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Drückt man die Daumen für 96 oder den FC Sevilla?

Spanische Kolonie in Hannover Drückt man die Daumen für 96 oder den FC Sevilla?

Am Donnerstag muss sich die große spanische Kolonie in Hannover entscheiden: Drückt man die Daumen für 96 oder den FC Sevilla? Gedanken zu Fußball und Identität beim Spiel Real gegen Barca im spanischen Viertel.

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Manuel Simon (Bildmitte) arbeitet in der Gaststätte von Hannover 96, aber zittert am Donnerstagabend für Sevilla.

Quelle: Christian Burkert

Hannover. Dies ist ein großer Tag, für Dennis wie für Mesut, für jeden auf seine Weise. Aus zwei Ecken des Raumes pusten große Boxen die Stimme des spanischen Kommentators in den Saal, etwas zeitversetzt kommt sie erst von vorne und dann von hinten, um schließlich durch die dicken Backsteinmauern nach draußen in den Hof zu sickern. Dennis-Noel Savasir-Colmenero aus Hannover trägt an diesem Abend sein Real-Madrid-Trikot, genau wie Mesut Özil aus Gelsenkirchen. Dennis hat es zum Fußballgucken im galizischen Kulturzentrum im Lindener Ahrbergviertel angezogen, Mesut trägt es zum Fußballspielen im Estadio Santiago Bernabéu in Madrid. Irgendwann schießt Mesut in Madrid ein Tor, in Hannover springt Dennis von seinem Stuhl auf, und unweigerlich muss man daran denken, wie ähnlich ihre Situationen sind und wie grundverschieden.

Am Donnerstagabend spielt Hannover 96 zum ersten Mal seit 19 Jahren wieder im Europapokal, und die Auslosung will es, dass wohl rund 3000 hannoversche Spanier mit geteiltem Herzen im Stadion oder vor den Fernsehgeräten sitzen werden. Die Qualifikationsrunde für die sogenannte Europa League hat der Mannschaft von Mirko Slomka den andalusischen Spitzenklub FC Sevilla eingebrockt. So ärgerlich der starke Gegner in der ersten Runde aus sportlicher Sicht sein mag – für die Mitglieder der spanischen Kolonie in Hannover, eine der größten in Deutschland, ist die Begegnung ein Fest. Eines, bei dem sie wieder schwanken werden zwischen der alten Heimat und der neuen, dem eigenen Geburtsland und dem der Eltern. Abwägungen, die kaum irgendwo so schonungslos getroffen werden müssen wie beim Fußball.

Die Spanier kommen - vielmehr die Fans des FC Sevilla, die ihren Club am Donnerstag in Hannover gegen die "Roten" anfeuern. Mit diesem spanischen Grundwortschatz rund um den Fußball sind Sie fit für die deutsch-spanische Begegnung.

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An diesem Abend aber läuft im „Centro Galego“ in Linden zunächst einmal der „Clasico“, das ewig junge Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Dennis ist 17. Er ist in Hannover geboren, seine Mutter ist Spanierin, sein Vater Türke, und der „Clasico“, sagt Dennis, ist das wichtigste Spiel des Jahres. Wie er das so sagt, wirkt es, als wenn er den spanischen Teil seiner Identität herübertransportieren möchte nach Linden, wo die Nachbarn sich viel mehr für Deutschland gegen England interessieren. „Es gibt kein größeres Spiel als dieses“, sagt Dennis fast trotzig. „Es ist halt der ,Clasico‘.“ Gerade hat er das gesagt, da bekommt Mesut Özil den Ball, deutscher Nationalspieler, geboren im Ruhrgebiet und Sohn türkischer Eltern. Auch so einer mit einem geteilten Herzen.

Am Donnerstag aber spielt nicht Real, sondern 96, und da beginnt die Sache, kompliziert zu werden. Wenn Deutschland gegen Spanien spielt, ist er für Spanien, sagt er. Und wenn Spanien gegen die Türkei spielt? Dennis zieht die Stirn kraus. Jedenfalls, bei 96 gegen Sevilla ist die Sache für ihn klar, da ist er für 96 und damit ganz Hannoveraner.

In der Halbzeit hat sich Manuel Simon auf eine Zigarette vor die Tür verfügt, er lehnt sich an die Backsteinmauer und nimmt einen tiefen Zug. „Wenn eine spanische Mannschaft spielt, bin ich für die spanische Mannschaft“, sagt er. Am Donnerstag werde er ganz sicher Sevilla die Daumen drücken, sagt der 36-Jährige, und der Gedanke gewinnt an Charme, wenn man weiß, was Manuel Simon von Beruf ist: Koch in der Vereinsgaststätte von Hannover 96 in der Clausewitzstraße. „Am Donnerstagabend muss ich arbeiten“, sagt er und bläst Rauch aus. „Kann schon sein, dass ich mir dann den einen oder anderen Spruch anhören muss.“

Anders als Dennis ist Manuel Simon in Spanien geboren. Vor 16 Jahren kam er aus der nordspanischen Hafenstadt La Coruña nach Hannover, schon ein junger Mann von 20 Jahren. Auch wenn er ohne jeden Akzent Deutsch spricht, hat er doch seine Sprache mitgenommen, seine Erinnerungen an La Coruña und sein Temperament. Am Wochenende spielt Manuel Simon in der Ü-32-Mannschaft des TV Badenstedt gemeinsam mit lauter Landsleuten. Dann spielen sie Fußball auf spanische Art, nicht auf deutsche, was heißt, „dass die Gegner wissen, wie sie uns reizen können“, sagt Simon. „Und wir lassen uns reizen. So sind wir halt, das ist unser Temperament.“

„Die Roten" bereiten sich mit kurzen Trainingseinheiten auf das Europa-League-Spiel gegen den FC Sevilla am Donnerstag vor. Es ist für Hannover 96 nach 19 Jahren das erste Spiel in einem internationalen Wettbewerb.

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Manuel Simon hofft also, dass Sevilla Hannover schlagen wird, in der Ü 32 des TV Badenstedt werden das viele genauso sehen. Aber wenn sie doch verlieren, dann wird das auch in Ordnung sein. Dann zittert Simon eben für 96 weiter. Dann ist es gut, dass man ein geteiltes Herz hat.

Die zweite Halbzeit fängt an. Auf den Tischen stehen Weißbrot, Oliven, Schinken und Käse, und Real hat ein 1:2 aufzuholen. Manuel Simon lehnt sich gelassen an die Bar, beim „Clasico“ kann er das, schließlich spielt La Coruña nicht mit. Dennis ist derweil angespannt, und als Real ein paar Minuten später das 2:2 schießt, springt er vor der Leinwand wieder von seinem Stuhl auf.

Dann ist das Spiel des Jahres vorbei und die Liveübertragung auch. Nach einem spanischen Abend geht der spanische Dennis nach Hause, wo er, so kommt es einem vor, den deutschen und den türkischen Dennis für ein paar Stunden zurückgelassen hatte. Und wenn am Donnerstagabend angepfiffen wird, wird er einfach Hannoveraner sein.

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