen.

Steht der Staat in der Pflicht, für Lebensmittelläden zu sorgen?

Steinführer: Nein - zumal der Staat ja durchaus präsent ist in diesem Feld: Viele öffentliche Mittel fließen in die Agrarpolitik, damit auch in die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte oder in Anschubfinanzierungen für so manchen Dorfladen. Ob der Laden vor Ort tatsächlich in Anspruch genommen wird, die Nachfrage dauerhaft ist und die Bevölkerung dort nicht nur die im Supermarkt vergessene Milch kauft - all das liegt außerhalb des staatlichen Einflusses.

Niemann: Zumal Lebensmittelgeschäfte ja nur ein Teil der Grundversorgung sind. Hier sollte die Kommune bei Bedarf innovative Konzepte mit Akteuren vor Ort initiieren und umsetzen: Bring-Services von vor allem inhabergeführten Einzelhändlern - in Mellendorf hatte das ein Supermarktbetreiber schon vor Jahren etabliert, fuhr die bestellten Waren mit einem alten Tempodreirad vor allem für seine älteren Kunden aus und setzte zudem auf regionale Produkte örtlicher Anbieter. Tolle Sache, auch als Marketinginstrument. „Rollende Supermärkte“ fallen mir dazu ebenfalls ein, ebenso Dorfladenprojekte wie etwa in Bolzum und eben den Frischemarkt Resse.

Und weitere innovative Lösungen für ein gelungenes Dorfleben 4.0?

Steinführer: Hier ist es ein Bürgerbus, dort eine Sharing-App, da ein multifunktionales Dorfgemeinschaftshaus, das Treffpunkt und Versorgungsort zugleich ist.

Niemann: In Schwarmstedt hat sich beispielsweise gerade über unseren Aller-Leine-Tal-Verbund eine Carsharing-Initiative gegründet. Auch das Thema Elektromobilität rückt immer in den Fokus, ferner gibt es diverse Bürgerbus-Projekte. All diese Mobilitätskonzepte, die hier aufgrund der Ist-Situation bereits entwickelt wurden, können auch für stadtnähere Kommunen Modellcharakter haben, so wie in der Wedemark jüngst die „Wedebiene“, ein Mitglieder-Rufbusmodell aus Bienenbüttel.

Interview: Rebekka Neander

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