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Aus der Stadt Setzen Muslime christlichen Flüchtlingen zu?
Hannover Aus der Stadt Setzen Muslime christlichen Flüchtlingen zu?
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00:15 11.07.2016
Von Simon Benne
Poulas Hana lebt inzwischen in einer eigenen Wohnung. Quelle: Franson
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Hannover

Die Vokabel war eine der ersten, die er in Deutschland lernte: „sich in Acht nehmen“. Vielleicht, weil sie genau das umreißt, was ihm zur grundsätzlichen Haltung geworden ist. „Wir Christen sind immer leise – wir wollen ja keine Probleme“, sagt Poulas Hana. Das war daheim in Syrien so, und daran hat sich in Deutschland für ihn nichts geändert.

Der 33-Jährige heißt in Wirklichkeit anders, doch er will nicht erkannt werden: „Das wäre gefährlich“, sagt er. Der Flüchtling lebt inzwischen in einer eigenen kleinen Wohnung. An den Wänden hängen Heiligenbilder und Kreuze, auf dem Tisch liegt eine arabische Bibel. Ehe er hier einzog, lebte er in einer Unterkunft in Hannover: „Ich war der einzige Christ unter Dutzenden Muslimen – und das war kein Vergnügen“, sagt er.

Der Syrer war 25 Tage unterwegs, ehe er vor zwei Jahren in Deutschland ankam. Ein kleines Schiff für 300 Personen, starker Seegang auf dem Mittelmeer, ein kaputter Motor: „Danach hatte ich monatelang Albträume.“ Gut möglich, dass solche Geschichten in ein, zwei Generationen zum Erbgut familiärer Überlieferungen in Deutschland gehören wie heute die Geschichte von Großvaters Flucht übers zugefrorene Haff. In Syrien gehörte seine Familie der christlichen Minderheit an, die inzwischen fast ausgelöscht ist: „Alle geflohen, vertrieben, ermordet“, sagt Hana, der inzwischen gut Deutsch spricht.

Christen erwecken Misstrauen

Im Flüchtlingswohnheim gab er sich vom ersten Tag an als Christ zu erkennen – und erntete prompt misstrauische Blicke: „Die anderen gaben mir zu verstehen, dass sie ihr Zimmer nicht gern mit einem Christen teilen.“ Beim Essen saß er meist allein. „Ständig sagten sie mir, die Bibel sei schlecht, und drängten mich, Muslim zu werden.“ Die Kette mit dem Kreuzanhänger trug er lieber unter dem T-Shirt, die Bibel las er nicht, wenn andere es sahen. „Alle standen um 5.30 Uhr auf, um gemeinsam zu beten – und ich blieb liegen“, sagt er. „Dabei haben sie alle, die nicht mit beteten, schon nachdrücklich dazu aufgefordert.“

Man braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass es manchmal Courage braucht, um im Bett zu bleiben. Übergriffe oder Gewalt habe es jedoch nie gegeben, betont Poulas Hana. Doch ständig habe er sich für seinen Glauben rechtfertigen müssen: „Manche wollten mich provozieren, doch dann bin ich einfach aus dem Zimmer gegangen“, sagt er. „Ich bin ja vorsichtig.“

Es ist schwer zu sagen, ob seine präventive Vorsicht berechtigt ist. Ist seine Angst nicht eher ein Produkt der Verhältnisse in Syrien? Doch ist sie deshalb in Deutschland ganz unbegründet?

Bischöfe glauben an Einzelfälle

Das Hilfswerk Open Doors schlug schon vor Wochen Alarm und berichtete von Diskriminierungen und Angriffen auf Christen in Flüchtlingsheimen. Kritiker monierten, die Darstellung sei unseriös, gesicherte Zahlen gebe es nicht. Landesbischof Ralf Meister erklärt, es handele sich um Einzelfälle. „Diese gibt es immer wieder, doch es ist kein organisiertes Massenphänomen“, sagt auch Hildesheims katholischer Bischof Norbert Trelle.

Moses Tan ist da skeptisch: „Viele Betroffene gehen gar nicht an die Öffentlichkeit – sie setzen alles daran, in Deutschland nicht aufzufallen“, sagt der Diakon der Syrisch-Orthodoxen Kirchengemeinde Hannover, der oft mit christlichen Flüchtlingen zu tun hat. In Heimen stünden diese oft unter Druck und müssten gegenüber Muslimen ihren Glauben verteidigen. „Meist setzen sie auf Deeskalation“, sagt Tan: „Schließlich haben sie vor Augen, was in ihren Heimatländern passiert ist.“

Besonders Konvertiten haben es schwer: „Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis, die Christen werden, stoßen im Wohnheim und auch in der eigenen Verwandtschaft auf massiven Widerstand“, sagt Irene Wegener, die das Flüchtlingsheim der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde am Döhrener Turm leitet. Eine flächendeckende Verfolgung von Christen gebe es in deutschen Heimen sicherlich nicht, betont sie: „Doch Christen sind – ebenso wie Homosexuelle – oft sehr vorsichtig und haben große Angst, sich zu outen.“

Poulas Hana blickt ungern auf seine sechs Monate im Heim zurück: „War eine schlimme Zeit“, sagt er. Als er endlich die ersehnte Aufenthaltserlaubnis bekam, sagten die anderen, er sei als Christ bevorzugt worden: „Dabei gibt es auch Christen, die lange darauf warten müssen.“ Ein einziger muslimischer Mitbewohner habe sich dafür eingesetzt, ihn trotz seines Glaubens zu respektieren: „Zu ihm habe ich auch heute noch Kontakt.“ Inzwischen geht er in Deutschland regelmäßig in die Kirche. Und doch passt er genau auf, wem er von seiner Religion erzählt. Es ist jenes „in Acht nehmen“, das in seinem Leben einen festen Platz hat. Hana schüttelt den Kopf: „Da lebe ich nun in einem christlichen Land – und bin doch nicht frei.“     

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